Klimasünder Indien Kohle gegen Kohle

Indien ist entscheidend im Kampf gegen den Klimawandel. 2020 dürfte es das menschenreichste Land der Erde sein - das zur Energiegewinnung ausgerechnet auf dreckige Kohle setzt. Wenn der Westen ein sauberes Indien will, muss er dafür wohl: zahlen.

Brennende Müllhalde in Gauhati, Indien: Vorwurf der Heuchelei an die Industrienationen
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Brennende Müllhalde in Gauhati, Indien: Vorwurf der Heuchelei an die Industrienationen

Von Ulrike Putz, Neu-Delhi


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Auf die oft gestellte Frage, warum Indien sich nicht enthusiastischer für den Umweltschutz einsetzt, antwortet Neu-Delhi gern mit Zahlen: 360 Millionen Inder vegetieren in bitterer Armut. 400 Millionen Menschen auf dem Subkontinent leben in Behausungen, die noch nicht ans Stromnetz angeschlossen sind. Und zwölf Millionen Jugendliche drängen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt des Landes.

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Heft 49/2015
Wie der "IS" seinen Krieg nach Europa trägt

"Ich habe nur eine Aufgabe, und das ist Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung", betonte Ministerpräsident Narendra Modi vergangenen Woche erneut. Klimaschutz, das hat seine vor gut eineinhalb Jahren gewählte Regierung immer wieder unterstrichen, kann angesichts der dringenden Probleme Indiens nur an zweiter Stelle stehen.

Bald China überholt

Wachstum versus Klima: In diesem tiefen Zwiespalt steckt Indien. Die Entscheidungen, die Neu-Delhi hinsichtlich dieses Konflikts treffen wird, sind von weltweiter Bedeutung. Die schiere Größe des Landes macht Indien zu einer der Nationen, die entscheiden werden, ob die Menschheit einen womöglich dramatischen Klimawandel verhindert oder nicht.

Schon jetzt zählt der Subkontinent 1,25 Milliarden Einwohner. Es wird erwartet, dass Indien 2020 China als bevölkerungsreichstes Land der Erde ablöst. Nach dem am Montag veröffentlichten Zahlen wuchs Indiens Wirtschaft im dritten Quartal um 7,4 Prozent und damit erstmals schneller als die Chinas. Und auch Indiens Ausstoß an Treibhausgasen wächst rasant. Lag der Pro-Kopf-Ausstoß 1990 noch bei 1,7 Tonnen CO2, könnte er nach Berechnungen des Australian-German Climate and Energy College im Jahr 2030 4,3 Tonnen erreichen.

Das Problem: Indien setzt auf einen Klimaschädling. Das Land bezieht den Löwenanteil seiner Energie aus lokal geförderter, minderwertiger Kohle. Und bis 2019 will es doppelt so viel dieser Kohle abbauen und verheizen. Verschärft wird die Lage durch das rasante Bevölkerungswachstum: 2030 könnte es 1,5 Milliarden Inder geben - und jeder davon wird 1,4 Tonnen CO2 mehr verursachen als ein Einwohner heute.

Angesichts des rasanten Anstiegs der indischen Emissionen sprach US-Außenminister John Kerry kürzlich davon, dass Indien in Paris eine Herausforderung darstelle - eine Äußerung, die in Neu-Delhi helle Entrüstung hervor rief.

Indien wirft den Industrienationen im Bezug auf den Umweltschutz Heuchelei vor - eine Ressentiment, das von vielen anderen Entwicklungsländern geteilt wird. Die westliche Welt habe durch die Industrialisierung im 19. und 20. Jahrhundert das Problem des Klimawandels überhaupt erst geschaffen, heißt es. Westliche Nationen "haben die Welt 150 Jahre lang mit billiger Energie verpestet", sagte Indiens Energieminister, Piyush Goyal, im September. Indien werde dafür nicht den Preis bezahlen und Abstriche bei seiner Entwicklung machen.

CO2-Freisetzung verdreifacht

Unter den Teilnehmern in Paris geht angesichts solcher Aussagen die Sorge um, dass Indien ein Abkommen torpedieren könnte, das es als entwicklungshemmend oder ungerecht empfindet. Dabei kann der Subkontinent die Dringlichkeit der Lage kaum länger leugnen. Indien leidet unmittelbar unter der Umweltverschmutzung.

Premier Narendra Modi: "Ich habe nur eine Aufgabe, und das ist Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung"
DPA

Premier Narendra Modi: "Ich habe nur eine Aufgabe, und das ist Entwicklung, Entwicklung, Entwicklung"

Als letzter der großen CO2-Produzenten hat Neu-Delhi im Oktober vage Klimaziele definiert. Neu-Delhi verpflichtete sich dabei allerdings nicht wie China auf eine Obergrenze sondern kündigte nur an, die Intensität seiner Treibhausgasemissionen bis 2030 um 33 bis 35 Prozent im Vergleich zu 2005 verringern, also den Ausstoß im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.

