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Klimagipfel: Die verflixten anderthalb Grad

Aus Paris berichtet

NGO-Vertreter beim Gipfel: Ja, zwischen der 1 und der 5 steht ein Komma Zur Großansicht
AP/dpa

NGO-Vertreter beim Gipfel: Ja, zwischen der 1 und der 5 steht ein Komma

Vom Zwei-Grad-Ziel haben Sie schon mal gehört? Beim Klimagipfel in Paris machen sich nun viele Länder sogar für 1,5-Grad stark. Für Klimawandel-Opfer ergibt das viel Sinn - der Weg dahin wäre aber äußerst problematisch.

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So deutlich sind Staats- und Regierungschefs selten: Als Kanzlerin Angela Merkel ihre Rede zum Start des Weltklimagipfels hielt, erwähnte sie nicht nur die viel beschworene Absicht, den globalen Temperaturanstieg unter zwei Grad zu halten. Sie legte gleich noch einen drauf: "Das ist ein notwendiges Ziel. Wir wissen aber mit Blick auf die kleinen Inselstaaten, immer noch kein ausreichendes Ziel."

Seit dem hat sich einiges getan: Immer mehr Staaten haben sich in den Verhandlungen von Paris für die Aufnahme eines 1,5-Grad-Ziels in den Text ausgesprochen. Das ist im Grundsatz nichts neues, auch frühere Klimagipfel haben das getan - aber beim aktuellen Treffen ist deutlich mehr Druck hinter dem Vorhaben. Es geht darum, besonders vom Klimawandel betroffene Länder - zum Beispiel Inselstaaten im Pazifik - für einen Deal zu gewinnen.

"Das Zeitfenster schließt sich schnell"

Eine neue "High Ambition Coalition", zu deren rund hundert Mitgliedern auch die EU und die USA gehören, macht sich für ein Abkommen mit ernsthaften Zielen stark. Aber wer es ernst meint mit den verflixten anderthalb Grad, muss sich einige Dinge klarmachen: Zunächst einmal ist ein Temperaturanstieg von einem Grad bereits erreicht. Das heißt, die Welt müsste extrem schnell aus der Nutzung fossiler Brennstoffe aussteigen. Nicht irgendwann, sondern am besten schon morgen. Danach sieht es bislang kaum aus - auch wenn die globalen Emissionen 2015 offenbar stagnieren.

Joeri Rogelj vom International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) im österreichischen Laxenburg und seine Kollegen haben kürzlich im Fachmagazin "Nature Climate Change" nachgerechnet. Zur Mitte des Jahrhunderts dürfte die Weltwirtschaft für ein 1,5-Grad-Ziel unter dem Strich kein CO2 mehr ausstoßen. Das wäre ein bis zwei Jahrzehnte früher als bei einem Zwei-Grad-Ziel. "Das Zeitfenster zum Erreichen dieses Ziels ist klein und schließt sich sehr schnell", bilanzierten die Forscher.

Nötig wäre ein zügigerer und radikalerer Umbau der Energieversorgung als bisher auch nur ansatzweise abzusehen ist. Außerdem müsste es bei der Energieeffizienz extrem große technologische Fortschritte geben. Befürworter des 1,5-Grad-Ziels wiederum argumentieren: Im Prinzip braucht die Welt dafür dieselben Technologien wie für das Zwei-Grad-Ziel. Nur eben schneller.

"Man bräuchte negative Emissionen"

Man muss klar sagen: Aus Sicht der vom Klimawandel am stärksten Betroffenen macht ein 1,5-Grad-Ziel eine Menge Sinn. Die viel diskutierten zwei Grad Temperaturerhöhung sind eben nicht eine Grenze, an die man sich gefahrlos annähern kann. Sie begrenzen aus Sicht der Wissenschaft nur die schlimmsten Folgen. Einen massiven Meeresspiegelanstieg wird es trotzdem geben, das Meereis der Arktis im Sommer voraussichtlich trotzdem verschwinden, die Ozeane weiter versauern. Und so weiter.

