Kinderlähmung 488 Millionen Euro für Kampf gegen Polio

Der Erreger der Kinderlähmung ist hartnäckig: Seit acht Jahren sollte das Poliovirus ausgerottet sein, doch es infiziert noch immer Kinder in Nigeria, Indien, Afghanistan und Pakistan. Eine neue Kampagne soll der Krankheit nun endlich den Garaus machen. Kostenpunkt: 488 Millionen Euro.


Eine neue Initiative soll die Kinderlähmung endgültig vom Erdball verschwinden lassen. Zu diesem Zweck hat eine internationale Koalition mit deutscher Beteiligung umgerechnet 488 Millionen Euro zugesagt. Die größten Summen kommen von der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung (187 Millionen Euro), aus Großbritannien (107 Millionen) und von der Bundesregierung Deutschland (100 Millionen).

Polioimpfung in Nigeria: Das Land ist einer von vier Staaten, in dem Polioviren noch wüten
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Polioimpfung in Nigeria: Das Land ist einer von vier Staaten, in dem Polioviren noch wüten

Das Geld fließt der Global Polio Eradication Initiative (GPEI) zu, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), dem UN-Kinderhilfswerk Unicef und den Rotariern getragen wird. Damit sollen Impfkampagnen in den letzten poliogefährdeten Ländern finanziert und die Impfstoffforschung unterstützt werden.

Das Poliovirus konnte seit 1988 unter Federführung der WHO in rund 120 Ländern besiegt werden und sollte bereits Ende 2000 vom Globus verschwunden sein. Aufgrund einer konsequenten Durchimpfung der Bevölkerung wurde in Deutschland seit 1990 kein Fall von Kinderlähmung mehr gemeldet. Die USA gelten seit 1994 als poliofrei, die China und zahlreiche asiatische Länder seit 2000, Europa seit 2002. Vor der GPEI-Gründung 1988 waren jährlich rund 350.000 junge Menschen an Kinderlähmung erkrankt. 2008 wurden nur noch 1618 neue Fälle gezählt.

Doch der Kampf gegen den tückischen Erreger erlitt immer wieder Rückschläge: Derzeit hält sich das Virus noch in Afghanistan, Pakistan, Indien und Nigeria, wo die Zahl der Infektionen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in Berlin im Jahr 2008 sogar noch zugenommen hat. "Die derzeit steigenden Fallzahlen in den verbleibenden vier Endemieländern zeigen deutlich, dass die Polio-Eradikation schwieriger ist als erwartet, und dass sie ein noch größeres Engagement aller Staaten als ursprünglich vorhergesehen erfordert", heißt es im Epidemiologischen Bulletin des RKI vom Oktober 2008.

Die Viren gelangen über Schmutz und mitunter auch per Tröpfcheninfektionen in den Körper. Dort sammeln sie sich im Rückenmark und im Gehirn, wo eine lokale Entzündungsreaktion die Nervenzellen zerstört, die insbesondere die Muskelaktivität steuern. Schlaffe Lähmungen und daraus folgende Gelenkdeformationen sind die Folgen.

Kinder weltweit schützen

Eine Immunisierung, wie sie auch in Deutschland von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen wird, kann mit hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Infektion schützen. Früher haben Ärzte mit einer Schluckimpfung abgeschwächte, aber lebende Erreger eingesetzt. Heute spritzen sie in Deutschland Totimpfstoff, um das - wenn auch geringe - Risiko einer Infektion durch den Lebendimpfstoff zu vermeiden. Für Massenimpfungen eignen sich Schluckimpfungen allerdings deutlich besser, so dass sie in den Endemiegebieten noch immer verwendet werden.

Nach den Pocken wäre die Kinderlähmung die zweite Infektionskrankheit, die weltweit ausgerottet würde. Allerdings glauben Gesundheitsexperten, dass sich das Poliovirus blitzschnell wieder ausbreiten würde, sobald man an Mitteln für seine Bekämpfung sparte.

Einen angestrebten Zeitpunkt für den Sieg über die Kinderlähmung nennt die Initiative nicht mehr. Der Erfolg wäre jedoch nicht nur segensreich für die Menschen, sondern der Initiative zufolge auch ein gutes Geschäft: Bis zu 1,5 Milliarden Dollar pro Jahr ließen sich nach ihren Angaben sparen und an anderer Stelle für die Gesundheit investieren, wenn die Polio-Ausrottung gelänge. Den derzeitigen Status quo zu erhalten, sei nicht nur unmenschlich im Hinblick auf die weiteren Opfer, sondern auch viel zu kostspielig, argumentierte Microsoft-Gründer Bill Gates.

hei/dpa



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