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Carole Dieschbourg: Europas Stimme auf dem Klimagipfel

Aus Paris berichtet

SPIEGEL ONLINE

Und so wurde die junge Müllerstochter zur geachteten Ministerin im Lande des Großherzogs ... Was klingt wie aus "Grimms Märchen", fasst die politische Karriere der Luxemburgerin Carole Dieschbourg gut zusammen. Nun spricht sie für Europa auf dem Klimagipfel.

Eine kurze, eher unspektakuläre Rede, im Hintergrund Bilder von polarem Eis und stahlblauem Himmel mit den Umrissen einer Weltkarte - als Barbara Hendricks Anfang vergangener Woche den deutschen Pavillon bei der Klimakonferenz in Paris eröffnete, stand inmitten der Gäste auch eine Frau, die bestenfalls Experten kannten. Erst als die deutsche Umweltministerin in ihrer Ansprache ausdrücklich auch ihre Kollegin Carole Dieschbourg begrüßte, drehten sich die Zuschauer zu der jungen Luxemburgerin um.

Gut eine Woche später, am Dienstagnachmittag, stand Dieschbourg an gleicher Stelle selbst mit im Rampenlicht. Es galt, einen wichtigen Erfolg zu verkünden: Zusammen mit der Europäischen Union haben sich 79 Staaten aus Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum für ein ehrgeiziges Abkommen in Paris ausgesprochen. Es ist eine wichtige Allianz, die den Fortgang der Verhandlungen beeinflussen kann. Carole Dieschbourg hat in den vergangenen Tagen entscheidend daran mitgearbeitet.

Die 38-Jährige ist Europas Stimme auf dem Gipfel. Weil ihr Heimatland gerade den EU-Ratsvorsitz innehat - und weil sie die zuständige Ministerin ist. Als "extrem engagiert" und "geschickt" beschreibt man das Vorgehen der bekennenden Katholikin bei den bisherigen Verhandlungen in EU-Kreisen. "Ich denke, dass unsere Generation die Generation ist, die den Klimawandel schon live erfährt und dass wir eigentlich die Letzten sind, die jetzt wirklich handeln können und müssen", erklärt sie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE ihre Motivation.

"Mit dem Thema Klima aufgewachsen"

Sie sitzt auf einem grauen Sofa im EU-Pavillon, aus der Pappwand hinter ihr greifen weiße Hände aus Papier in den Raum, Kunst vermutlich. Dieschbourg spricht über "moralische und politische Verpflichtung", sich zu engagieren. Sie sei "mit dem Thema Klima aufgewachsen", sagt Dieschbourg - und berichtet davon, wie sie bereits als Sechsjährige bei Anti-Atom-Demos mitmarschierte.

Sie und die Schwedin Åsa Romson sind die derzeit einzigen grünen Umweltminister Europas. Dabei war ihr Weg in die Politik nicht unbedingt vorgezeichnet: Dieschbourg ist erst seit 2008 Mitglied der Luxemburger Grünen.

Nach dem Abitur in Echternach studierte sie zunächst ab 1997 an der Uni Trier Geschichtswissenschaften und Germanistik. In ihrer Magisterarbeit ging es um Sklaverei im alten Rom. Anschließend befasste sie sich als Koordinatorin eines EU-Projekts mit den historischen Mühlen in ihrer Heimat - um schließlich 2006 in der Wassermühle Moulin J.P. Dieschbourg anzuheuern, die sich seit 1897 in Familienbesitz befindet. Im Angebot sind unter anderem nachhaltig und ökologisch produziertes Mehl, aber auch Kaffee aus der eigenen Rösterei. Bio und fair gehandelt, selbstverständlich.

Jüngste Ministerin in Luxemburgs Regierung

Über den Gemeinderat in Echternach, in den sie 2011 einzog, ging es dann schnell in die große Politik. Im Dezember 2013 holte Premier Xavier Bettel Dieschbourg in sein Kabinett. Zuständig für Umwelt, war sie die jüngste seiner Ministerinnen. Paris ist nun ihre bisher größte Aufgabe.

