Gipfel in Doha: Nachsitzen für die Klimadiplomaten

Aus Doha berichtet

Klima-Aktivistin aus Bangladesh in Doha: "Die Texte müssen nachgebessert werden" Zur Großansicht
dapd

Klima-Aktivistin aus Bangladesh in Doha: "Die Texte müssen nachgebessert werden"

Was wird aus dem Weltklimagipfel in Doha? Auch nach hektischen Nachtsitzungen ist der Ausgang des Treffens noch vollkommen offen. Seit Stunden beraten die Delegationen über die vorgelegten Abschlusstexte - sie bringen vor allem für die Entwicklungsländer Enttäuschungen.

Einen "letzten Kraftakt" forderte der katarische Konferenzpräsident Abdullah Bin Hamad al-Attija am Samstagmorgen von den Diplomaten auf dem Weltklimagipfel. Und Kraft war auch nötig - bis tief in die Nacht hinein hatten die Delegationen in verschiedenen Runden um die Abschlussdokumente gerungen. Dabei hatte Deutschlands Umweltminister Peter Altmaier zusammen mit Kollegen aus Singapur die Kompromisssuche in einem entscheidenden Verhandlungsstrang geleitet. Was die Bemühungen gebracht haben, lässt sich momentan aber noch nicht sagen.

Denn der Ausgang des Gipfels ist noch immer völlig offen. Al-Attija legte den Delegierten am Morgen zunächst die Ergebnisse aller nächtlichen Bemühungen vor:

  • Eine Fortsetzung des Kyoto-Protokolls bis 2020 - wenngleich der einzige weltweit bindende Vertrag zur CO2-Reduktion nur noch 15 Prozent der Emissionen umfasst.
  • Ein Fahrplan für die weiteren Klimaverhandlungen, der für 2015 zu einem bindenden Abkommen führen soll.
  • Papiere zu Finanzhilfen und Entschädigungen für betroffene Entwicklungsländer.

"Ein Paket, mit dem wir alle leben können", nannte al-Attija seinen Vorschlag. Dann schickte er die Diplomaten mit einem dicken Packen Papier in eine Lesepause. Und die dauerte deutlich länger als ursprünglich angesetzt. Denn offenbar mochten nicht alle Delegationen die Dinge so positiv sehen - vor allem Entwicklungsländer dürften enttäuscht sein, nur wenige ihrer Forderungen in den Entwürfen wiederzufinden.

"Die Texte müssen nachgebessert werden", klagten Beobachter wie Ann-Kathrin Schneider vom BUND. Im vorgelegten Zustand dürften die Papiere "auf keinen Fall beschlossen werden". Zusagen für Entwicklungsländer fehlten, beim Kyoto-Protokoll gebe es "riesige Schlupflöcher" und zur versprochenen Steigerung der Klimahilfen auf 100 Milliarden Dollar im Jahr 2020 fehlten Festlegungen. Tatsächlich finden sich in den Dokumenten bisher keine konkreten Zahlen für die Zeit bis dahin.

Genau die hatten viele Entwicklungsländer allerdings gefordert. Eine erste Startfinanzierung ("fast start"), sie war mit 30 Milliarden Euro über drei Jahre dotiert, läuft Ende dieses Jahres aus. "Wir können nicht hier weggehen und eine Finanzierungslücke haben", hatte Verhandler Pa Ousman aus Gambia am Freitagabend erklärt - und eine Perspektive gefordert, um zumindest im Jahr 2015 auf die Summe von 60 Milliarden zu kommen.

Wichtige Forderungen der Entwicklungsländer nicht erfüllt

Konkrete Finanzversprechen gab es auf dem Gipfel bisher nur aus Europa - um die sieben Milliarden Euro für die kommenden ein bis zwei Jahre. Doch das reicht vielen Entwicklungsländern nicht aus. Amerikaner und Japaner blieben gleich ganz stumm. "Es haben längst nicht alle Industrieländer geliefert", klagte Bundesumweltminister Altmaier am Samstagmorgen.

