Klimapolitik: Wenn Forschern die Demokratie lästig wird

Der Kopenhagener Gipfel ist gescheitert - und Klimaforscher spielen mit dem Gedanken an eine autoritäre Regierungsform, um die globale Erwärmung zu bewältigen. Die Wissenschaftler Nico Stehr und Hans von Storch warnen vor dieser antidemokratischen Strömung.

Erschöpfte Delegierte in Kopenhagen: Forscher (ver)zweifeln an der Demokratie Zur Großansicht
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Erschöpfte Delegierte in Kopenhagen: Forscher (ver)zweifeln an der Demokratie

Die Demokratie scheint in der Forschung unantastbar zu sein. Ernsthafte, öffentlich und lautstark vorgetragene Zweifel von Wissenschaftlern an der Demokratie als politischem System lassen sich kaum finden - es sei denn, sie sind von Diktatoren aufgefordert, sich zur Abwesenheit der Demokratie in ihrer Gesellschaft zu äußern. In einem solchen Fall verlieren sie mit Recht jede Legitimität, als Wissenschaftler ernst genommen zu werden.

Auf dem Feld der Klimaforschung und Klimapolitik aber kann man das Gegenteil beobachten - insbesondere nach dem Scheitern des Kopenhagener Klimagipfels. Es ist nicht mehr nur der tiefe Graben zwischen Erkenntnis und Handeln, der beklagt wird - es ist die lästige Demokratie, die als Schuldige ausgemacht wird.

Führende naturwissenschaftlich orientierte Klimaforscher betonen, die Menschheit stehe an einem Scheideweg. Das ökonomische und politische Weitermachen führe in die Katastrophe. Um eine global nachhaltige Lebensweise zu realisieren, bräuchten wir umgehend eine "große Transformation", fordert etwa Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung. Was genau damit gemeint ist, bleibt oft vage. Ein Teil, wenn nicht sogar das Herzstück dieser großen Transformation ist in den Augen mancher Klimaforscher - und anderer Wissenschaftler, die sich an der Diskussion beteiligt haben - ein anderes Politikregime: "Wir benötigen eine autoritäre Regierungsform, um den Konsens der Wissenschaft zur Treibhausgasemissionen zu implementieren," argumentieren die Australier David Shearman and Joseph Wayne Smith in ihrem Buch "The Climate Change Challenge and the Failure of Democracy".

Der bekannte Klimaforscher James Hansen fügt ebenso resigniert wie ungenau hinzu, dass im Fall der Klimaveränderung der demokratische Prozess nicht funktioniere. In "The Vanishing Face of Gaia" wiederum schreibt James Lovelock, dass wir die Demokratie aufgeben müssten, um den Herausforderungen der Klimaveränderungen gerecht zu werden. Wir befänden uns in einer Art Kriegszustand. Um die Welt ihrer Lethargie zu entreißen, sei eine auf die globale Erwärmung gemünzte "Nichts als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß"-Rede dringend geboten.

Wenn Wissenschaftler zu Feinden der Freiheit werden

Warum wird der radikale politische Wandel um jeden Preis als notwendig erachtet? Vor allem aber: Wie wäre er realisierbar? Zum einen ist die nationale und globale Klimapolitik offenbar nicht in der Lage, ihre eigenen bescheidenen Ziele, wie sie beispielsweise im Kyoto-Abkommen festgelegt sind, zu realisieren. Hinzu kommt, dass sich die Erkenntnisse über die Ursachen und die Folgen der von Menschen verursachten Klimaveränderungen immer mehr stabilisieren. Diese beiden Faktoren führen dazu, dass sich in der Gemeinschaft der Klimaforscher die skeptische Einstellung zur Demokratie verstärkt.

Die Demokratie, so kann man die skeptischen Beobachtungen bilanzieren, sei ungeeignet, den Herausforderungen des Klimawandels an Politik und Gesellschaft effektiv zu begegnen, insbesondere auf dem Gebiet der notwendigen Reduktionen von Treibhausgasemissionen. Demokratisch organisierte Gesellschaften seien zu schwerfällig, um den Klimawandel zu vermeiden; sie handelten weder rechtzeitig noch umfassend. Die "großen Entscheidungen" müsse daher ein starker Staat treffen, die endlose Debatte solle ein Ende haben. Es müsse gehandelt werden, das ist die Devise. Und damit wird die gewollte Demokratie in den Augen dieser Beobachter zur unbequemen Demokratie.