Weil es bei dem Gipfel um so viel geht - aber auch, weil Luxemburg mit seiner hohen staatlichen Unterstützung für fossile Brennstoffe, vor allem durch niedrige Spritsteuern, für manche auch erst einen Ruf als Klimafreund erarbeiten muss. Auch die CO2-Emissionen des Landes entwickeln sich, ähnlich wie die Deutschlands, nicht unbedingt mustergültig.

In Paris hat Dieschbourg gleich mehrere Aufgaben: Sie muss die europäischen Forderungen nach einem ambitionierten Langzeitziel des Klimaabkommens gegenüber internationalen Kritikern - zum Beispiel aus Erdölländern - vertreten. Sie muss sich für eine Überprüfung der staatlichen Klimaschutzpläne alle fünf Jahre starkmachen, für Transparenz und Überprüfbarkeit der Zusagen - vor allem aber muss sie ihren eigenen Laden zusammenhalten.

"Sie muss dafür sorgen, dass sich Europa geschlossen für die Dekarbonisierung der Weltwirtschaft und den Umstieg auf 100 Prozent Erneuerbare Energien bis 2050 einsetzt", beschreibt Martin Kaiser von Greenpeace Dieschbourgs Rolle beim Gipfel - und erklärt auch gleich die entscheidende Herausforderung: Die Ministerin müsse dafür sorgen, "das widerspenstige Polen auf die Dekarbonisierungs-Linie der 'big three' Deutschland, Frankreich und Großbritannien einschwenken zu lassen".

Polen war schon immer kohlefreundlich, bei diversen Klimakonferenzen hat das in der EU-Delegation für Herausforderungen gesorgt. Durch den Regierungswechsel vor wenigen Wochen ist die Sache noch einmal deutlich schwieriger geworden. Die Regierung von Ministerpräsidentin Beata Szydlo hat angekündigt, die heimische Kohle noch stärker als bisher fördern zu wollen. Mit dem europäischen Ziel - 40 Prozent weniger Treibhausgasausstoß bis 2030 - will man in Warschau möglichst wenig am Hut haben.

Reden, reden, nochmals reden - das ist Dieschbourgs Gegenstrategie. Sie hat sich vorgenommen, in Paris "die Schäfchen beisammenzuhalten", wie sie es ausdrückt. "Wir müssen auf alle Fälle verhindern, dass Europa mit mehreren Stimmen spricht." Bisher ist das gelungen - aber die heiße Phase des Gipfels, der Verhandlungspoker unter den Ministern, läuft auch erst seit Anfang der Woche. Bis zum Abschluss bleibt noch einiges zu tun. Carole Dieschbourg wird ihre Qualitäten weiter brauchen.

