Klimahaus Bremerhaven Die Welt auf 5000 Quadratmetern

Hitze, Eiseskälte, drückende Luftfeuchtigkeit: Ein neues Museum in Bremerhaven macht das Weltklima zum Erlebnis. Jan-Philipp Hein hat mit einem Fußmarsch von einem Kilometer im Klimahaus die gesamte Erde erkundet - und war begeistert.


Unter den Längengraden auf dieser Erde gehört die Nummer acht nicht zu denen, die mit besonderen Spektakeln aufwarten können. Er führt durch keine Metropolen, stellt nicht die Datumsgrenze dar und ist auch nicht der Nullmeridian, der die Erde in Ost- und Westhalbkugel teilt.

Und doch hat Längengrad acht Grad Ost nun etwas, das ihn von seinen restlichen 359 Kollegen unterscheidet. Er ist in Bremerhaven auf knapp 5000 Quadratmetern komprimiert worden. Im " Klimahaus Bremerhaven 8 Grad Ost", das unter der passenden Postadresse "Am Längengrad 8" zu finden ist, können Besucher an einem Tag die virtuelle Linie bereisen und verschiedene Klimazonen erleben.

Während der Sommer nur zögerlich nach Bremerhaven kommt, gibt es im Klimahaus einen 200 Quadratmeter großen Raum, in den die nigerianische Halbwüste samt einer einsamen Akazie eingezogen ist. Es herrschen 35 Grad, die Luft ist staubtrocken. Der Weserdeich, nur ein paar Meter vom Haus entfernt, ist gefühlt Tausende Kilometer weit weg.

Die Wüstenszenerie ist eine Station der "Reise", die den Kern des Klimahauses bildet. Daneben gibt es weitere Ausstellungsbereiche. In "Elemente" kann der Besucher seine eigenen Klimaexperimente anstellen. Mit den Ingredienzien Feuer, Erde, Wasser und Luft kann er beispielsweise Stürme oder Vulkanausbrüche simulieren. Der Bereich "Perspektiven" ist ein Abriss der Klimageschichte und ein Ausblick auf die Zukunft. Und in "Chancen" geht es um den individuellen CO2-Ausstoß. Was kann man tun, um das Klima zu schützen?

Vier bis fünf Stunden, so glauben die Ausstellungsmacher von der verantwortlichen Bremer Firma Petri & Tiemann, werden Besucher im Klimahaus verbringen - doch es könnten sogar noch mehr werden. Denn die veranschlagte Zeit kann man allein für die komprimierte Erdumrundung ansetzen. Los geht es in Bremerhaven, wo der achte Längengrad genau durchs Klimahaus läuft. Die 115.000-Einwohner-Stadt verlässt man auf Bahnschienen.

Alle zwölf Minuten ein Tropfen Wasser

Ziel ist ein Schweizer Bergbauernhof, der durch abschmelzende Gletscher bedroht wird. Bisher hat der Permafrost das Geröll zusammengehalten, doch nun besteht Steinschlaggefahr. Von der Schweiz geht es dann über eine Kräuterwiese auf Sardinien in die nigerianische Hitze. Auf die Akazie in dem 200-Quadratmeter-Raum fällt alle zwölf Minuten ein Tropfen Wasser. Das entspricht dem Niederschlag in der Wüstenrealität. Tropisches Klima gibt es ein paar Meter weiter im Kameruner Dschungel. Die Luftfeuchtigkeit beträgt 80 Prozent. Es ist 30 Grad warm.

Der Weltenbummler im Klimahaus geht wieder nur ein paar Meter, die in der Realität rund 10.000 Kilometern entsprechen - und erlebt dann einen Temperatursturz von 48 Grad. Im Klimahaus, dessen Ausstellungsdesign die Hamburger Agentur Kunstraum GfK entwickelt hat, sind auch die Eismassen der Antarktis keine Attrappe.

Bevor man sich erkältet, geht es ab nach Samoa. Das Wasser des Pazifiks ist still. Auf der Insel sind 98 Prozent der Bevölkerung Christen. Aber die Kirche verfällt. Die Bewohner des Dorfes sind vor dem steigenden Meeresspiegel geflüchtet.

Und dann? Ausgerechnet Alaska. Die Endlosigkeit der Tundra lässt sich auch in einem begrenzten Raum wie dem Klimahaus inszenieren. Hinter dem Horizont Alaskas liegt dann die deutsche Hallig Langeneß, die letzte Station vor der Rückkehr nach Bremerhaven. Es geht wieder um steigende Meeresspiegel. Der Längengrad-Reisende steht auf einem Hügel. Um ihn herum wird eine Sturmflut inszeniert. Das Wasser steigt. Wer keine nassen Füße bekommen will, muss mit den Mitreisenden auf Tuchfühlung gehen.