In einem anderen historischen Kontext hat der Ökonom Friedrich Hayek schon vor Jahrzehnten auf die paradoxe Entwicklung aufmerksam gemacht, dass der Eindruck massiver Fortschritte in der Wissenschaft bei Forschern den Glauben stärke, "eine umfassende und bewusstere Lenkung aller menschlichen Tätigkeiten" sei unvermeidbar. "Aus diesem Grunde", fügt Hayek hinzu, "werden die Menschen, die vom Fortschritt des Wissens berauscht sind, so oft zu Feinden der Freiheit."

Warum werden Forschungsergebnisse nicht in Taten umgesetzt?

Die wachsenden Zweifel an der Funktionalität demokratischer Verhältnisse gehen Hand in Hand mit einer weiteren Eskalation der Warnungen über die apokalyptischen Folgen der Klimaerwärmung. So warnte das Global Humanitarian Forum in einem kürzlich veröffentlichten Bericht vor jährlich 300.000 Hitzetoten und Verlusten von 125 Milliarden Dollar. Dass es sich bei diesen Angaben um nichts anderes als politische Arithmetik handelt, wird leicht übersehen.

Ohne selbst in die Fußstapfen der radikalen Warner und Zweifler zu treten, wollen wir klarstellen, dass der Trend hin zur Behauptung, die Tugenden der Demokratie versagten, nicht einfach hingenommen werden darf. Er darf auch nicht als marginale Ansicht beiseite geschoben werden.

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insgesamt 239 Beiträge
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1. ...
OlafKoeln 29.12.2009
Zitat von sysopDer Kopenhagener Gipfel ist gescheitert - und Klimaforscher spielen mit dem Gedanken an eine autoritäre Regierungsform, um die globale Erwärmung zu bewältigen. Die Wissenschaftler Nico Stehr und Hans von Storch warnen vor dieser antidemokratischen Strömung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,669398,00.html
Das ist sicher der falsche Weg - wenn auch die Forderung verständlich ist. Zeit wäre es schon lange für Notmaßnahmen und Notverordnungen (von Sonntagsfahrverbot bis harte Engiesparverordnungen und Umweltvorschriften) - weltweit. Aber ohne demokratische Grundlage hätten wir bald eine Diktatur, für welche der Klimaschutz nur Vorwand wäre.
2. Bringt nichts.....
ZWV@SPON 29.12.2009
Zitat von sysopDer Kopenhagener Gipfel ist gescheitert - und Klimaforscher spielen mit dem Gedanken an eine autoritäre Regierungsform, um die globale Erwärmung zu bewältigen. Die Wissenschaftler Nico Stehr und Hans von Storch warnen vor dieser antidemokratischen Strömung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,669398,00.html
In solch einer Diktatur aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse bzw. Zukunftsszenarien werden sich die Menschlichen Parasiten festsetzen und das gut gemeinte in einen Schrecken ohne vorläufiges Ende umsetzen. Eine freie und kritische Wissenschaft würde sich damit selbst vernichten. Bildung und Aufklärung ist, meiner Meinung nach, der einzige Weg der es Möglich macht mit den zukünftigen Herausforderungen, die uns der Klimawandel(egal ob durch Menschen beeinflusst oder nicht) bringt erfolgreich zu begegnen. Gruß oli
3. Konkurrenten ausschalten....
Ein Belgier 29.12.2009
Ja und als erstes würden Leute wie Gerlich, Hebert, Thieme... zum Schweigen gebracht; die wiedersprechen nämlich den Modellen die aus der CO2 Spurengaszunahme eine "Klimakatastrophe" ableiten. Wahrscheinlich geht es den "Wissenschaftlern" die nach autoritären Strukturen rufen ja auch zuerst darum lästige "Skeptiker" kalt zu stellen...
4. Kein Zufall
Ben Major 29.12.2009
Zitat von sysopDer Kopenhagener Gipfel ist gescheitert - und Klimaforscher spielen mit dem Gedanken an eine autoritäre Regierungsform, um die globale Erwärmung zu bewältigen. Die Wissenschaftler Nico Stehr und Hans von Storch warnen vor dieser antidemokratischen Strömung. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,669398,00.html
Die Umweltbewegungen wollen einen Sozialismus 2.0, diesmal wird nicht das Geld, sondern das C02 Budget "gerecht" verteilt. In der Summe bedeutet das vor allem persönlichen Macht und Wohlstandszuwachs. NGO`s sind zutiefst undemokratisch und nur als Gegengewicht gegen die Lobbyisten der Industrie gerechtfertigt, als Weltregierung taugen sie nicht, sondern sind sogar gefährlich. Ach ja, in diesem Artikel wird wieder einmal von der "Robustheit" der Erkenntnisse über Folgen und Ursachen der menschengemachten Klimaerwärmung gefaselt, anderslautende Erkenntnisse werden vom Spiegel, wieder einmal, ignoriert, es wird nicht einmal erwähnt, das die Erwärmung seit zehn Jahren eine Pause macht, die Modelle der Klimaforscher also nicht stimmen und Panik völlig fehl am Platz ist.
5. Klimasschutz - Ökodiktatur ist kein Ausweg
Michael Thielke 29.12.2009
Immer wieder neigen ganz besonders Naturwissenschaftler dazu,mit Diktaturen und Diktatoren zu liebäugeln, weil sie meinen, so ihre - selbstverständlich immer hehren Ziele - zügig und ohne Widerspruch verwirklichen zu können. Am Ende war dann der Jammer immer groß: "Wir wollten doch nur das Beste; wir wurden mißbraucht!" Abgesehen davon, dass es unwissenschaftlich ist, Widerspruch zu unterdrücken, eine "Einzweck-Dikatur" - also nur mit dem Ziel des Klima- oder Umweltschutzes - gibt es nicht. Das Streben nach totaler Kontrolle und Beherrschung der Gesellschaft und der Individuen liegt im Wesen jeder Dikatur. Außerdem, haben sich Dikaturen bisher als ökolgisch vorbildlich gezeigt ? In der Vergangenheit nicht, siehe z.B. den Ostblock, und in der Gegenwart nicht. Immerhin hat China entscheidend zu Scheitern des Kopenhagen-Gipfels beigetragen. Um nicht mißverstanden zu werden, ich halte den Klimawandel für eine große Gefahr und bin über das Ergebnis von Kopenhagen entsetzt.
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Zu den Autoren
Zeppelin-Universität
Hans von Storch ist Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg und Leiter des Instituts für Küstenforschung am GKSS-Forschungszentrum in Geesthacht.

