Klimapoker in Kopenhagen "Die Stunde der Amateure ist zu Ende"

Die Klimaverhandlungen von Kopenhagen erreichen die entscheidende Phase und geraten prompt ins Stocken. Alle Hoffnungen richten sich nun auf eine Einigung der Staats- und Regierungschefs - und einen Sinneswandel der Großverschmutzer USA und China.

Aus Kopenhagen berichtet

John Kerry: Stehende Ovationen für Rede des US-Senators
AP

John Kerry: Stehende Ovationen für Rede des US-Senators


Exakt 29 Minuten und fünf Sekunden brauchte US-Senator John Kerry beim Klimagipfel in Kopenhagen, um das Publikum von den Sitzen zu reißen. "Die Stunde der Amateure ist zu Ende", rief Kerry, der 2004 die Präsidentenwahl gegen George W. Bush verlor, aber noch immer einer der einflussreichsten Senatoren Washingtons ist. "Die Erkenntnisse der Wissenschaft verlangen, dass wir handeln."

Der Senator konnte sich einen Seitenhieb auf den früheren US-Vizepräsidenten Dick Cheney nicht verkneifen. Der hatte argumentiert, schon die einprozentige Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags sei eine hundertprozentige Rechtfertigung für präventive Maßnahmen. "Wenn uns nun die Wissenschaft sagt, dass der Klimawandel mit nahezu hundertprozentiger Gewissheit eintritt", sagte Kerry, "dann sollten wir erst recht zusammenstehen und diese tödliche Bedrohung für das Leben auf diesem Planeten bekämpfen."

Die stehenden Ovationen, die Kerry für seine Rede bekam, waren keine Selbstverständlichkeit angesichts der Rolle, die sein Land bisher bei den Verhandlungen gespielt hat. In der Nacht zum Mittwoch gingen die Delegationen erst um sieben Uhr auseinander, um der dänischen Konferenzleitung ihre Ergebnisse zu übergeben. Auf ihrer Basis sollte Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen, der die Leitung des Klimagipfels inzwischen von Connie Hedegaard übernommen hat, den ersten offiziellen Entwurf einer Abschlusserklärung des Gipfels präsentieren.

De Boer: "Die nächsten 24 Stunden entscheiden"

Das aber war bisher bis zum Mittwochabend nicht geschehen, da die Verhandlungen erneut zum Erliegen kamen. Uno-Klimachef Yvo de Boer war dennoch zum Scherzen aufgelegt: "Die Seilbahn hat unerwartet angehalten. Aber sobald der Strom wieder da ist, wird es weitergehen." Allerdings machte er klar, dass die Lage durchaus ernst ist. "Es gibt eine Reihe von Problemen, die auf Ministerebene oder höher gelöst werden müssen", so de Boer. Er glaube immer noch daran, dass ein "echter Erfolg" möglich ist. "Dafür werden die nächsten 24 Stunden aber absolut entscheidend sein."

Ob der Klimagipfel tatsächlich als Erfolg gewertet werden wird, hängt nach Meinung von Wissenschaftlern und Umweltschützern von folgenden Mindestkriterien ab:

  • Alle Staaten müssen sich verpflichten, die globale Erwärmung auf zwei Grad, am besten auf 1,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen.
  • Die Industrienationen müssen die langfristigen Ziele zur Reduzierung ihres Treibhausgas-Ausstoßes in konkrete Zahlen fassen. Nach Meinung von Wissenschaftlern müssen die Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2050 um mindestens 80 Prozent gegenüber 1990 sinken.
  • Auf dem Weg zu diesem Ziel müssen konkrete Zwischenschritte vereinbart werden - etwa eine 40-prozentige CO2-Reduzierung bis zum Jahr 2020.
  • Die Industriestaaten müssen konkrete Zusagen sowohl zur kurzfristigen als auch zur langfristigen Finanzhilfe an die ärmeren Länder treffen.
  • Die Entwicklungs- und Schwellenländer, allen voran große Volkswirtschaften wie China, Indien und Brasilien, müssen ihrerseits konkrete Zahlen zur Senkung ihres CO2-Ausstoßes akzeptieren.

