Kindesmissbrauch Charité startet Pädophilen-Vorsorge

Männer, die fürchten, eines Tages ein Kind zu missbrauchen, sind mit ihrem Problem meist allein. Ein Projekt an der Berliner Charité soll Betroffenen nun dabei helfen, "sauber" zu bleiben. Auch Therapiewillige, die bereits ein Kind missbraucht haben, aber noch nicht angezeigt wurden, können an dem Programm teilnehmen.

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Tatort Kinderzimmer: Täglich 550 Missbrauchsfälle
DDP

Tatort Kinderzimmer: Täglich 550 Missbrauchsfälle

Christoph Ahlers macht etwas, was andere Menschen kaum verstehen: Er redet mit Männern, die sich zu Kindern hingezogen fühlen. Er hört zu, wenn sie aus ihrer Vergangenheit berichten, in der sie einen Jungen oder ein Mädchen sexuell missbraucht haben. Und Ahlers greift dann nicht etwa zum Telefonhörer, um die Polizei zu benachrichtigen, sondern zum Kalender, um einen neuen Gesprächstermin zu vereinbaren.

Therapie für Kinderschänder? In der Öffentlichkeit kommt so etwas schlecht an. Einsperren und den Schlüssel wegwerfen - das schon eher. Doch der Psychologe am Berliner Institut für Sexualwissenschaft und Sexualmedizin will therapiewilligen Männern helfen, denen sonst keiner hilft.

"Wir wissen aus einer von uns durchgeführten repräsentativen Studie, dass fast die Hälfte aller befragten Männer abweichende sexuelle Reize als erregend empfindet", erklärt Ahlers im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Dazu gehörten unter anderem Fetischismus, Exhibitionismus oder Sadomasochismus und eben auch Pädophilie.

Männer im Dunkelfeld ansprechen

Eine "nicht irrelevante Größenordnung" der Männer habe Sexualphantasien, in denen Kinder eine Rolle spielen. Den genauen Prozentwert möchte Ahlers noch nicht nennen, er soll zuerst in einer Fachpublikation veröffentlicht werden. Nur so viel verrät der Forscher: "Wir waren selbst überrascht, wie viele betroffen sind."

Doch nicht jede Phantasie werde umgesetzt, erklärt Ahlers. Viele Männer hätten ein starkes Problembewusstsein bezüglich dieser Phantasien entwickelt. Mit einem nach eigener Aussage "weltweit einzigartigen" Projekt wollen die Berliner Sexualmediziner Betroffenen nun helfen, sexuelle Übergriffe auf Kinder zu verhindern. Das Institut bietet Männern mit pädophilen Neigungen eine vorbeugende Therapie - im Rahmen einer dreijährigen Studie. Auch Männer, die in der Vergangenheit schon einmal ein Kind missbraucht haben, ohne dass die Polizei davon erfuhr, können an der Behandlung teilnehmen.

"Wir wollen damit therapiebereite Männer im so genannten Dunkelfeld ansprechen - also solche, die sich zu Kindern hingezogen fühlen, aber noch nicht rechtsbekannt oder verurteilt sind", sagt Michael Beier, der das zur Charité gehörende Sexualforschungsinstitut leitet. Laut Polizeistatistik werden in Deutschland pro Jahr 20.000 Kinder missbraucht. "Aber die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher", weiß Beier.

"Fundierte Konzepte fehlen"

Die Berliner Sexualmediziner beklagen eine klaffende Lücke in der Erforschung und Behandlung von Pädophilen: "Fundierte Konzepte zur effektiven Prävention von sexuellen Übergriffen auf Kinder fehlen", erklärt Beier. Es gebe weder standardisierte Programme noch wissenschaftliche Untersuchungen zum Thema Prävention im Dunkelfeld.