Eine wichtige Forderung der Entwicklungsländer waren auch Unterstützungszusagen bei unabwendbaren Schäden durch den Klimawandel, wie extreme Wetterereignisse, Verlust von Ackerflächen, Flüchtlingstrecks. "Loss and damage" heißt das im Konferenzsprech. Doch auch dazu blieben die Textentwürfe ausgesprochen vage, mit unverbindlichen Absichtserklärungen und einer Verschiebung des Themas auf die nächste Klimakonferenz. Die kommenden Stunden im Gipfelplenum werden zeigen, ob das reicht. Ausgemacht ist das nicht.

Die Verlängerung des Kyoto-Protokolls galt vor dem Gipfel als das Minimalziel von Doha. Im aktuellen Dokument wird nun eine Laufzeit bis zum Jahr 2020 angestrebt - und losgehen soll es am 1. Januar kommenden Jahres, damit keine Regelungslücke entsteht. Massive Diskussionen hatte es bei den Verhandlungen über die nicht genutzten Verschmutzungsrechte aus der Vergangenheit gegeben - und über die Frage, ob diese in die Zukunft mitgenommen werden können.

Ziele reichen bei weitem nicht für Zwei-Grad-Ziel

Diese "heiße Luft" kam vor allem durch den Zusammenbruch der Industrie in Osteuropa nach 1990 zustande. Wenn die CO2-Verschmutzungsrechte auch in Zukunft genutzt werden könnten, müssten sich Staaten wie Russland beim Klimaschutz wenig bis gar nicht anstrengen müssen - und das scheint zumindest in der aktuellen Fassung des Textes so zu sein. Polen hatte sich in dieser Frage gegen die EU gestellt - und sich offenbar weitestgehend durchsetzen können.

Allerdings wollen sich die EU, Australien, Norwegen und die Schweiz verpflichten, keine solchen Verschmutzungsrechte zu kaufen. Liechtenstein und Monaco übrigens auch. Die zweite Kyoto-Runde ist allerdings dramatisch geschwächt: Die USA haben das Protokoll nie ratifiziert, Kanada ist ausgestiegen. Russland, Neuseeland und Japan wollen bei der Verlängerung keine neuen Ziele übernehmen. Und Europa konnte sich - wegen des Widerstands aus Polen, aber auch aus dem deutschen Wirtschaftsministerium - nicht auf ambitionierte Sparvorgaben einigen.

Die für 2020 angepeilten Marken sind nämlich im Prinzip schon heute erreicht. Im aktuellen Entwurf der Abschlussdokumente findet sich unter anderem die Einladung für ein internationales Ministertreffen, bei dem ambitioniertere Ziele verabschiedet werden sollen. Denn dass die geplanten Beschlüsse von Doha bei weitem nicht reichen, um das immer wieder bekräftigte Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, das ist immer wieder aus den Texten herauszulesen. Nur was die Staaten der Welt dagegen zu tun gedenken, das bleibt unbestimmt.

Wenn es also in Doha einen Satz an Abschlussdokumenten gibt, dürften dieser - wie so oft - die wichtigsten Probleme in die Zukunft verschieben. Wenn der Gipfel nicht noch ganz platzt. Denn das ist sehr wohl möglich.