Vor allem aber müssten die Kopenhagener Beschlüsse rechtlich verbindlich sein. "Eine bloße politische Absichtserklärung wäre das Worst-Case-Szenario", sagt Stefan Krug, der Leiter der Berliner Greenpeace-Vertretung, SPIEGEL ONLINE. Was in Dänemarks Hauptstadt beschlossen werde, müsse binnen weniger Monate zu einem ratifizierbaren völkerrechtlichen Vertrag ausgearbeitet werden - und dürfte keinesfalls nochmals aufgeschnürt werden. "Mehr politischen Schwung wie hier werden wir nie wieder bekommen", meint Krug. Einen entscheidenden Zuwachs an neuen Erkenntnissen werde es nach Kopenhagen nicht mehr geben. "Wenn hier nichts passiert, ist die Luft raus."

Auch Bundesumweltminister Norbert Röttgen betonte am Mittwoch: Nicht nur die Zahlen in der Abschlusserklärung seien "das Entscheidende", sondern auch ihre "rechtliche Verbindlichkeit". Er erwarte, dass der Text, der am Freitag beschlossen werde, "keine politische Absichtserklärung" sei, sondern "Entscheidungscharakter" habe.

Bis dahin aber ist der Weg noch weit. Am Mittwoch kam es wieder zum Stillstand in den Verhandlungen. China, Indien, Südafrika, Brasilien, der Sudan und einige weitere Länder beklagten sich erneut darüber, nicht ausreichend informiert zu werden. Die Ergebnisse vom Mittwochmorgen "kamen für uns wie aus dem Nichts", sagte Chinas Verhandlungsführer Su Wei. Er bezichtigte die Industrienationen des Versuchs, "das Kyoto-Protokoll zu killen". Das Abkommen enthält für viele Industriestaaten - nicht aber für China - verbindliche Klimaschutzverpflichtungen.

Die Entwicklungsländer dringen deshalb darauf, das Kyoto-Protokoll auch über 2012 hinaus fortzuführen, was aber die Vereinigten Staaten - die das Protokoll nie ratifiziert haben - kategorisch ablehnen. Deshalb wird in Kopenhagen inzwischen in zwei parallelen Strängen verhandelt, so dass am Ende zwei Abschlusspapiere stehen könnten.

Berlins Greenpeace-Chef Krug hofft nun auf ein Eingreifen der Staats- und Regierungschefs. "Die Entwurfstexte sind ein Scherbenhaufen", so Krug. "Die technischen Details sind ausverhandelt. Wir brauchen jetzt eine politische Entscheidung."

Kerry droht Schwellenländern

Doch wie schwer die fällt, machte US-Senator Kerry deutlicher als die meisten anderen anwesenden Politiker - er hat ja auch den Vorteil, nicht direkt an den Verhandlungen teilnehmen zu müssen. Kerry räumte zwar ein, dass die USA fünf Prozent der Weltbevölkerung beherbergen, aber 20 Prozent der CO2-Emissionen verursachen - und dass daraus eine gewisse Verantwortung erwachse. "Aber China wird 2020 voraussichtlich 40 Prozent mehr CO2 ausstoßen als die USA."

Deshalb müsse auch Peking verbindliche Klimaziele akzeptieren. In den USA müsse man einem Senator aus Ohio klarmachen können, "dass Stahlarbeiter in seinem Bundesstaat nicht ihre Jobs an Indien oder China verlieren", weil diese Länder sich weigerten, in einer klaren und überprüfbaren Weise an einem globalen Klimaschutz-Regime teilzunehmen.

"Und wenn erst einmal ein Klimavertrag abgeschlossen ist, dann dürfen Länder, die ihre Emissionen nicht ernsthaft zu senken versuchen, nicht erwarten, ihre CO2-intensiven Produkte auf den Märkten anderer Leute abladen zu können", sagte Kerry. "In diesem Punkt spreche ich sicherlich für die Vereinigten Staaten." Mit anderen Worten: Sollten die USA ihre Emissionen senken, große Schwellenländer wie China aber nicht, könnte es am Ende Handelssanktionen geben.

Eine der wenigen erfreulichen Nachrichten vom Mittwoch war, dass die Gruppe der afrikanischen Staaten ihre Forderungen für Finanzhilfen der Industriestaaten auf langfristig 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr heruntergeschraubt haben - was in etwa dem entspricht, was die reichen Länder bereits angeboten haben. Laut Äthiopiens Premierminister Meles Zenawi sollen die Transfers 2013 beginnen, bis 2015 auf 50 Milliarden und bis 2020 auf 100 Milliarden Dollar pro Jahr steigen.

