Klimakatastrophe So kann sich die Welt noch retten

Wir verzichten auf ein Promille Wirtschaftswachstum, investieren höchstens ein paar Prozent mehr: Das ist der Kostenvoranschlag des Weltklimarats zur Abwendung der Klimakatastrophe. Das einzige Problem: Die Rechnung geht nur auf, wenn alle mitmachen.


Eine braune Linie ist es, auf die sich die Hoffnung der Klimaforscher stützt: Stetig steigt sie an und hat mittlerweile das Dreifache des Niveaus von 1970 erreicht. Es handelt sich um das Einkommen der Menschheit - alles was auf dem gesamten Planeten erwirtschaftet wird. Diese Kurve steigt stärker an als die blauen, roten und grünen Linien im selben Schaubild - die für Energieverbrauch, CO2-Ausstoß und Bevölkerungswachstum stehen: Wachstum und Wohlstand sind nicht auf Gedeih und Verderb an wachsende Emissionen gebunden.

Landwirt (in Australien): Die Vermeidung der schlimmsten Folgen des Klimawandels kostet - aber die Investition lohnt sich
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Landwirt (in Australien): Die Vermeidung der schlimmsten Folgen des Klimawandels kostet - aber die Investition lohnt sich

"Man kann die Einkommen der Menschen steigern und gleichzeitig die Treibhausgasemissionen reduzieren", formulierte Ogulande Davidson, Co-Vorsitzender des Uno-Klimarats die frohe Botschaft von Bangkok. Dort hatte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) am heutigen Freitag den dritten Teil seines Klimaberichts vorgelegt - jenen Teil, in dem Wege aus der Klimafalle beschrieben werden. "Es geht hier nicht um Opfer, die die Menschen bringen müssen, sondern um Änderungen des Lebensstils", sagte Davidson.

So könnten die Menschen einfach häufiger laufen oder radfahren, statt sich ins Auto zu setzen. Doch dergleichen praktische Hinweise gehörten in Bangkok eher zu den Fußnoten.

Die Empfehlungen des Klimarats zur Vermeidung gefährlicher Folgen der globalen Erwärmung ist ein Konvolut aus Durchschnittswerten, Prognosen und technologischen Einschätzungen: Als Ziel geben die Gutachter vor, dass bis 2050 der CO2-Ausstoß um 50 bis 85 Prozent gesenkt werden müsse. Dazu dürften die weltweiten Emissionen bereits im Jahr 2015 nicht mehr steigen. Dann könnte sich die durchschnittliche globale Erwärmung bis zum Jahr 2100 wohl auf zwei Grad Celsius begrenzen lassen. Welche gegenwärtigen und künftigen Technologien dabei zum Einsatz kämen, listen die Gutachter minutiös auf - viele sind alles andere als exotisch (siehe Kasten).

Ein Tausendstel Einbuße, einige Prozent Kosten

Die Kosten dafür würden 0,12 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts betragen - nur ein Tausendstel der Jahreswirtschaftsleistung des Planeten. Dies ist die zentrale Zahl, die sich in Tabelle sechs der 35-seitigen Zusammenfassung des Dokuments aus Bangkok versteckt: Bis zum Jahr 2050 würde die Weltwirtschaftsleistung also um eben jene 0,12 Prozent pro Jahr vermindert, wenn die Menschen sich auf eine Obergrenze von 445 bis 535 Teilchen CO2 pro Millionen Luftteilchen (ppm) einigten.