Weil die Wirtschaft aber zugleich rasant wachsen soll, könnte sich die CO2-Freisetzung trotzdem fast verdreifachen. Die Forscher vom Australian-German Climate and Energy College prognostizieren für 2030 daher als Obergrenze Emissionen von 6500 Megatonnen CO2, bei einem ambitionierteren Vorgehen halten sie aber auch 5000 Megatonnen für möglich. Zum Vergleich: 2014 lag der Wert bei 3600 Megatonnen - siehe folgendes Diagramm:

Immerhin sollen 2030 etwa 40 Prozent der Energie aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Solar, Wasser und Atomkraft stammen - Umweltschützer bezweifeln jedoch, dass das realistisch ist.

Letztlich geht es für Indien in Paris darum, wer für die Kosten für die Entwicklung und Produktion saubereren Stroms für die energiehungrigen Entwicklungsländer aufkommen soll. Modi ist sich dabei bewusst, dass er in einer guten Verhandlungsposition ist, weil er in gewisser Weise das Schicksal des Planeten in der Hand hält.

  • Die Luft in Indiens Städten und Industriegebieten ist so schlecht, dass sie bleibende Gesundheitsschäden verursacht. Im vergangenen Jahr verortete die Weltgesundheitsorganisation 13 der 20 Städte mit der schlechtesten Luft weltweit auf dem Subkontinent.
  • Sein Land sei extrem anfällig für die Folgen des Klimawandels wie ein steigender Meeresspiegel, warnte Modis Finanzminister, Jayant Sinha, kürzlich. Die Finanzmetropole Mumbai mit ihren zwölf Millionen Einwohnern gilt als akut gefährdet.

Der Repräsentant eines Sechstels der Weltbevölkerung wird sich lange bitten lassen, auf einen Deal einzugehen, sagten Mitglieder der indischen Delegation vor ihrer Abreise nach Frankreich. Modis Bedingung sei, dass das Gros der Kosten für Indiens Emissionsreduktion von den hoch entwickelten Industrienationen getragen wird.

Allein die Verringerung der Intensität des indischen Ausstoß von CO2 bis 2030 soll nach Berechnungen von Neu-Delhi umgerechnet 155 Milliarden Euro pro Jahr kosten. Eine eher hoch gegriffene Zahl - aber sie ist Teil der indischen Verhandlungsmasse in Paris.