Die bisherigen CO2-Zusagen der Staaten für den Gipfel von Paris führen aber - bestenfalls - zu einer Begrenzung des Temperaturanstiegs auf 2,7 Grad. Das Australian-German Climate and Energy College an der Universität von Melbourne hat vor der Klimakonferenz ausgerechnet, dass bei Beibehaltung der aktuellen Pläne schon vor 2030 zu viel CO2 in der Atmosphäre wäre, um ein 1,5-Grad-Ziel noch zu erreichen.

Einen Ausweg gäbe es freilich: "Man bräuchte negative Emissionen", sagt Glen Peters vom Klimaforschungsinstitut Cicero in Oslo. Das heißt, man entfernt einmal in die Atmosphäre gepustetes Klimagas später wieder mit technischen Mitteln. "Alle Szenarien, die wir gerechnet haben, überschreiten zwischenzeitlich die 1,5 Grad", bestätigt Forscher Rogelj.

Riesenaufwand, Rieseninvestition

Was also tun? Bis zu einem gewissen Grad könnte großflächige Wiederaufforstung helfen, außerdem das - technisch schwierige und ineffiziente - Abtrennen des CO2 direkt aus der Luft. Die Hauptlast aber müsste ein potenziell problematisches drittes Verfahren tragen: Man baut auf riesigen Ackerflächen Bioenergiepflanzen an, Mais etwa, verheizt diese, fängt das entstehende Kohlendioxid auf - und speichert es dann im Boden.

"Und da wird es ungemütlich", sagt Glen Peters. BECCS heißt das Verfahren bei den Experten, die Abkürzung für Bio-energy with carbon capture and storage. "CO2 einzufangen, zu transportieren und irgendwo zu lagern, das ist ein Riesenaufwand, eine Rieseninvestition", sagt auch Joeri Rogelj. Und noch ein Problem gibt es: Kohlendioxidspeicherung und Abtrennung etwa aus Kohlekraftwerken, kurz CCS, war bisher zum Beispiel in Deutschland ein politischer Rohrkrepierer. Warum sollten die Menschen nun BECCS lieben, wenn sie CCS hassen?

"Wenn CCS keine Option ist, kann man auch BECCS vergessen", sagt Peters. Und das ist nicht die einzige Schwierigkeit: Vor allem drohen Konflikte um Landnutzung, um Wasser zum Beispiel. Selbst um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, wären extrem große Flächen für den Anbau von Bioenergiepflanzen-Anbau nötig - Land größer als Indien müsste zur Kühlung der Atmosphäre bepflanzt werden. "Teller oder Tank" - so lautete der Streit beim Hochfahren der Biospritproduktion vor einigen Jahren. In Zukunft könnte um "Teller oder Klimaschutz" gestritten werden.

'Null Emissionen' wäre einfacher

Womöglich lassen sich solche Konflikte durch richtige Schutzmaßnahmen entschärfen - und durch die Entwicklung besonders effektiver Pflanzensorten zur Nahrungsproduktion, damit Flächen frei werden für BECCS. Das wiederum wäre eine Herausforderung für die Gentechniker. Auch nicht unbedingt eine Vision, die jedem gefällt. Genauso wenig wie der massive Ausbau der Kernenergie für eine vermeintlich saubere Stromversorgung, der ebenfalls zu befürchten wäre.

Auf dem Klimagipfel gibt es ein klares Risiko: Erdöl-Staaten könnten sich ihre Zustimmung zum 1,5-Grad-Ziel bezahlen lassen mit der Zusicherung, dass es erst einmal kein konkretes Datum für den weltweiten Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas gibt. Am Ende könnte dann auch ein Zwei-Grad-Ziel nicht mehr zu machen sein. Umweltschützer verweisen darauf, dass Paris vor allem ein konkretes Ziel bringen muss - damit es Investitionssicherheit für Erneuerbare Energien gibt.

