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Klimaexperte Ott: G-8-Beschlüsse sind ein Trauerspiel

Zu unkonkret, zu zaghaft: Der Klimaexperte Hermann Ott vom Wuppertal Institut greift im SPIEGEL ONLINE-Interview die G-8-Klimaeinigung scharf an. Gerade Gastgeber Japan sei beim Klimaschutz "sehr schlecht aufgestellt".

SPIEGEL ONLINE: Die G-8-Staaten haben sich geeinigt, den Ausstoß von Treibhausgasen weltweit bis 2050 um 50 Prozent senken zu wollen. Ein Grund zur Freude?

Ott: Nein, das ist ein absolutes Trauerspiel! Das wurde doch schon im vergangenen Jahr in Heiligendamm vereinbart, jetzt hat man es nur noch mal bekräftigt. Eigentlich hätten die Staaten aber erklären müssen, was sie genau tun wollen, welche Zwischenziele sie sich setzen.

SPIEGEL ONLINE: Was hat die japanische G-8-Präsidentschaft dann überhaupt erreicht?

Ott: Denen ist gar nichts gelungen. Im Gegenteil: Es musste sogar Druck auf die Japaner gemacht werden, damit sie selbst zustimmen. Schon beim Kyoto-Protokoll hatten die Europäer acht Prozent Minderung versprochen, die Japaner nur sechs, und noch nicht mal dieses Ziel werden sie erreichen - denn derzeit liegt Japan rund sechseinhalb Prozent über den Emissionen von 1990. Das Land ist sehr schlecht aufgestellt für Klimaschutz.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie vom Klimaschutzpaket "Cool Earth 50", das Ministerpräsident Yasuo Fukuda vorgestellt hat?

Ott: Das klingt nett, bringt aber überhaupt nichts. Fukudas Regierung traut sich nicht, mit der japanischen Energieindustrie Tacheles zu reden. Nichts in dem Paket verpflichtet die Japaner direkt, ihren Verbrauch drastisch zu senken. Die Regierung will die Energieeffizienz erhöhen. Dabei ist die Erzeugung das Problem: Japan importiert weiter massiv Kohle aus Australien - und hat keine Pläne, das zurückzufahren.

SPIEGEL ONLINE: Japan will außerdem an der Statistik drehen und ein neues Basisjahr zur Berechnung der Emissionsziele festlegen - warum?

Ott: Im Kyoto-Protokoll ist als Basisjahr 1990 festgelegt. Das heißt: Die Reduzierung der Emissionen soll im Vergleich zu 1990 berechnet werden. Die Japaner wollen nun in Zukunft das Jahr 2005 dafür benutzen. Sie argumentieren, dass sonst die Europäer und vor allem die Deutschen besonders stark profitieren - weil nach 1990 durch den Zusammenbruch der osteuropäischen Wirtschaft die Emissionen automatisch gesunken sind. Doch eine solche Verschiebung des Basisjahrs wäre ein Fehler. Das darf es nicht geben. Sonst würde niemand mehr kapieren, wer wann auf welcher Basis versprochen hat, seine Emissionen wie stark zu senken.

SPIEGEL ONLINE: Die Japaner argumentieren, dass sie pro Kopf schon jetzt deutlich weniger CO2-Ausstoß haben als andere Industriestaaten.

Ott: Richtig ist: Japan ist beim Energieverbrauch effizienter als Europa - und erst recht als die USA. Das heißt aber nicht, dass es in der Energieerzeugung und im Autoverkehr nicht noch große Sparpotentiale gibt. Außerdem kümmern sich die Japaner kaum um erneuerbare Energien. Das "Cool Earth 50"-Programm geht davon aus, dass man mit ihnen die Emissionshalbierung bis 2050 nicht schaffen kann - also will die Regierung statt Solarenergie lieber die CO2-Abtrennung und -speicherung in Kohlekraftwerken fördern. Eine Technik, von der bis heute niemand weiß, ob sie funktioniert.

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Ott: Das hoffe ich nicht. Die Atomenergie ist völlig ungeeignet, unser Energieproblem auch nur im Ansatz zu lösen. Die Vorräte an Brennstoff sind begrenzt, die Brütertechnologie hat nirgendwo funktioniert - und es ist auch nicht in Sicht, dass sie funktioniert. Im Übrigen: Wenn man einen nennenswerten Teil der Energie auf der Welt mit Atomkraftwerken erzeugen wollte, müsste man 5000 bis 10.000 Stück davon bauen - wenn die Uranvorräte das überhaupt hergeben würden. Im Moment gibt es 400 Reaktoren auf der Welt. Niemand weiß, wie man die zusätzlichen AKWs kontrollieren sollte, was man mit den Abfällen macht und so weiter. Natürlich werden weltweit nun ein paar Atomkraftwerke gebaut und ein paar Leute damit Profit machen. Dann ist aber auch Schluss. Wir brauchen einfach einen schnellen Umstieg auf erneuerbare Energien.

SPIEGEL ONLINE: Schwellenländern wie China und Indien dürfte das nur schwer zu vermitteln sein.

Ott: Ach, die Eliten dieser Staaten sind oft viel weiter als bei uns. In China wird das Klimaproblem sehr stark wahrgenommen. Im Moment sind die Schwellenländer allerdings verärgert, weil von den Industrieländern so wenig ernsthafte Initiative kommt. Gleichzeitig machen die G8 Reduktionsvorgaben, die sich auf die ganze Welt beziehen - also auch auf Indien und China, obwohl die gar nicht mit am Verhandlungstisch gesessen haben.

Das Interview führte Christoph Seidler

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