Zwischen den Fronten der Großmächte fühlt sich mancher inzwischen davon bedroht, mitsamt seiner Interessen unterzugehen - und das im wahrsten Sinne des Wortes. "Wir sind extrem enttäuscht", sagte Ian Fry, der Vertreter des pazifischen Inselstaats Tuvalu. "Ich habe das beängstigende Gefühl, dass wir uns auf der Titanic befinden und schnell sinken. Es ist Zeit, die Rettungsboote loszumachen."

Dass diese Einschätzung stimmen könnte, machte auch John Holdren, Wissenschaftsberater von US-Präsident Barack Obama, nochmals klar. Kategorisch wies er Behauptungen zurück, die Erderwärmung verlangsame sich oder sei nur Folge natürlicher Variation. 2005 und 2007 zählten zu den heißesten Jahren seit der systematischen Aufzeichnung von Temperaturen. In der Arktis sei 2009 ein besonders drastischer Schwund von dickem Eis zu beobachten gewesen. Und der Meeresspiegel steige doppelt so schnell wie im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts, so dass ein Anstieg von einem bis zwei Metern wahrscheinlich sei. "Wir sind schon mittendrin im Klimawandel, und es gibt weltweit erhebliche Schäden", sagte der Harvard-Physiker.

Hitzewellen könnten zur Regel werden

Hitzewellen wie die in Europa von 2003, die rund 70.000 Menschen das Leben kostete, würden zur Regel werden, sollte der CO2-Ausstoß nicht stark gedrosselt werden. "2040 wird eine solche Hitzewelle alle zwei Jahre auftreten, und 2070 wird man sie als ungewöhnlich kaltes Jahr einstufen."

Sollte sich unter den am schwersten vom Klimawandel bedrohten Staaten das Gefühl breitmachen, in Kopenhagen allein gelassen zu werden, könnte das gefährliche Folgen haben - denn die Vereinten Nationen können ihren Beschluss nur einstimmig fassen. Selbst kleine Länder wie etwa der 20.000 Einwohner zählende pazifische Inselstaat Palau könnten den Klimadeal theoretisch platzen lassen.

"Die Doktrin der Fairness verlangt, dass diejenigen, die am meisten zur globalen Erwärmung beitragen, auch am meisten dazu beitragen, die Bedrohung durch den Klimawandel abzuwenden", sagte Palaus Präsident Johnson Toribiong. Auf die Frage, ob er sich im Extremfall einer Unterschrift verweigern werde, antwortete er ausweichend. "Ich werde jedes Abkommen unterzeichnen, dass mir eine bessere Hoffnung für die Zukunft gibt", sagte Toribiong im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Das Schicksal seiner Heimat erhebt er zur Prüfung für die Welt: "Ich stehe hier, um für die Schwächsten und Verwundbarsten zu sprechen", so Toribiong. "Sie zu schützen, stellt den Willen der Menschheit zur Selbsterhaltung auf die Probe." Lasse man sie sterben, "akzeptiert man den Tod und die Niederlage".