Wer will was beim Klimagipfel?
China
Der weltweit größte CO2-Emittent hat seinen Kurs geändert. Auf dem Klimagipfel 2009 in Kopenhagen galt China noch als großer Verweigerer. Nun erwarten Beobachter, dass sich das Land für einen erfolgreichen Klimagipfel einsetzen wird. Staatspräsident Xi Jinping und Frankreichs Präsident François Hollande haben Anfang November zugesagt, sich für regelmäßige Kontrollen der in Paris vereinbarten Ziele starkzumachen. Alle fünf Jahre soll eine komplette Überprüfung der erreichten Fortschritte stattfinden. Peking hatte im Juni angekündigt, seine bisherigen Klimaziele für den Gipfel zu erhöhen. Der Ausstoß von Kohlendioxid soll demnach möglichst vor 2030 den Höhepunkt im Land erreichen. 20 Prozent des Energiebedarfs sollen bis dahin aus nicht fossilen Quellen gedeckt werden. Zudem sollen die Emissionen gemessen an der Wirtschaftsleistung bis 2030 um 60 bis 65 Prozent gegenüber 2005 reduziert werden. Durch drastisches Einsparen von Kohle hofft China, auch die Smogprobleme in den Großstädten zu lösen. Das Problem: China stößt in der Realität laut neuen Auswertungen offenbar ein Sechstel mehr Treibhausgase aus als bisher bekannt.
USA
US-Präsident Barack Obama hat sich früh zum Klimagipfel in Paris bekannt und zeigt sich zuversichtlich. Die größte Volkswirtschaft der Welt hat angekündigt, die Treibhausgasemissionen bis 2020 um 17 Prozent im Vergleich zu 2005 zu reduzieren. Bis 2025 sollen sie um 26 bis 28 Prozent sinken und bis 2050 um 80 Prozent. Gegen teils erbitterten Widerstand der konservativen Republikaner hat Obama zuletzt Zeichen gesetzt. So verbot er den Weiterbau der umstrittenen Keystone-Pipeline, die Ölsand-Abbaugebiete in Kanada mit dem Golf von Mexiko verbinden sollte. Allerdings hatte Außenminister John Kerry in Europa Verärgerung ausgelöst, als er erklärte, eine Vereinbarung auf dem Klimagipfel werde definitiv nicht den Status eines Vertrages haben. Dies wird in den USA als innenpolitische Taktik gewertet - einen rechtlich verbindlichen Vertrag müsste Obama durch den von den Republikanern dominierten Senat boxen.
Europäische Union
Die EU hat sich im internationalen Vergleich vergleichsweise ehrgeizige Ziele gesetzt. So soll sich etwa der Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) bis 2030 um mindestens 40 Prozent gegenüber 1990 vermindern. Zudem macht sich der Staatenverbund dafür stark, dass der CO2-Ausstoß bis zum Ende des Jahrhunderts auf null sinkt. In Paris, so die Forderung, muss ein verbindliches Klimaschutzabkommen vereinbart werden. Zudem soll ein Mechanismus vereinbart werden, bei dem die weltweiten Anstrengungen alle fünf Jahre geprüft und falls nötig nachjustiert werden.
Entwicklungsländer (G77)
Diese heterogene Gruppe reicht von Bangladesch und anderen stark durch den Klimawandel gefährdeten Staaten bis Saudi Arabien. Viele der Länder haben zwar auch nationale Klimaschutzpläne vorgelegt, die Erfüllung der Ziele jedoch oftmals von finanzieller oder technischer Unterstützung durch die Industrienationen abhängig gemacht. Diese hatten unter bestimmten Bedingungen Klimahilfen zugesagt, die bis 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar erreichen sollen. Nun pochen die Entwicklungsländer auf konkrete Vereinbarungen dazu.
Indien
Das aufstrebende Schwellenland will bis 2030 etwa ein Drittel weniger Treibhausgase im Vergleich zum Bruttoinlandsprodukt ausstoßen als 2005. Das soll vor allem durch den massiven Ausbau der Solarenergie sowie weniger Subventionen für fossile Brennstoffe und eine Kohlesteuer gelingen. Indiens Formel lautet: 175 Gigawatt aus erneuerbaren Energien schon bis 2022, das ist viermal so viel wie heute. Doch Neu Delhi macht auch klar: Dafür braucht es richtig viel Geld und Technologietransfer. Weil die Industrieländer historisch gesehen den Klimawandel fast allein verantworten, sollten sie nun auch zahlen.

Zusammengefasst: In Indien geht wirtschaftliche Entwicklung vor Klimaschutz, das Land setzt massiv auf Kohlestrom. Beim Klimagipfel in Paris wird das Land hart verhandeln: Für teure Investitionen in grüne Technologie soll der Westen zahlen.

Zur Autorin
Ulrike Putz ist Korrespondentin von SPIEGEL ONLINE und berichtet über Indien und den Nahen Osten.

E-Mail: Ulrike_Putz@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 77 Beiträge
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heavenstown 04.12.2015
1. Indien hat zahllose Milliardäre und Millionäre...
... warum sollen wir immer zahlen und die anderen lehnen sich zurück? Geld das in die Länder fließt kommt nur wenigen zugute, dem Umweltschutz sicherlich nicht!
go-west 04.12.2015
2. Die wirkliche Bombe in Indien
Ist die demographische Entwicklung. Hier ist es dringend vonnöten, dass man wenigstens an der ein Kind Politik durchsetzt, ähnlich wie China dies getan hat. Das bedingungslose Recht auf Fortpflanzung muss infrage gestellt werden, sonst kollabiert unser Planet eines Tages.
joG 04.12.2015
3. Wenn man etwas will....
.....muss man zahlen. Das scheint okay. Wenn wir wollen, dass die Inder sich anders verhalten, müssen wir die Musik bezahlen. Aber da genügen nicht 100 Milliarden im Jahr, die versprochen, nie bezahlt werden. Denn wie teuer es ist, sehen wir hier. Wir haben es nicht geschafft unsere Kohlekraftwerke abzustellen. Und der Abbau von Braunkohle läuft in NRW munter weiter und weiter und wird es noch auf Jahre.
jjcamera 04.12.2015
4. Kohle?
Wenn wir jedes Land der Erde dafür bezahlen müssen, dass es unserem Vorbild nacheifert, geht uns bald die "Kohle" aus.
ruhepuls 04.12.2015
5. Normative Kraft des Faktischen...
...oder ganz einfach: Wenn wir nicht zahlen leiden wir mit, denn die Umweltverschmutzung trifft uns alle. Und die Inder sind Leiden eher gewöhnt als wir. Außerdem - ganz nebenbei - sind wir nicht so ganz unschuldig an den Verhältnissen, denn wir (Westler) waren es schließlich, die unsere technische Zivilisation überall hin exportiert haben...
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