"Pädophile finden in Deutschland praktisch keine ambulante Behandlung", konstatiert Ahlers. Psychotherapeuten lehnten es meist ab, Betroffene zu behandeln und erklärten: "Warum soll ich meine Praxis riskieren? Wenn etwas passiert, stehe ich in der "Bild"-Zeitung."

Ahlers, der selbst Männer mit pädophilen Neigungen behandelt, berichtet von den seelischen Nöten, in denen sich seine Patienten befinden. "Wer hierher kommt, hat einen großen Leidensdruck. Offiziell glaubt uns kaum jemand, dass es diese Personen gibt, obwohl sie uns auch von anderen Kliniken überwiesen werden."

Reale Dunkelfeld-Täter

Manche der behandelten Männer haben in der Vergangenheit schon einmal ein Kind missbraucht (so genannte reale Dunkelfeld-Täter), andere fürchten, dies in der Zukunft zu tun (potenzielle Dunkelfeld-Täter). Ahlers betont: "Denjenigen Männern, die um diese Neigung wissen und Angst haben, sich an einem Kind zu vergreifen, wollen wir helfen, das zu verhindern".

Die Patienten müssten unter anderem lernen, kindliche Signale nicht fälschlicherweise sexuell zu deuten und sich außerdem in die Gefühle eines missbrauchten Kindes hineinzuversetzen. Voraussetzung für die Teilnahme am Projekt sei ein Problembewusstsein der Patienten in Bezug auf ihre sexuellen Neigungen und der Wille, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Störung werde "sexualmedizinisch-psychotherapeutisch" behandelt. Sofern Patienten dies wünschten, kämen auch Medikamente zum Einsatz. Dabei handelt es sich nicht um Psychopharmaka, sondern um Medikamente, die den Testosteronspiegel senken. Die dadurch erreichte "sexuelle Impulsdämpfung" werde von vielen Männern als Entlastung erlebt, berichtet Ahlers. "Es geht darum, den Kopf frei zu kriegen."

Gewissenskonflikte Teil der Arbeit

Im Rahmen des Forschungsprojektes ist die Behandlung kostenlos - und die Identität der Teilnehmer durch die therapeutische Schweigepflicht geschützt. Den Vorwurf, dass somit auch bei der Polizei bislang nicht bekannte Kinderschänder vor einer Verfolgung bewahrt werden, bekommen Therapeuten wie Ahlers immer wieder zu hören.

Er erklärt dazu: "Die Schweigepflicht bewahrt niemanden vor Strafverfolgung, weil die Männer mit Behandlung der Strafverfolgung in gleicher Weise ausgesetzt sind wie diejenigen ohne Behandlung." Außerdem verweist er darauf, dass sich Betroffene kaum öffnen und für eine Therapie entscheiden würden, wenn sie nicht wüssten, dass die Gespräche vertraulich blieben.

Zu Beginn der Therapie wird ein Behandlungsvertrag abgeschlossen, in dem sich die Patienten verpflichten, keine Übergriffe zu begehen. In die Sexualmedizinische Ambulanz der Charité kommen laut Ahlers in erster Linie therapiemotivierte Patienten. Kinderschänder ohne Willen zur Änderung würden den Schritt in eine Therapie freiwillig kaum gehen, erklärt der Psychologe.

Wenn ein Patient jedoch eine konkrete Tat für die Zukunft ankündige, ist der Behandler gezwungen, einen Bruch seiner Schweigepflicht zu erwägen, betont Ahlers. In diesem Fall käme es dann aber auch zu einer Anzeige gegen den Therapeuten und ein Gericht müsste klären, ob der Schutz von bedrohten Kindern den Bruch des Arztgeheimnisses gerechtfertigt hat. Passiert ist dies in den vergangenen Jahren am Berliner Institut jedoch noch nie.

Sorgen, dass sich zu wenig Teilnehmer melden, hat man an der Charité keine. "Wir wissen aus unserer klinischen Arbeit, dass die Nachfrage groß ist. Viele Hilfesuchende müssen wir bisher aus Kapazitätsgründen abweisen."



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