Kleiner Unterschied Frauen sehen anders als Männer

Dass Frauen Dinge anders wahrnehmen als Männer, ist mehr als ein gängiges Klischee - es gibt dafür sogar ein organisches Korrelat: Für ihre Orientierung nutzen die Geschlechter verschiedene Strategien und unterschiedliche Hirnareale.


Während ein Mann bei einem vorbeifahrenden Porsche eher die windschnittige Form wahrnimmt, sieht die Frau vor allem das Signalrot. Soweit das Klischee - das oft genug mehr über die Vorurteile des Sprechers aussagt als über die biologische Realität. Doch tatsächlich nutzen Männer und Frauen unterschiedliche Strategien, wenn sie sich in ihrer Umgebung orientieren. Das berichten Wissenschaftler vom Forschungszentrum Jülich und von den Universitäten Düsseldorf und Aachen in der Fachzeitschrift "Journal of Neuroscience".

Im Visier: Männer und Frauen verarbeiten Gesehenes unterschiedlich
DDP

Im Visier: Männer und Frauen verarbeiten Gesehenes unterschiedlich

Die Hirnforscher haben die Gehirne von zehn verstorbenen Probanden mit einem Durchschnittsalter von 66 Jahren analysiert. "Wir haben die Bereiche untersucht, die für das Erkennen von Bewegungen zuständig sind", sagte Studienautorin Karin Amunts vom Forschungszentrum Jülich. "Die Areale stehen miteinander in Kontakt und sind zum Beispiel aktiv, wenn man ein Auto vorbeifahren sieht."

Bei der Untersuchung von hauchdünnen Gewebescheiben aus den Hirnen der Toten entdeckten die Wissenschaftler, dass die Sehzentren der fünf Männer und fünf Frauen unterschiedlich aufgebaut waren. Die Frauen hatten eine dickere Hirnrinde im Bereich der sogenannten Area 18. Dort werden Seh-Eindrücke wie Kontraste und Kanten verarbeitet und verfeinert. Bei Männern hingegen war das Volumen des Gebietes für Bewegungssehen deutlich größer als bei Frauen.

"Mehr Volumen könnte dem Gehirn mehr Raum geben, um an dieser Stelle zusätzliche Informationen zu verarbeiten und sich Bewegung räumlich vorzustellen", erklärte Karin Amunts. Allerdings müssten Unterschiede im Bau des Gehirns nicht bedeuten, dass Männer etwas besser können als Frauen oder umgekehrt. "Sie weisen eher darauf hin, dass sie unterschiedliche Strategien haben und verschiedene Vernetzungen im Gehirn nutzen", erklärte die Wissenschaftlerin.

3D-Gehirnatlas soll individuelle Unterschiede zeigen

Weltweit sind sich Forscher indes überhaupt nicht einig, ob Unterschiede in den Gehirnen von Männern und Frauen tatsächlich so groß sind, dass sie einen Effekt auf Denken, Lernen oder Fühlen haben. Während viele Neurologen die These vertreten, dass Geschlechtshormone schon im Mutterleib das Gehirn unterschiedlich prägen, können etwa Neuropsychologen von der Universität Zürich keinen fundamentalen Unterschied finden. Der kulturelle Einfluss scheint beim Menschen viel stärker zu bestimmen, wie er tickt, als die geschlechtsspezifische Prägung, glauben viele Neuro- und Verhaltensforscher heute.

Darüber hinaus ist bekannt, wie sehr das Gehirn sich durch unterschiedliche Beanspruchung verändern kann. Taxifahrern können Pathologen geradezu ansehen, wie sehr sie sich in ihrem Berufsleben mit räumlicher Vorstellung beschäftigt haben.

Amunts und ihre Kollegen nähern sich der Frage nach dem Unterschied im Kopf auf ihre Art: Ziel der Forscher ist ein dreidimensionaler Atlas des Gehirns, der die Unterschiede im zellulären Bau der Hirnrinde dokumentiert. 40 Prozent des Gehirns haben die Wissenschaftler bereits kartiert, der Rest soll in den kommenden fünf Jahren folgen.

hei/AP/AFP



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.