Klimagipfel in Paris

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insgesamt 4 Beiträge
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1. die Stimme Europas
MtSchiara 09.12.2015
---Zitat von Artikel--- Die 38-Jährige ist Europas Stimme auf dem Gipfel. Weil ihr Heimatland gerade den EU-Ratsvorsitz innehat - und weil sie die zuständige Ministerin ist. Als "extrem engagiert" und "geschickt" beschreibt man das Vorgehen der bekennenden Katholikin bei den bisherigen Verhandlungen in EU-Kreisen. ---Zitatende--- Europa beansprucht, seit Beginn der Neuzeit ein sekulärer Kontinent zu sein. In Religionsfragen sollte daher jeder nur sich selbst und nicht irgendeinen Kontinent vertreten. Deratige Veranstaltungen wie der "Klimagipfel in Paris" passen eher in das Mittelalter und Erinnern an Veranstaltungen wie die Konzilien von Nicaea oder das Konzil von Trient, als in die heutige Zeit. Und daß Mitglieder der Klimakirche gleichzeitig auch noch Katholiken sind, deren Kirche ja schon vor 500 Jahren mit Ablaßhandel schlechte Erfahrungen gemacht hat, ist eher überraschend. Frau Dieschbourg sollte es da eigentlich besser wissen. Die Klimakirche hat ihren Luther noch vor sich.
2. ...
Newspeak 09.12.2015
Es galt, einen wichtigen Erfolg zu verkünden: Zusammen mit der Europäischen Union haben sich 79 Staaten aus Afrika, der Karibik und dem Pazifikraum für ein ehrgeiziges Abkommen in Paris ausgesprochen. Erfolge beurteilt man im realen Leben NACHHER, anhand der faktischen Ergebnisse! Nur bei Politikern gilt es schon als Erfolg, Absichtserklärungen geäußert zu haben. Und so erscheint mir auch die Karriere von Frau Dieschbourg. Wenig fachliche Qualifikationen, um über ein wesentlich naturwissenschaftlich geprägtes Thema mitzusprechen, direkt nach dem Studium mal "etwas koordiniert", darüber Kontakte geknüpft, dann als Protege von einer großen Nummer irgendwohin geholt worden und bei alledem noch glauben, das sei alles der eigenen Leistung geschuldet. Man ist ja sooo gut. Da reicht dann auch folgende "Strategie". Reden, reden, nochmals reden - das ist Dieschbourgs Gegenstrategie. Das ist der Grund, warum Europa den Bach runter geht.
3. Keine weiteren Fragen
couprevers 10.12.2015
"Nach dem Abitur in Echternach studierte sie zunächst ab 1997 an der Uni Trier Geschichtswissenschaften und Germanistik. In ihrer Magisterarbeit ging es um Sklaverei im alten Rom. Anschließend befasste sie sich als Koordinatorin eines EU-Projekts mit den historischen Mühlen in ihrer Heimat - um schließlich 2006 in der Wassermühle Moulin J.P. Dieschbourg anzuheuern, die sich seit 1897 in Familienbesitz befindet." Keinerlei Qualifikationen zum Thema oder auch nur in der groben Richtung Naturwissenschaften. Perfekter Mietling, auch noch ein Weibchen, toll. Das wäre ja auch zu blöde wenn Politiker irgendetwas von den Dingen verstünden über die sie entscheiden. Da könnte ja die Realität Einzug halten. Siehe auch ... kann man gar nicht anfangen aufzuzählen. Man stelle sich vor: Großes Unternehmen sucht Entwicklungsleiter. Voraussetzung: Keine Berufserfahrung, keine Kenntnisse der Sache, irgendwie Bio, weiblich. Hä?
4. Pressekonferenz
ottokar.heizer 10.12.2015
Bei der Pressekonferenz der EU (Präsidentschaft, Kommission) konnte man eher den Eindruck gewinnen, daß der zuständige Kommissar das Zepter führt im Bereich der Verhandlungen über das Klima haben sich anscheinend die EU Staaten darauf geeinigt, daß im Gegensatz zu anderen internationalen Verhandlungen nicht die EU Präsidentschaft die gesamte Last trägt, sondern spezifische Fragestellungen längerfristig von einem bestimmten Mitgliedsstaat betreut werden, dies scheint ein erfolgsversprechende, Humanressourcen schondene Vorgangsweise zu sein, das Prinzip der rotierenden Präsidentschaft scheint hinterfragenswürdig zu sein, langsam sollten sich die EU Staaten auf eine Regierung einigen, die derzeitige Zuständigkeit ist für den EU Bürger kaum mehr überschaubar, Präsident der Kommission, des Europäischen Rates, des Rates, des Parlamentes, und jeder tritt medial vor allem in seinem entsendenden Land auf, nur ein Sprachentalent wie der Luxemburger JP Juncker ist in der Lage in der Sprache mehrerer größerer Mitgliedsstaaten zu kommunizieren momentan erlebt die EU eine der größten außenpolitischen Krisen, aber außerhalb Italiens liest man relativ wenig über die Aktivitäten der Hohen Vertreterin der Europäischen Union für Außen- und Sicherheitspolitik In Wahrheit liegt das Schicksal der EU in den Händen weniger Personen, vor allem in jenen des französischen Präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin die Mehrheit der kleineren Staaten ist auf Grund der oft fehlenden Kapazitäten und Expertise nicht wirklich in der Lage das Amt der Präsidentschaft auszufüllen, für eine sechsmonatige Amtsperiode, die einem Mitgliedsstaat rd. alle 15 Jahre zufällt, kann auch kein großer Stab vorgehalten werden, daher sollte eine EU Regierung geschaffen werden, ein Teil der Mitarbeiter der Kommission und des Rates könnten dann jene Leistungen übernehmen, die zur Zeit von der jeweiligen EU Präsident erbracht werden ....
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Die Wahrheit über die Erwärmung

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

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