"Wer 1,5 Grad sagt, muss sich auch zur Dekarbonisierung bis Mitte des Jahrhunderts und regelmäßiger Überprüfung von Klimazielen und Finanzierung alle fünf Jahre bekennen", sagt Lutz Weischer von der Umweltorganisation Germanwatch. "Diese Überprüfung muss sich auch auf die jetzt vorliegenden Ziele beziehen und deswegen noch vor 2020 beginnen."

Für Forscher Peters ist die Sache vergleichsweise simpel: "Ein 1,5-Grad-Ziel ist ziemlich abstrakt, weil man nicht sofort sieht, was es bedeutet", sagt er. "Wenn man 'Null Emissionen' in den Vertrag schreibt, weiß dagegen jedes Land, was es zu tun hat."

Zusammengefasst: Immer mehr Länder machen sich dafür stark, die Erderwärmung nicht nur auf 2,0, sondern auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das Vorhaben wäre äußerst ambitioniert, denn die Erde hat sich bereits um 1,0 Grad erwärmt. Die Menschheit dürfte ab etwa 2050 kein CO2 mehr in die Atmosphäre pusten, müsste ihre Emissionen also bis dahin auf Null senken. Zusätzlich könnten gezielte Pflanzungen große Mengen CO2 aus der Luft holen, um das Ziel zu erreichen. Ob das ehrgeizige 1,5-Grad-Projekt auf der Klimakonferenz beschlossen wird, ist allerdings unklar.

Klimagipfel in Paris

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1. Kurz!
assiwichtel 10.12.2015
Machen wir es kurz, um was geht es? Geld, das von den Industrienationen an die am stärksten betroffenen Staaten fliesst. Grundsätzlich nichts dagegen, aber wahrscheinlich wird das Geld beim Empfänger nicht für den Küstenschutz, der dem steigenden Meeresspiegel etwas entgegen setzen könnte, verwendet, sondern landet in der Korruption. Daher, wie immer beim Spenden: besser Sachleistungen statt Geld!
2.
sarkasmis 10.12.2015
Wie wäre es, wenn die Drittweltländer mal etwas anbieten? Indien könnte Flächen zur Biospritproduktion zur Verfügung stellen. Das notwendige Wasser kann solarbetrieben entsalzt werden. Indien könnte sich komplett selber ernähren aber 25 % der Ernte vergammelt mangels Infrastruktur. Und warum sollte man die Ölexporteuere bezahlen? Die sind zum Teil extrem reich und sollten eher für ihr umweltschädliches Geschäftsmodell Ausgleiche leisten. Am Ende soll wieder der deutsche Normalverdiener blechen obwohl Deutschland mit dem EEG schon wahnwitzigen Aufwand betreibt.
3. Wer Atomausstieg sagt und Kohle
opinio... 10.12.2015
umso mehr verfeuert und all das für sinnvoll verkauft, der muss Politiker sein oder gar Kanzler
4. 638
otto_iii 10.12.2015
Diese Forderungen und Szenarien sind so offensichtlich unrealistisch, dass sich jede Diskussion darüber erübrigt. Außerdem verstehe ich nicht, wieso man für die "BECCS"-Methode die "Energiepflanzen" erst verbrennen muss. Es würde doch reichen, die Pflanzen abzuholzen und unter Sauerstoffabschluss unterirdisch zu lagern - so sind die fossilien Brennstoffe vor Millionen von Jahren auch entstanden.
5. Es gibt das 3L Auto, wird aber nicht gebaut.
picassoundich 10.12.2015
Also was soll dieser alberne Klimagipfel? Vorhandene Technologien nutzen und umsetzen! Dann klappts auch mit den 2 Grad oder 3 Grad oder 4 Grad weniger auf dem Planeten usw. Seit September 2015 ist die Zeit der Volksverdummung eh vorbei.
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Die Wahrheit über die Erwärmung

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

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