Vermeidungs-Technologien

Sektor Schon verfügbar Bis 2030 verfügbar
Energieversorgung Energieeffizienz, Umstieg von Kohle auf Gas, Kernkraft, erneuerbare Energien, Kraftwärmekopplung, frühe CO2-Abscheidungslösungen CO2-Abscheidung für Gas-, Biomasse- und Kohlekraftwerke, fortgeschrittene Kernkraft, fortgeschrittene erneuerbare Energien (darunter Tide- und Wellenkraftwerke), fortgeschrittene Solarenergie
Tranport Sparsamere Fahrzeuge, Hybride, sauberere Diesel, Biokraftstoffe, Schienentransport und öffentlicher Personenverkehr, bessere Raumplanung, Radfahren und Laufen Biokraftstoffe der zweiten Generation, effizientere Flugzeuge, fortschrittliche Elektro- und Hybridfahrzeuge mit besseren Batterien
Gebäude Bessere Tageslichtausbeute und Beleuchtung, effizientere Elektroinstallation, bessere Klimatechnik, optimierte Kochöfen und Wärmedämmung, Sonnenkollektoren zur Temperierung, alternative Kühlmittel, Wiederaufbereitung von Fluorgasen Integriertes Design von Gewerbeimmobilien inklusive intelligenter Steuereinheiten, integrierte Solartechnologien
Industrie Effizienteres Elektrogeräte, Kraftwärmekopplung, Wiederverwertung und alternative Materialien, Kontrolle des Ausstoßes von Nicht-CO2-Gasen Fortgeschrittene Energieeffizienz, CO2-Abscheidung bei der Zement-, Stickstoff- und Eisenproduktion, verbesserte Elektroden für die Aluminiumherstellung
Landwirtschaft Besseres Landmanagement für mehr Kohlenstoff-Einlagerung, Rekultivierung, Methan-Reduktion bei Reis und Nutztieren, verbesserter Stickstoffdünger, Nutzpflanzen zur Treibstoffgewinnung, bessere Energieeffizienz Verbessertes Saatgut mit höheren Ernteerträgen
Forstwirtschaft Wiederaufforstung, Waldmanagement, Verminderung der Abholzung, Einsatz von Forstprodukten bei der Verminderung fossiler Energieträger Verbesserter Speziesmix bei Bäumen zur Ertragssteigerung, bessere Fernerkundungstechnologien
Müll Methansammeln auf Müllkippen, Müllverbrennung zur Energiegewinnung, Kompostierung organischen Abfalls, Schmutzwasseraufbereitung, Müllvermeidung Biobeschichtungen und Biofilter zur Optimierung der Methan-Oxidation

(Quelle: IPCC)

Der technologische Aufwand für eine solche Selbstbeschränkung bei der Verschmutzung wäre indes ungleich höher. Der Bericht zitiert makroökonomische Kosten für eine Vermeidungsstrategie für alle Treibhausgase (nicht bloß CO2) in der Größenordnung von drei Prozent. Doch ein großer Teil dieser Ausgaben könne auch als Investitionen betrachtet werden - die sich in Form technologischen Vorsprungs schon kurzfristig wieder auszahlen könnten.

Allerdings ist für ein solches Szenario auch ein weltweiter Verschmutzungspreis pro Tonne CO2 notwendig, wie er bislang nur in Europa berechnet wird. "Wenn eine Tonne Treibhausgas zwischen 20 und 50 Dollar (15 bis 37 Euro) kosten würde, werden viele Investitionen (in Technologien mit weniger Treibhausgasausstoß) bereits attraktiv", sagte Bert Metz, Mitglied des Klimarats. Dass dies weltweit politisch durchsetzbar ist, daran zweifeln aber noch viele Experten.

Das Problem der Bangkoker Rechnung: Sie geht nur auf, wenn alle mitmachen. Besonders die Haltung Chinas aber - bald größter CO2-Emittent - lässt daran zweifeln. Auf dem G8-Gipfel im Juni in Heiligendamm müssen zudem die Industrienationen noch eine gemeinsame Haltung zum Klimaschutz entwickeln. Der Erfolg ist offen.

Klimakatastrophe als Kaufmannsrechnung

Die Klimakatastrophe mit einem Kostenvoranschlag zu versehen, demonstriert zwar eine pragmatisch-optimistische Sichtweise. Doch schon der Ausblick über das Jahr 2050 hinaus zeigt: Hier geht es höchstens um grobe Größenordnungen. Für das ehrgeizigste Ziel von 445 bis 535 ppm CO2 in der Atmosphäre werden dann Kosten von 5,5 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung veranschlagt - oder mehr. Das heißt auch: Nur zunächst sind die Kosten der Vermeidung relativ überschaubar. Und mit jedem Jahr des Zögerns wächst besonders die langfristige Rechnung stark an.

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

Bereits im Herbst hatten Ökonomen um den britischen Regierungsberater Nicholas Stern in einer ökonomischen Analyse die Risiken einer übermäßigen globalen Erwärmung und die Kosten der Vermeidung analysiert. Ihr Fazit lautete damals: Geschieht nichts, droht eine Wirtschaftskrise wie zuletzt in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Mit Investitionen von einem Prozent der jährlichen Wirtschaftleistung hingegen lässt sich das Schlimmste noch verhindern. Zu ähnlichen Ergebnissen waren zuvor bereits Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung gekommen.

Ähnlich wie im Stern-Report erscheint auch im dritten Teil des IPCC-Berichts die Vermeidung übermäßiger globaler Erwärmung als ökonomisch durchaus realistischer Mix aus Technologieförderung und schärferer Umweltgesetzgebung - wenn diese sich weltweit auswirken. So blieben auch die Appelle an die Weltuntergangsfurcht in Bangkok nicht aus. Ogulande Davidson sagte schlicht: "Wenn wir so weitermachen wie bisher, kommen wir in Teufels Küche."

stx/ap/dpa

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