Dem Autor auf Twitter folgen:

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 101 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Trauerspiel
mwinter 08.12.2012
Ach macht doch dem Trauerspiel ein Ende und brecht vorzeitig ab! Gescheitert ist der Gipfel sowieso schon, jetzt geht's (wie immer die letzten Male) nur noch darum das Gesicht zu bewahren, in dem wie alle Jahre wieder über die gleichen "Minimalkompromisse" verhandelt wird. Und jetzt sind wir schon bei 2020 für den neuen Vertrag... vor ein paar Jahren war noch 2013 angestrebt (nach Auslaufen von Kyoto) und dann 2015. Machen wir uns nichts vor: das ist klassische Verschiebetaktik. Bis zur Kernfusion sind's noch 50 Jahre, bis zur ersten Marslandung noch 20 Jahre und der neue Klimavertrag liegt immer mehr als 5 Jahre in der Zukunft. Das wird auch so bleiben, bis es mal "richtig" geknallt hat!
2. Begründung
akrisios 08.12.2012
Warum der Klimagipfel nicht weiterkommt? Hier die einfachste Erklärung: Weil exakt das was die Klimaschützer genau wollen haarfein die Lobbyisten & Pfründebewahrer zu verhindern suchen. Am Ende kommt nichts dabei heraus da jeder nur sich selbst sieht. Gegen diese menschliche Eigenschaft hatten sich Völker zusammengeschlossen und sog. Nationen gebildet die dem Allgemeinwohl dienen sollten. Nun wird diese Erfindung wieder von der schwarzen Seite des persönlichen Eigennutz bestimmt da die sog. Nationalvertreter ebenso korrupt und eigennützig denken wie die einzelnen Menschen der Bevölkerung. Der Mensch ist eben einfach zu dumm sich selbst zu führen. Das sollten hoffentlich bald Maschinen übernehmen. Doch wer programmiert diese dann?
3. Farce
Der Weltbuerger 08.12.2012
Eine Farce, die seit Jahren, ihresgleichen sucht. Alle geben vor, den Ernst der Lage zu erkenne. Sobald es allerdings drauf ankommt gemeinsame Ziele festzulegen, zieht sich jeder zurück. Meiner Ansicht nach hat dieser Gipfel unlängst seine Daseinsb erechtigung verloren.
4. Klimagipfel kommt nicht voran !
paoloDeG 08.12.2012
Man sollte 248 Milliaeden neue Bäume jährlich pflanzen ! Und das wird auch nicht reichen ! Sieben Milliarden Menschen produzieren tagtäglich Milliarden tonnen CO2 ! Die Gefahr für die Menschheit ist der Mensch selbst ! Also mit sieben Milliarden Menschen ist der Gipfel schon erreicht ! Wir haben nur ein Planet und wenn ein zweites existiert irgendwo im Univers, werden wir ihn niemals erreichen können ! Der Mensch soll dieses Planet mit allen Mitteln schutzen oder er wird aussterben ! Wie die Dinosaurier, die alle Wälder zerstört haben und die Klimawandel verursacht haben ! Daher, Vulkane sind explodiert und 90% des Lebens auf der Erde erstickt haben !
5. Prioritäten
OneLifeOnly 08.12.2012
CO2 ist verglichen mit der Bevölkerungsexplosion ein Miniproblem. Wie man allerdings die Beeinflussung des Klimas durch den Menschen seit Jahren diskutieren kann konkrete Schritte gegen die Bevölkerungsexplosion als wichtigstes Ziel zu nennen ... Es scheint ein Tabuthema zu sein. Ausser in China. Die 1-Kind-Politik ist in der Praxis eine 2-Kind-Politik und das ist genau richtig. Die Lösung des CO2-Problems, wenn es überhaupt eines ist, ist ein Fall für den Taschenrechner. Für jede Tonne fossile Brennstoffe muss die entsprechende Menge CO2 aus dem Verkehr gezogen werden. Am einfachsten ist dies z.B. durch ein Gebot der Verwendung von Holz für Bauzwecke realisierbar. Die Einsatzmöglichkeiten von Massivholz sind riesig. Und für jeden Kubikmeter Holz lässt sich die CO2-Menge berechnen. Aber das wäre doch zu einfach ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Mensch
RSS
alles zum Thema Uno-Klimakonferenz in Doha 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 101 Kommentare
  • Zur Startseite
Interaktive Grafik

Temperaturveränderungen