Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kinder-Ernährung: Wer Lauch isst, staubt ab

Von Nora Schultz

Soll man Kinder bestechen, damit sie gesünder essen? Klappt nie, warnten Forscher bisher - neue Studien aber besagen das Gegenteil. Mit viel Lob oder Aufklebern als Belohnung kann man den Gemüsehunger beim Nachwuchs durchaus steigern. Und das sogar auf Dauer.

Junge am Gemüsestand: Essgewohnheiten der Eltern sind für Kinder ein Vorbild Zur Großansicht
Getty Images

Junge am Gemüsestand: Essgewohnheiten der Eltern sind für Kinder ein Vorbild

Fast alle Eltern kennen den Kampf, ihre Kinder zum gesunden Essen zu bewegen. Insbesondere Gemüse ist häufig unbeliebt oder wird gar nicht erst probiert. Wer jedoch den Nachwuchs mit Aussicht auf Belohnung zum Brokkolifuttern überreden will, wird seit Jahren von Experten und Ratgebern gewarnt: Bestechungsversuche, so der Konsens, lassen die beworbene Nahrung nur noch unappetitlicher erscheinen und verhindern erst recht, dass Kinder zu echten Gemüsegourmets werden.

Jetzt jedoch haben britische Forscher die heikle Frage nach Belohnungen für gesundes Essen neu gestellt und kommen zu ganz anderen Ergebnissen: Richtig eingesetzt sind kleine Aufmerksamkeiten, die Kinder zum Gemüseessen anspornen sollen, nicht nur unschädlich, sondern sie beeinflussen das Essverhalten sogar besonders nachhaltig positiv.

Lucy Cooke und Kollegen vom University College London boten hierzu 422 Vier- bis Sechsjährigen zwölf Tage lang Karotten, roten Paprika, Zuckerschoten, Weißkohl, Gurke und Stangensellerie an. Vor und nach dem Versuch fragten sie die Kinder, wie gerne sie die jeweiligen Gemüsesorten mochten. Außerdem führten die Forscher Buch darüber, wie viel von der Auswahl die Kinder tatsächlich aßen. Eine Gruppe Kinder bekam das Gemüse dabei lediglich regelmäßig angeboten, während Kinder in der zweiten Gruppe für jeden Bissen gelobt wurden und Kinder in der dritten Gruppe zur Belohnung Aufkleber erhielten.

Wie das Team jetzt im Fachblatt "Psychological Science" berichtet, steigerte das Experiment die Beliebtheit von Gemüse zunächst in allen drei Gruppen vergleichbar stark.

Loben allein reicht nicht

Anders sah es bei der tatsächlich verzehrten Gemüsemenge aus: Die stieg zwar auch in allen Gruppen, aber deutlich mehr bei den Kindern, die gelobt oder belohnt worden waren. In weiteren Tests jeweils einen Monat und drei Monate nach dem Experiment aßen allerdings nur noch die Kinder in Gruppe zwei und insbesondere in Gruppe drei deutlich mehr Gemüse als vor der Studie, während der Gemüsehunger der Kinder in Gruppe eins nicht mehr nachweislich höher war als vor dem Versuch.

Obwohl die Angaben der Kinder zur Popularität von Gemüse sich also unabhängig von Lob oder Belohnung sehr ähnelten, brachten nur zusätzliche Anreize und hier vor allem die Aufkleber die Kinder dazu, auch langfristig wirklich mehr Gemüse zu essen.

"Wir wissen, dass über die Hälfte aller Mütter versucht, ihre Kinder mit Belohnungen zum Essen zu bewegen, trotz der weitverbreiteten Meinung, dass dies schädlich sein könnten", erklärt Lucy Cooke. "Umso wichtiger erschien es uns, noch einmal zu prüfen, ob es nicht doch Wege gibt, Belohnungen auf unbedenkliche und vielleicht sogar effektive Weise als Essensanreize einzusetzen."

Geschmack anpreisen

Helen Hendy von der Pennsylvania State University, die nicht an der aktuellen Arbeit beteiligt war, hat in eigenen Studien ebenfalls festgestellt, dass die richtigen Worte viel ausmachen können, um die gesunde Ernährung von Kinder zu fördern. Neben Lob sei es vor allem sehr effektiv, den Geschmack des gewünschten Essens immer wieder anzupreisen. Cookes Ergebnisse zum Einsatz kleiner Belohnungen findet sie überzeugend, warnt jedoch entschieden davor, anderes Essen oder gar Süßigkeiten als Anreiz zu versprechen: "Lieblingssnacks als Belohnung dafür anzubieten, dass man etwas anderes isst oder probiert, führt nur dazu, dass Gemüse im Vergleich zum Lieblingsessen besonders unattraktiv wirkt."

Katja Kröller von der Universität Potsdam, die erforscht, wie man Übergewicht bei Kindern vorbeugen kann, sorgt sich jedoch, dass genau diese Strategie am entscheidenden Ort, nämlich in der Familie, viel zu oft zum Einsatz kommt: "Fragt man Eltern nach ihren Belohnungsstrategien, so wird häufig gerade beliebtes Essen, wie Süßigkeiten, als Belohnung für erwünschtes Verhalten oder sogar den Verzehr von unbeliebtem Essen, wie Gemüse, eingesetzt."

Damit es mit dem Gemüsegenuss auch in der Familie klappe, sei es nach ihren Ergebnissen besonders wichtig, dass Eltern explizites Vorbildverhalten bei ihren eigenen Essgewohnheiten zeigten. Aufkleber zur Belohnung hält sie trotzdem für eine aussichtsreiche Idee - solange gezeigt werden könne, dass diese Strategie auch im Rahmen familiärer Mahlzeiten klappt - und nicht nur in der Schule, wo ganz andere Strukturen vorherrschten als daheim.

