"Brown to Green"-Report Deutschland schludert beim Klimaschutz

Große Töne, wenig Taten: Die wichtigsten Industrie- und Schwellenländer kommen beim Klimaschutz kaum voran - auch Deutschland nicht, zeigt eine neue Studie. Schuld ist nicht nur der zunehmende Verkehr.

Stau auf A3 bei Köln (Archivbild)
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Stau auf A3 bei Köln (Archivbild)


Sie sind die wichtigsten Player beim Klimaschutz: Die 19 größten Industrie- und Schwellenländer der Welt sowie die Europäische Union, kurz G20. Zusammengerechnet sind diese Staaten für etwa 80 Prozent des weltweiten Treibhausgasausstoßes verantwortlich. Ein neuer Bericht von Wissenschaftlern und Umweltschützern kommt nun zu dem Schluss, dass die G20-Staaten das Pariser Klimaabkommens bisher nicht ausreichend umsetzen, und dass es aber in einigen Teilbereichen durchaus kleinere Fortschritte gibt.

Seit 2015 veröffentlicht "Climate Transparency", ein Zusammenschluss von 14 Forschungseinrichtungen und Nichtregierungsorganisationen, jedes Jahr den sogenannten "Brown to Green"-Report. In ihm werden die G20-Staaten untereinander verglichen - und zwar anhand von 80 Indikatoren wie Dekarbonisierung, Klimapolitik oder der Klimawirkungen des Finanzwesens.

Das Bild ist insgesamt gesehen nicht besonders ermutigend: In 15 der G20-Staaten, darunter Deutschland, sind die Treibhausgas-Emissionen demnach im vergangenen Jahr wieder gestiegen. Daran Schuld seien vor allem Elektrizitätsgewinnung und Mobilität, so die Initiative. Etwa 82 Prozent ihrer Energie bezögen die G20-Staaten noch immer aus Kohle, Öl und Gas, heißt es in dem Bericht. In Saudi-Arabien, Australien und Japan liege der Anteil der fossilen Energien sogar bei mehr als 90 Prozent.

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Insgesamt werde der notwendige Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas bis zum Jahr 2050 klar verfehlt, wenn die Dynamik weiter schwach bleibe. Das lasse sich auch an einem anderen Indikator erkennen: Trotz eines Beschlusses, Subventionen für fossilen Energien auslaufen zu lassen, hätten sich diese in den G20-Staaten von 2007 bis 2016 verdoppelt, von 75 auf 147 Milliarden Dollar. Besonders hoch sei der Pro-Kopf-Anteil bei den Subventionen in Saudi-Arabien, Italien, Australien und Brasilien.

Die Defizite der G20-Staaten liegen auf zwei Ebenen, so der Bericht: Zum einen reichten die bisher öffentlich verkündeten freiwilligen Klimaziele nicht aus, um die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen - und erst recht nicht auf 1,5 Grad. Lediglich Indien habe bisher Klimaziele beschlossen, die dem angemessenen Beitrag des Landes zur Begrenzung der Erwärmung auf unter zwei Grad zumindest nahekommen würden. Zum anderen würden die Zusagen oft auch nicht eingehalten - das Problem betreffe die Mehrheit der G20-Staaten.

Steigende Emissionen beim Verkehr

Beispiel Deutschland: "Die Bundesregierung hat zwar mit dem Klimaschutzplan 2050 eine langfristige Vision vorgelegt, aber diese ist noch nicht mit den Pariser Klimazielen vereinbar", sagt Jan Burck von der Umweltschutzorganisation Germanwatch, einer der Autoren der Studie. Dazu kommt, dass die Klimaversprechen nicht eingehalten werden: Die deutschen CO2-Emissionen, so beklagt der Bericht, lägen aktuell sogar etwas höher als im Jahr 2009 - allein im Verkehrssektor seien sie in den vergangenen fünf Jahren um sieben Prozent gestiegen.

Schwach sei die Performance auch beim Kohleausstieg - aber noch gut bei den Erneuerbaren Energien. So seien im Jahr 2017 etwa 34 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen gekommen, im G20-Schnitt seien es dagegen nur 24 Prozent. (Im aktuellen Jahr liegt der Wert für die Zeit zwischen Januar und September übrigens sogar bei 38 Prozent.)

"Diese Zahlen verdanken wir aber guten Ausbauzahlen aus früheren Jahren", schränkt Niklas Höhne vom NewClimate Institute, einer der Autoren der Studie, ein. Die jüngste Entwicklung bei Erneuerbaren Energien gebe Anlass zu großer Sorge. "Zum Beispiel bricht der Ausbau der Windenergie ein - ohne Aussicht auf Besserung bis 2020", so Höhne.

Gelobt wird in Deutschland dagegen der Plan, dass neue Gebäude nahezu klimaneutral gebaut werden müssten. Auch Kanada habe ähnlich strenge Regeln.

Lobende Worte finden die Autoren des Berichts auch für andere Staaten. So wolle Südafrika seine hohe Kohlenutzung deutlich verringern und investiere in Erneuerbare Energien. Südkorea habe ein neues Programm für Elektrofahrzeuge eingeführt und Mexiko plane ein Emissionshandelssystem. Großbritannien und Frankreich hätten Ziele zum Ausstieg aus der Kohle und aus der Nutzung von Verbrennungsmotoren vorgelegt.

chs

insgesamt 103 Beiträge
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djssss 14.11.2018
1. Wer hätte das gedacht,
dass die deutschen CO2-Emissionen heute höher als 2009 liegen, korrekt wäre sogar zu sagen, dass diese überhaupt nicht seit 1990 gesunken sind, rechnet man den pleitebedingten Rückgang der DDR-Emissionen heraus. Atomausstieg und CO2-Emissionsminderung bei praktisch nicht vorhandenen Speicherkapazitäten sind nun mal nicht kompatibel, eigentlich eine Binse.
bruderlaurentius 14.11.2018
2. Reduktion statt Wachstum
Allmählich begeifern die G20 dass das jetzige wachstumsgesteuerte System - das für den exponentiellen CO2 Ausstoß verantwortlich ist - nach gut 150 Jahren erschöpft ist und ausgedient hat. Eine neue Zeitrechnung hat begonnen, in der die naturwissenschaftlichen und ökologischen Grenzen den Takt vorgeben werden. Die Frage ist nur, ob sich die Menschheit daran (friedlich) anpasst oder von der Natur angepasst wird. Wenn wir im 21. Jhd die ökologischen Folgen (CO2, Atommüll, Plastik, Pestizide, etc) nicht in unsere Produkt-Preise hineinrechnen, wird die Natur später die Dinge für uns Regeln und der Mensch wird schon bald ein ausgestorbene Spezies sein.
holger.becker 14.11.2018
3. Klimaschutz fordern ist sexy...,
Klimaschutz umsetzen nicht. Oder wer verzichtet gerne auf den SUV, die Flugreise oder das tägliche Steak, die Bestellungen beim online-Versandhandel oder jedes Jahr neue Unterhaltungselektronik? Klimaschutz fühlt sich für viele eben wie Fußpilz an.
andi987 14.11.2018
4. Wirtschaftswachstum
Wenn man ehrlich ist muss man sagen, dass der notwendige Klimaschutz mit unserem Wirtschaftssystem das auf Wachstum ausgelegt ist nicht machbar ist. Man könnte die Klimaziele einhalten müsste dazu jedoch unser Leben auf links drehen. Vor allem müsste man weg vom Wachstum und hin zum schrumpfen. Eine Möglichkeit wäre bspw die Einführung der 3-Tage Arbeitswoche. Zusätzlich müsste bspw das Fliegen drastisch verteuert werden oder am besten für kürzere Strecken verboten werden. Leider sehe ich nicht wie sich so etwas politisch durchsetzen lässt. Daher wird es wohl erst nach der großen Katastrophe Änderungen geben.
helmut.alt 14.11.2018
5. Der Kampf gegen die Klimaerwärmung
ist eine Sisyphusarbeit. Immer wenn man meint einen Fortschritt erzielt zu haben wird man ernüchtert, weil dieser zunichte gemacht wird. Wodurch? Überbevölkerung, Bevölkerungszuwachs (150 Millionen jedes Jahr), höhere Lebensansprüche, zunehmender Verkehr und letztlich durch die zunehmende Produktion von CO2 durch die Atmung von Mensch und Tier.
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