Kernkraft-Ausbau Britische Experten warnen vor Bombenstoff für alle

Absage an die Kernenergie: Britischen Forschern zufolge müsste in den kommenden Jahrzehnten wöchentlich ein Reaktor gebaut werden, um den CO2-Ausstoß zu bändigen. Für Terroristen würde es dann sehr viel leichter, an Stoff für eine Atombombe zu gelangen.


Verbrennt sich die Menschheit an der Kernkraft die Finger? Das glauben zumindest die Autoren einer neuen britischen Studie zur zivilen Nutzung von Atomenergie: "Too hot to handle" - zu heiß, um damit umzugehen, heißt das Papier der Oxford Research Group, das auch online verfügbar ist. Darin wird erklärt, dass auch eine massive weltweite Ausweitung der Kernkraft-Nutzung keinen wesentlichen Effekt auf den Kohlendioxid-Ausstoß haben würde - und damit auf den Klimaschutz. Allerdings erhöhe der Neubau von Kernreaktoren zwangsläufig das Risiko der Weitergabe spaltbarer Materialien - aus denen auch Terroristen Atombomben bauen könnten.

Die Autoren Frank Barnaby und James Kemp haben im Auftrag von David Howarth, Abgeordneter für den Wahlkreis Cambridge, durchgespielt, was ein starker globaler Ausbau der Kernkraft im Laufe dieses Jahrhunderts bedeuten würde. Howarth vertritt im britischen Unterhaus die oppositionellen Liberaldemokraten - und gilt als Kernkraftkritiker. Die britische Regierung hatte hingegen im Mai angekündigt, dass eine neue Generation Atomreaktoren zum klimafreundlichen Energiemix auf der Insel dazugehören müsse.

Dem widerspricht nun die Too-hot-Studie der Oxford Research Group, einer unabhängigen, nicht-staatlichen Denkfabrik. Um einen signifikanten Einfluss auf den CO2-Ausstoß zu haben, müssten in unglaublicher Geschwindigkeit neue Meiler gebaut werden, so die Autoren:

  • Binnen des nächsten Vierteljahrhunderts werde der weltweite Elektrizitätsbedarf um 50 Prozent steigen, gleichzeitig seien zurzeit aber nur 25 neue Atomreaktoren im Bau. 76 seien geplant, für 162 weitere gebe es Vorschläge. Dem stünden aktuell 429 Reaktoren im Betrieb gegenüber, von denen sich bereits viele dem Ende ihrer Laufzeit näherten.
  • Angesichts dieser Zahlen müsse bis zum Jahr 2075 fast im Wochenrhythmus ein neuer Reaktor ans Netz gehen, um einen maßgeblichen Beitrag zur CO2-Reduktion zu leisten. "Ein ziviles Kernkraftprogramm in diesem Maßstab ist ein Wunschtraum", urteilen Barnaby und Kemp. Die höchste historische Rate für den Reaktorneubau liege bei etwa 3,5 Meilern pro Jahr.
  • Vor allem aber eröffne eine Ausweitung des AKW-Parks ein gefährliches Brennstoffdilemma: Die weltweit verfügbare Uranmenge würde nicht ausreichen. Bald würde der Einstieg in die Plutoniumwirtschaft mit Brutreaktoren als Ausweg herhalten müssen.
  • Doch "gegenwärtige nationale und internationale Sicherungssysteme können die Bewegung nuklearen Materials durch Wiederaufarbeitungs- und Anreicherungsanlagen schon nicht angemessen überwachen", urteilen die Autoren. Die Weiterverbreitung spaltbaren Materials im Laufe des kommenden Jahrzehnts sei unvermeidbar. Jede Ausweitung der zivilen Nutzung würde so auch der atomaren Bewaffnung einer immer größeren Zahl von Staaten Vorschub leisten.

Die Oxforder Friedens- und Konfliktforscher sind nicht die ersten Kernkraftkritiker, die auf dieses Dilemma hinweisen. Als Anfang des Jahres EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso die Kernkraft als Klima-Therapie ins Spiel bringen wollte, erntete er bereits entsprechende Gegenrede.

Auch die damalige Regierung Blair, die im Mai mit einem White Paper die neue - atomfreundliche - Energiepolitik ankündigte, erntete ähnliche Kritik. Der Studien-Auftraggeber Howarth sagte damals: "Ich glaube, dass die Regierung in Sachen Kernkraft grundsätzlich falsch beraten ist und sich von einer irreführenden PR-Kampagne der Atomindustrie zu einer schlechten Entscheidung hat hinreißen lassen."

Insofern kann der Tenor der von ihm beauftragten Analyse nun nicht überraschen - weder in Großbritannien noch in Deutschland, wo Bundeskanzlerin Merkel auf ein Atom-Comeback ab 2009 setzt. Auch im Kontext der neuen Debatte über Sicherheitsprobleme in deutschen Meilern nach dem Brand am AKW Krümmel vergangene Woche, gibt es neuen Streit über die Verantwortbarkeit der Kerntechnologie.



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