Das sieht Lucy Cooke ähnlich, und die entsprechende Studie läuft schon. Die ersten Ergebnisse sind vielversprechend: Sie deuten darauf hin, dass der Aufklebertrick zu Hause sogar noch besser klappt.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 43 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
solitube 29.01.2011
pff.. man darf den kindern einfach keine extrawürste geben. was gekocht wird wird gegessen. ein kind muss nich alles mögen, aber probieren, und dann wird es im normalfall auch die meisten dinge essen. is wirklich nich so kompliziert.
2. Unsinn
Leto_II., 29.01.2011
Zitat von sysopSoll man Kinder bestechen, damit sie gesünder essen?*Klappt nie, warnten Forscher bisher - neue Studien aber besagen das Gegenteil. Mit viel Lob oder Aufklebern als Belohnung kann man den Gemüsehunger beim Nachwuchs durchaus steigern. Und das sogar auf Dauer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,741910,00.html
Man führe einfach bereits das Kleinkind an eine ausgewogenen und abwachselungsreiche Ernährung heran, dann isst das Kind auch Fisch, Gemüse und Vollkornbrot. Essen muss man zelebrieren, mit Kindergartenkindern kann man auch mal zusammen Einkaufen und Kochen, ein 4-jähriges Kind kann unter Anleitung Möhren und Kartoffeln schälen und zerkleinern, da braucht es einfach mal etwas Geduld. Eine Rohkostplatte kann man durch viele verschieden Farben auch mal interessant gestallten. Das Problem ist in der Regel selbst gemacht.
3. Das Übel an der Wurzel packen ...
JoSchuk 29.01.2011
Zitat von sysopSoll man Kinder bestechen, damit sie gesünder essen?*Klappt nie, warnten Forscher bisher - neue Studien aber besagen das Gegenteil. Mit viel Lob oder Aufklebern als Belohnung kann man den Gemüsehunger beim Nachwuchs durchaus steigern. Und das sogar auf Dauer. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,741910,00.html
Einfacher wäre es, den ganzen "Dickmacherschrott" und die "Giftmixturen" die uns die Nahrungsmittelmafia jeden Tag aus Gewinnmaximierungsgründen anbietet, zu verbieten und die Herstellung unter Strafe zu stellen. Eine lückenlose Inhaltsangabe ( ich meine eine in der z.B. Glutamat nicht plötzlich als Hefeersatz deklariert wird) zusätzlich wäre auch ganz gut.
4. Einfacher, als man denkt
derfreundvomkleenen 29.01.2011
Ich kann die Ergebnisse der Studie nur bestätigen. Seit mein Dreijähriger nach dem Essen Fernsehgucken darf, wenn er alles aufisst, klappt es auch mit Broccoli & co. Man muss nich immer die dicken Erziehungsbücher lesen, gesunder Menschenverstand reicht auch, wie man sieht.
5.
Leto_II., 29.01.2011
Zitat von JoSchukEinfacher wäre es, den ganzen "Dickmacherschrott" und die "Giftmixturen" die uns die Nahrungsmittelmafia jeden Tag aus Gewinnmaximierungsgründen anbietet, zu verbieten und die Herstellung unter Strafe zu stellen. Eine lückenlose Inhaltsangabe ( ich meine eine in der z.B. Glutamat nicht plötzlich als Hefeersatz deklariert wird) zusätzlich wäre auch ganz gut.
Eltern kaufen diesen Schrott.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Übergewicht und Fettsucht
Die Fettsuchtepidemie
Die Fettsucht, auch Adipositas genannt, gehört in den Industrienationen zu den führenden Auslösern von Todesfällen und Invalidität. Studien zufolge ist die Krankheit weltweit für jährlich rund 2,6 Millionen Todesfälle und mindestens 2,3 Prozent der Gesundheitskosten verantwortlich.
Folgeerkrankungen
Die Adipositas kann Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Herz- und Kreislauferkrankungen, Schlaganfälle und psychische Beschwerden hervorrufen. Die Weltgesundheitsorganisation und auch die US-Gesundheitsbehörden sprechen inzwischen von einer Fettsuchtepidemie, die ebenso bekämpft werden müsse wie tödliche Infektionskrankheiten.
Body-Mass-Index (BMI)
Ob jemand übergewichtig oder fettsüchtig ist, ermitteln Mediziner anhand des Body-Mass-Index (BMI). Dieser Wert entspricht dem Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Ein Beispiel: Ein 1,80 Meter großer Mann wiegt 75 Kilogramm. Sein BMI beträgt 75 : 1,80² = 23,15. Als Idealwert gilt bei Frauen ein BMI von 22, bei Männern ein BMI von 24.
BMI-Tabellen
Der "wünschenswerte" BMI hängt vom Alter ab. Die linke Tabelle zeigt die entsprechenden Werte für verschiedene Altersgruppen. Die rechte Tabelle zeigt die BMI-Klassifikation (nach DGE, Ernährungsbericht 1992):

Alter BMI
19-24 Jahre 19-24
25-34 Jahre 20-25
35-44 Jahre 21-26
45-54 Jahre 22-27
55-64 Jahre 23-28
>64 Jahre 24-29

Klassifikation männl. weibl.
Untergewicht unter 20 unter 19
Normalgewicht 20-25 19-24
Übergewicht 25-30 24-30
Adipositas 30-40 30-40
massive Adipositas über 40 über 40


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: