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Kindesentwicklung: Wir-Gefühl in Windeln

Von "Gehirn-und-Geist"-Autor Christian Wolf

Sie schreien, wenn ihnen etwas nicht passt, und blicken ansonsten verträumt ins Leere: Babys, so wirkt es auf den ersten Blick, können nicht viel. Doch der Schein trügt - erstaunlich früh verfügen die Sprösslinge über beeindruckende soziale Fähigkeiten.

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Charmeoffensive: Säuglinge nehmen überraschend schnell Kontakt auf

Max liebt Buttergebäck. Heimlich nascht der 14 Monate alte Junge die letzten Kekse und legt die leere Schachtel zurück auf den Tisch. Seine Schwester sieht die Packung und streckt begierig ihre Hand aus. Max wundert sich: Warum greift sie danach, obwohl sie doch leer ist? Er versteht nicht, warum seine Schwester gar nicht wissen kann, dass er die letzten Süßigkeiten vertilgt hat. Der Grund: Max ist schlicht zu jung; ihm fehlt ein zentrales Kennzeichen der "Theory of Mind" - der Fähigkeit, Vermutungen darüber anzustellen, was im Kopf eines anderen vor sich geht.

Für uns Erwachsene ist es ein Kinderspiel, zu bemerken, wann Mitmenschen aus falschen Überzeugungen heraus handeln. Diese Form von Erkenntnis gilt als elementar für die soziale Kompetenz. Bisher gingen Forscher davon aus, dass Kinder diese Gabe mit ungefähr vier Jahren entwickeln. Der Umschwung kann mit dem sogenannten False-Belief-Test festgestellt werden: Das Kind beobachtet dabei, wie ein Erwachsener ein Objekt an einer bestimmten Stelle platziert. Die Person verlässt anschließend den Raum, und in der Zwischenzeit verstaut der Versuchsleiter den Gegenstand an einem anderen Ort. Der Erwachsene kehrt zurück, und das Kind wird gefragt, wo dieser wohl nach dem Objekt sucht. Die meisten Dreijährigen denken, der Erwachsene werde dort nachschauen, wo sich das Objekt tatsächlich befindet. Ältere Kinder hingegen wissen: Er sucht da, wo es zuvor lag. Sie begreifen also, dass mentale Zustände - beispielsweise Überzeugungen - die Realität nicht direkt widerspiegeln, sondern Repräsentationen sind, die auch falsch sein können.

Absichten eines anderen verbal erfassen

Doch der klassische False-Belief-Test hat Nachteile, die Kleinkinder daran hindern könnten, ihn zu bestehen: Sie müssen nicht nur die Absichten eines anderen verstehen, sondern auch verbal erfassen, was die Forscher von ihnen wollen. So kann es passieren, dass die Kinder nur deshalb durchfallen, weil sie nicht wissen, was zu tun ist.

Wissenschaftler um Victoria Southgate von der Birkbeck University of London wandelten den Versuch daher ab: Anstatt den Kleinen eine konkrete Aufgabe zu stellen, beobachteten sie einfach deren Blicke. Im Jahr 2007 setzten die Kognitionspsychologen 20 Zweijährige vor einen Monitor, auf dem sich die folgende Szene abspielte: Ein Erwachsener steht vor einer Wand mit zwei Fenstern, durch die hindurch jeweils eine undurchsichtige Box zu erreichen ist. Zu Beginn taucht eine Puppe am unteren Bildschirmrand auf und legt einen Ball in eine der beiden Kisten. Nachdem die Fenster erleuchtet werden und ein Klang ertönt, öffnet die Person das entsprechende Fenster und holt sich das Spielzeug.

Im eigentlichen Test sehen die Kleinen dann, wie der Erwachsene sich, durch ein Telefonklingeln abgelenkt, abwendet. Währenddessen stiehlt die Puppe den Ball aus der Schachtel und legt ihn in die andere Kiste. Schließlich nimmt sie ihn erneut heraus, um damit zu verschwinden. Als sich der Erwachsene wieder umdreht, muss er also denken, der Ball befände sich immer noch in der ersten Kiste. Die spannende Frage lautete nun: Wohin blicken die Kleinen, sobald das Licht angeht? Wie sich herausstellte, richtete die große Mehrzahl der Kinder ihre Augen auf das Fenster, hinter dem der Erwachsene gemäß seiner falschen Überzeugung suchen müsste.

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1. Dies zeigt doch
zappuser 28.11.2010
nicht nur Intelligenz sondern auch soziale Intelligenz ist angeboren.
2. schade ...
spiegelleser987 28.11.2010
Zitat von sysopSie schreien, wenn ihnen etwas nicht passt, und blicken ansonsten verträumt ins Leere: Babys, so wirkt es auf den ersten Blick, können nicht viel. Doch der Schein trügt - erstaunlich früh verfügen die Sprösslinge über beeindruckende soziale Fähigkeiten. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,731171,00.html
Nur schade, dass das bei vielen im Laufe der Jahre verloren geht.
3. Titelfrei - Spaß dabei!
nurzubesuchhier 28.11.2010
Zitat von zappusernicht nur Intelligenz sondern auch soziale Intelligenz ist angeboren.
Stimmt. Aber nichtsdestotrotz ist beides ausbaufähig bzw. -bedürftig.
4. Die Forschungsergebnisse bestätigen meine privaten Beobachtungen
utada 29.11.2010
Ich finde solche Forschungen bei Säuglingen und Kleinkindern immer wieder total interessant! Auch wenn ich ehrlich sagen muss, dass die Forschungsergebnisse aus dem Artikel teilweise meine eigenen, privaten Beobachtungen, die ich an meinem Sohn gemacht habe (er wird diese Woche 2), bestätigen. Trotzdem, es ist gut, dafür einen wissenschaftlichen Beweis zu haben: soziale Fähigkeiten und Intelligenz sind angeboren! Das sollte man auch allen Eltern, die ihre Kinder mit einem straffen Frühförderprogramm (fast jeden Tag ein Kurs!) nicht fördern, sondern über-fordern, mit einem fetten Ausrufezeichen sagen: Eltern, entspannt euch, ihr müsst wirklich nicht jeden verfügbaren Kurs mit euren Kleinen machen, und schon gar nicht "Englisch für Babys" und so'nen Quatsch! Eure Kleinen bringen die wichtigsten Fähigkeiten, die sie so brauchen, schon von Geburt an mit! Ich frage mich allerdings, warum diese angeborenen sozialen Fähigkeiten bei manchen Menschen scheinbar so dermaßen verkümmern oder versagen.... Aber das ist wiederum ein anderes Thema...
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Auf einen Blick

Knirpse mit sozialer Ader

Viel früher, als Forscher lange Zeit dachten, verfügen Kinder über grundlegende soziale Fähigkeiten.

So können bereits Zweijährige bemerken, wenn sich eine andere Person irrt, und deren Verhalten entsprechend vorhersagen.

Sogar Säuglinge zeigen Ansätze von sozialer Kompetenz: Sie nutzen etwa Blickkontakt und mimische Signale, um gezielt zu lernen.

Zitate

"Bereits mit einem Jahr nutzen Babys jene Region ihres Gehirns, die ihre eigenen Bewegungen steuert, auch um die Handlungen anderer wahrzunehmen"

Kognitionspsychologin Victoria Southgate, Birkbeck University of London


"Wir verfügen über essenzielle soziale Fähigkeiten, ohne sie explizit erlernen zu müssen"

Kinderpsychologin Kiley Hamlin, Yale University



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