Uno-Bericht zu CO2-Zielen Besser als nichts

Die Uno hat die nationalen Klimapläne von 146 Staaten ausgewertet. Demnach steigen die weltweiten Emissionen weiter - aber langsamer als bisher. Die Uno verkauft das als Erfolg. Liegt sie richtig?

Sonnenaufgang über Kohlekraftwerk: Emissionen werden bis 2030 ansteigen
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Sonnenaufgang über Kohlekraftwerk: Emissionen werden bis 2030 ansteigen

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In gut vier Wochen geht das große Feilschen wieder los. Dann beginnt in Paris der Klimagipfel der Vereinten Nationen. Gleich zum Start kommen die Staats- und Regierungschefs, um über den Vertragsentwurf zu verhandeln. Der liegt seit wenigen Tagen vor. Es geht um ein Klimaabkommen für die Zeit nach 2020 - doch bis das tatsächlich auf dem Tisch liegt, wenn überhaupt, wird viel gestritten werden. Es geht um Hilfsgelder, Schadenersatz für Klimaschäden, Patentfragen, Waldschutz - und vieles andere mehr.

Um einen Klassiker früherer Klimagipfel wird es allerdings keinen Zoff geben: Welches Land seinen CO2-Ausstoß um wie viel mindern will - das spielt in Paris de facto keine Rolle.

Das liegt daran, dass die Staaten ihre nationalen Klimapläne bereits beschlossen haben. Im Fachsprech heißen sie Intended Nationally Determined Contributions oder kurz INDCs. Alle Industrie- und viele Entwicklungs- und Schwellenländer haben die Dokumente vorgelegt, auch Indien und China. Insgesamt geht es um 146 Staaten, die für 86 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich sind (nach Zahlen des Jahres 2010). Das Uno-Klimasekretariat hat die Pläne nun erstmals zusammengerechnet und die Ergebnisse am Freitag in Berlin vorgestellt.

Uno-Klimachefin Christiana Figueres lobt die INDCs als "klaren, entschlossenen Aufbruch" der internationalen Gemeinschaft. Die Staaten hätten "ihren festen Willen ausgedrückt, je nach Situation und Möglichkeiten ihres Landes ihren Beitrag zu leisten". Die Idee hinter den Klimaplänen: Jedes Land kann den für sich optimalen Weg zum Klimaschutz nehmen - ob Umbau des Energiesystems, Steigerung der Energieeffizienz oder Einsparungen im Transportsektor. Die nationalen Pläne entsprächen auch den nationalen Interessen, sagte Figueres bei der Vorstellung des Berichts. "Und das ist ihre Stärke." Niemand werde zu etwas gezwungen.

Emissionen werden bis 2030 ansteigen. Mindestens.

Im Prinzip gibt es zwei fundamental unterschiedliche Wege, die Uno-Berechnung zu lesen. Einerseits kann man ohne Probleme von einem Dokument des Scheiterns sprechen: Trotz aller Klimapläne werden die weltweiten Treibhausgas-Emissionen zwischen 2020 und 2030 - und um diesen Zeitraum geht es - ohne Zweifel ansteigen. Für 2025 rechnen die Uno-Experten im Schnitt mit insgesamt 55,2 Gigatonnen CO2 pro Jahr, für 2030 dann mit 56,7 Gigatonnen pro Jahr.

Um diese Zahl einzuordnen: Der Uno-Klimarat geht davon aus, dass nach dem Jahr 2011 insgesamt nur noch 1000 Gigatonnen CO2 in die Atmosphäre gelangen dürfen, wenn das Zwei-Grad-Ziel erreicht werden soll. Dabei geht es darum, den Anstieg der Durchschnittstemperaturen auf zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen. Und das würde selbst in diesem Szenario ohnehin nur mit 66-prozentiger Wahrscheinlichkeit klappen.

Im Jahr 2030 wären nach den Uno-Berechnungen insgesamt 748,2 Gigatonnen bereits in der Luft. Anschließend müssten die Emissionen also rapide sinken, um das Ziel überhaupt noch irgendwie erreichen zu können.

Das folgende Diagramm verdeutlicht, welch drastische CO2-Einsparungen die Menschheit hinbekommen müsste, um irgendwie noch unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben. Die blaue Linie ist ein Mittelwert verschiedener Szenarien, bei denen der Ausstoß schon ab 2010 zurückgeht. Bei der gelben Linie sinken die Emissionen nach 2020 - und bei der roten Linie erst nach 2030. Bis zum Jahr 2030 bildet die rote Linie übrigens die vor Paris abgegebenen Verpflichtungen der Länder ab (INDCs).

Die Kurven zeigen den Mittelwert über verschiedene IPCC-Szenarien, bei denen die Temperatur bis 2100 mit einer Wahrscheinlichkeit von 66% um maximal zwei Grad steigt. Bei der roten Kurve beträgt die Chance dafür nur 50%.

Klar ist: Je später man beginnt, die Emissionen zu senken, umso radikaler muss man dabei vorgehen. Etwa, indem Kohlekraftwerke im großen Stil vom Netz gehen oder CO2 aufgefangen und im Boden versenkt wird. Doch wie realistisch sind solche Szenarien überhaupt?

Man kann aber andererseits auch, und das tun Figueres und ihre Leute, positive Signale in der aktuellen Berechnung sehen. Man kann annehmen, dass die aktuelle Lage kein komplettes Desaster ist - und dass der Menschheit nach 2030 schon etwas einfallen wird. Und solange braucht es eben den Mut zur Lücke.

Wenn die Staaten ihre Versprechen tatsächlich umsetzen, das zeigt die Berechnung, wird der Anstieg der Emissionen zumindest gebremst. Dann würden der Anstieg beim Treibhausgasausstoß zwischen 2010 und 2030 um ein Drittel niedriger liegen als im Zeitraum zwischen 1990 und 2010. Anstieg, wohlgemerkt. Aber: Wirtschaftswachstum und die Zunahme an Treibhausgasen hingen nicht mehr direkt zusammen. Das wäre ein erster Schritt.

Verglichen mit den Daten des Jahres 1990 könnten die Emissionen pro Kopf nach der Uno-Berechnung bis 2025 um bis zu acht Prozent sinken, bis 2030 um bis zu neun Prozent. Nur darf man nicht vergessen, dass in diesem Zeitraum auch die Weltbevölkerung steigt.

Dubioser Handel
Für den Klimagipfel von Paris braucht das Uno-Klimasekretariat jedenfalls gute Stimmung. So wird es die positiven Trends herauskehren, um die Staaten dazu zu bringen, freiwillig noch mehr zu tun. Und dafür zu sorgen, dass die Selbstverpflichtungen regelmäßig verschärft werden. Wenn man sich schnell auf schärfere Regeln einigt, liegt die Welt noch auf Kurs. Das wird das Narrativ sein.

Unterschiedliche Temperaturvorhersagen

Wie gehen die Ergebnisse der Uno-Rechnung nun aber mit dem viel diskutierten Zwei-Grad-Ziel zusammen? Im Bericht selbst gibt es dazu keine direkte Aussage. Es existieren aber zwei externe Modellrechnungen. Eine stammt vom in Deutschland beheimateten Team des "Climate Action Tracker", die andere von deren US-Kollegen von "Climate Interactive".

Bei "Climate Action Tracker" geht man auf Basis der aktuellen INDCs von einem Temperaturanstieg um 2,7 Grad aus. Das ist allerdings ein rechnerischer Durchschnittswert mit hoher Schwankungsbreite. Bei "Climate Interactive" kommt man - ebenfalls mit Unsicherheiten - auf ein deutlich höheres rechnerisches Temperaturplus von 3,5 Grad.

Das lässt sich vor allem dadurch erklären, dass beide Teams extrem unterschiedliche Annahmen für die Zeit nach 2030 treffen: Beim "Climate Action Tracker" ist man einigermaßen optimistisch. In der Zeit nach 2030, so die Annahme, setzen sich die Staaten weiter wie bisher für den Klimaschutz ein. Bei "Climate Interactive" ist man davon nicht so überzeugt - und rechnet mit der Möglichkeit, dass es sich zum Beispiel große Schwellenländer auch wieder anders überlegen könnten, wenn die nationalen Klimaschutzpläne einmal abgearbeitet sind.

Klar ist: Die Temperaturen des Jahres 2100 werden auch entscheidend dadurch bestimmt, was in den Jahren nach 2030 passiert. Es geht also auch um die Frage, was die Welt tut, wenn die aktuellen Selbstverpflichtungen enden. Denn dass die nicht ausreichen, daran kann man selbst bei allem Optimismus nicht vorbeidiskutieren.


Zusammengefasst: Die Uno hat erstmals die Klimapläne von 146 Ländern zusammengerechnet. Diese haben die Staaten vor der Klimakonferenz von Paris erstellt. Es geht um die Zeit zwischen 2020 und 2030. Es zeigt sich, dass die Emissionen weiter ansteigen dürften - wenn auch nicht mehr so schnell wie früher. Simulationen gehen davon aus, dass durch die aktuell vorliegenden Zusagen die Durchschnittstemperatur um 2,7 bis 3,5 Grad steigen könnte - je nachdem welches Modell man verwendet. Die beiden wichtigsten unterscheiden sich vor allem für die Zeit nach 2030.

Zum Autor
Christoph Seidler ist Wissenschaftsredakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Christoph_Seidler@spiegel.de

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