Wolkenbruch über dem Kleinwagen

Das Klimahaus ist ein Spektakel. Die Inszenierungen, mit Bühnentechnik und Theaterkulissen umgesetzt, zeigen, wie Menschen an verschiedenen Orten dem Naturgeschehen ausgesetzt sind. An jeder Station gibt es sogenannte Vertiefungsräume. Auf Sardinien ist das ein alter Fiat 500. Der Kleinwagen ist den Launen der Besucher ausgesetzt, die am Computer Wetterlagen simulieren können. Ein Hoch hier, ein Tief da und schon gibt es einen Wolkenbruch über dem Kleinwagen.

An jedem Ort der Reise durch die Klimazonen trifft man auf die Detailverliebtheit der Betreiber. Der Trip ist nicht am Reißbrett entstanden. Petri & Tiemann ließen zwischen 2004 und 2006 den Bremer Architekten Axel Werner den achten Längengrad bereisen. "Der kann so gut auf Menschen zugehen", sagt Klimahaus-Sprecher Wolfgang Heumer - und so menschelt es im Klimahaus überall.

Werner hatte auf seinen Erkundungen den israelisch-amerikanischen Dokumentarfilmer B.Z. Goldberg im Schlepptau. 81 Filmszenen sind so entstanden. Der Bremer sprach die Bewohner seiner Szenerien an, Goldberg setzte sie ins Bild, in Bremerhaven sind sie nun ein zentraler Punkt der Ausstellung.

Alle reden vom Klima und dessen Veränderung. In dem neuen Museum in Bremerhaven geht es ums Erleben und die Mechanismen der Natur.

Im Jahr 2000, eine öffentliche Debatte um den Klimawandel gab es noch nicht, beauftragte die Stadt Bremerhaven Petri & Tiemann, eine Touristenattraktion zu entwickeln. Wichtig war den Seestädtern ein lokaler Bezug. Die Bremer, die sich als "Spezialisten für innovative Freizeitwelten" bezeichnen, bekamen die zündende Idee in Bremerhaven: "Mit Hitze und Kälte, Regen und Trockenheit, Sturm und Windstille ist hier Wetter aus fast allen Klimazonen zu spüren", sagt Arne Dunker, Geschäftsführer des Bremer Unternehmens. 2001 begannen die Arbeiten am Ausstellungskonzept, 2006 wurde der Grundstein gelegt.

70 Millionen Euro kostet der insgesamt 18.800 Quadratmeter große Bau das Land Bremen und die Stadt Bremerhaven. Petri & Tiemann übernehmen jetzt den Betrieb und das unternehmerische Risiko. 600.000 Besucher jährlich sind angepeilt. An Spitzentagen sollen bis zu 5000 Reisende die einen Kilometer lange Erdumrundung bewältigen.

Petri-&-Tiemann-Mitinhaber Carlo Petri sagt: "Das Klima gehört zu den Themen, die die Menschen am meisten bewegen." Vielen Menschen fehlten aber die Grundlagen und das Verständnis für die Zusammenhänge. "Wir wollen mit dem Klimahaus und mit leicht verständlichen, spannend präsentierten und wissenschaftlich fundierten Angeboten mehr Orientierung schaffen", so Petri.

Damit das auch in Zukunft so bleibt, soll das Science-Center permanent an den Stand der Wissenschaft angepasst werden. Die Profis dafür sitzen gleich um die Ecke. Neben dem Max-Planck-Institut für Meteorologie und dem Deutschen Wetterdienst ist nämlich das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) Partner des Klimahauses. Seinen Hauptsitz hat das AWI in Wurfweite des neuen Klimatempels.

Der wird übrigens am Donnerstag von Live-Aid-Organisator Bob Geldof und geladenen Gästen eingeweiht. Ab Samstag dann ist das Klimahaus auch für das ganz normale Publikum geöffnet.

Mehr zum Thema


insgesamt 7399 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
AndyH 18.06.2009
1. war doch klar ..
Die haben doch keine Ahnung ob und wie warm wird auch nur in 5 Tagen. Die Klimamodelle als Komputerspiele sind zudem gänzlich untauglich.
chagall1985 18.06.2009
2. Geile Sache das!
Wenn es eh keine Rolle mehr spielt, kann Ich ja meinen SUV bestellen und weiter Chinascheiss kaufen. Dann kann man wenigstens die letzten Jahre noch geniessen. Ich habe echt das Gefühl, diese Statistiker sind im Weltuntergangswettbewerb. Wer die schlechteste Prognose und statistische Interpretationsmöglichkiet findet, der hat gewonnen.
sacco 18.06.2009
3.
schön, dass der neue report von schellnhuber & co nun endlich auch die klimäerwärmende rolle des lachgases berücksichtigt.
AxelSchudak 18.06.2009
4.
>Insofern, mahnen die Autoren, "werden die >Klimaveränderungen, die heutige Generationen >anstoßen, unsere Nachfahren noch lange in >der Zukunft beeinflussen". Zumindest sind sie soweit optimistisch, dass wir noch Nachfahren haben. :-)
purawida 18.06.2009
5. ist das gehirn mal gekocht....
merken wir eh nix mehr... wir entwickeln uns einfach wieder zum affen zurück und retten uns auf die bäume und schwingen uns von ast zu ast.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.