Mitarbeit: Christian Schwägerl

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
anin, 16.12.2009
1. Hitzetote?
Zitat von sysopDie Klimaverhandlungen von Kopenhagen erreichen die entscheidende Phase erreicht - und geraten prompt ins Stocken. Alle Hoffnungen richten sich nun auf eine Einigung der Staats- und Regierungschefs - und auf einen Sinneswandel der Großverschmutzer USA und China. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,667505,00.html
In diesem Bericht ist von den Hitzetotendes Sommers 2003 die Rede. Wenn man dieses: http://www.pflegewiki.de/wiki/Hitzetote liest, dann relativiert sich Einiges. Ich kann nicht verstehen, wie ein Harvard-Wissenschaftler mit solch einer Argumentation "punkten" kann?
Chirac, 16.12.2009
2. Und wieviele starben nicht wegen Kälte?
Zitat von aninIn diesem Bericht ist von den Hitzetotendes Sommers 2003 die Rede. Wenn man dieses: http://www.pflegewiki.de/wiki/Hitzetote liest, dann relativiert sich Einiges. Ich kann nicht verstehen, wie ein Harvard-Wissenschaftler mit solch einer Argumentation "punkten" kann?
Wie immer werden uns Halbwahrheiten zur "Klimakatastrophe" verkauft, diesmal war's ein Harvard Physiker. Wie heißt es doch so schön? Wer's nicht zum MIT schafft, muß halt nach Harvard gehen..."
Jenli, 16.12.2009
3. Klimakatastrophenlyrik
Zitat von sysopDie Klimaverhandlungen von Kopenhagen erreichen die entscheidende Phase erreicht - und geraten prompt ins Stocken. Alle Hoffnungen richten sich nun auf eine Einigung der Staats- und Regierungschefs - und auf einen Sinneswandel der Großverschmutzer USA und China. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,667505,00.html
Klimakatastrophenlyrik scheint die neue Spezialität des Umweltressorts des SPIEGEL geworden zu sein, der in dem zu diesem Threat gehörenden Artikel fast wortwörtlich den völligen Unsinn nachbetet, der seit Monaten die Menschen verunsichern soll und den manch anderer in der Spiegel-Redaktion inzwischen selber nicht mehr glaubt. Ich verweise nur auf den kürzlich veröffentlichten Artikel über die seit 10 Jahren ausbleibende weitere Erwärmung und die ungeklärte, aber wahrscheinlich wesentliche Rolle der Sonne im Temperaturgeschehen der Erde. Ganz zu schweigen, dass Untersuchungen inzwischen festgestellt haben, dass sowohl GISS, als auch CRU Temperaturrohdaten auf eine Art und Weise "homogenisiert" haben, was man nur als unerhöhrt und fast kriminell nennen kann. Die ganze adjustierte Datenbestand der heute vorliegt ist völlig fragwürdig und muss genauestens untersucht werden. Das UKMetOffice ist damit beschäftigt und wird etwa drei Jahre dafür benötigen. Bis nicht klar ist, wie und was an den Datensätzen manipuliert wurde, sollte jede weitere Aktivität hinsichtlich irgendwelcher Temperaturziele, die zu erreichen sein sollen, eingestellt werden.
manivelle 16.12.2009
4. @Jenli
Wie die meisten Einträge, die versuchen, der Klimawandel noch in Frage zu stellen, geben Sie für Ihre Behauptungen keine Quelle...
Jenli, 16.12.2009
5. Klimakatastrophenlyrik - Einige Quellen
Zitat von manivelleWie die meisten Einträge, die versuchen, der Klimawandel noch in Frage zu stellen, geben Sie für Ihre Behauptungen keine Quelle...
Wir sind hier zwar nicht im Uni-Seminar und Sie könnten auch mal ein wenig selbst recherchieren, aber um es Ihnen leichter zu machen, nachstehend die Quellen bzw. Berichte mit Links zu den Quellen: http://klimablog.blog.de/2009/12/05/climategate-uk-metoffice-ueberprueft-temperaturdaten-160-jahren-7514651/ http://klimablog.blog.de/2009/12/06/climategate-ipcc-ordnet-untersuchung-7521337/ http://klimablog.blog.de/2009/12/09/meereisschmelze-dramatisch-beschleunigt-7539899/ http://klimablog.blog.de/2009/12/09/science-is-settled-7539369/ http://klimablog.blog.de/2009/12/08/e-pluribus-unum-7534601/ http://klimablog.blog.de/2009/12/08/princeton-physiker-fordern-konsequenzen-7534884/ http://klimablog.blog.de/2009/12/10/hockeystick-7546537/ http://klimablog.blog.de/2009/12/10/shaviv-7551970/ http://klimablog.blog.de/2009/12/13/original-homogenisierte-daten-7565190/ http://klimablog.blog.de/2009/12/14/makelloser-stern-7575185/ http://klimablog.blog.de/2009/12/15/kollektion-7579422/ http://klimablog.blog.de/2009/12/15/unmoegliche-traum-7579888/ http://klimablog.blog.de/2009/12/15/knock-on-wood-mr-michael-mann-7581072/ http://klimablog.blog.de/2009/12/13/homogenized-and-adjusted-temperatur-data-7566727/ http://klimablog.blog.de/2009/12/06/climategate-spiegel-reibt-7518318/ http://klimablog.blog.de/2009/12/05/climategate-spannungsfeld-wissenschaft-gesellschaft-7517109/ http://klimablog.blog.de/2009/12/05/bock-gerne-gaertner-gemacht-7515238/ http://klimablog.blog.de/2009/12/04/climategate-phil-jones-druck-waechst-7509097/ http://klimablog.blog.de/2009/12/02/cru-temperaturmessreihen-adaptiert-wurden-7498670/ http://klimablog.blog.de/2009/12/02/climategate-bbc-gibt-diskussion-raum-7495538/
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