Nico Stehr ist Inhaber der Karl-Mannheim-Professur für Kulturwissenschaften an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. Beide gehören zu den renommiertesten deutschen Wissenschaftlern auf ihren Gebieten.

Multimedia-Special
AP
Jeder Mensch trägt täglich weiter zur Erderwärmung bei - mit Steak-Konsum, Flügen nach Mallorca und der Autofahrt ins Büro. Kennen Sie Ihre persönliche CO2-Bilanz? Finden Sie es heraus im Klima-Quiz von SPIEGEL ONLINE.

Kernpunkte der Kopenhagener Vereinbarung
Langfristige Ziele
Der weltweite Ausstoß klimaschädigender Gase muss drastisch gesenkt werden. Die Emissionen sollen soweit gedrosselt werden, dass die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius beschränkt bleibt.
Zwei-Grad-Ziel
Das Ziel, die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wird lediglich "zur Kenntnis" genommen. Das ist weniger als das, was die G-8-Staaten auf ihrem L'Aquila-Gipfel im Juli vereinbart hatten. Laut Weltklimarat IPCC wäre eine über zwei Grad hinausgehende Erwärmung katastrophal für Mensch und Natur. Die Vereinbarung solle 2015 überprüft werden mit Blick auf die Möglichkeit, die Erderwärmung auf nur 1,5 Grad zu begrenzen. Dies hatten vor allem kleine Inselstaaten gefordert, die vom Anstieg der Meeresspiegel bedroht sind.
Treibhausgase
Alle Industrieländer und Schwellenländer sollten bis zum 31. Januar 2010 nationale Treibhausgasziele für das Jahr 2020 vorlegen. Die EU und 15 einzelne Staaten hatten das bereits getan. Ein gemeinsames Ziel für die Industrieländer ist im letzten Entwurf nicht mehr vorgegeben. Inwieweit die Schwellenländer Klimaziele erbringen müssen, soll auch davon abhängen, was die Industrieländer an Geld und Technik bereitstellen.
Rechtliche Bindung
Im Schlussentwurf für das Abkommen fehlt das zuvor noch genannte Ziel, im kommenden Jahr ein rechtlich verbindliches Klima-Abkommen zu verabschieden. Daran hat vor allem die Europäische Union (EU) heftige Kritik geübt.
Finanzhilfen für arme Länder
Die Industrieländer geben den Entwicklungsländern insgesamt 30 Milliarden Dollar für 2010 bis 2012 für die Anpassung an den Klimawandel und eine umweltfreundliche Entwicklung: 10,6 Milliarden Dollar kommen von der EU, die USA steuern 3,6 Milliarden und Japan 11 Milliarden Dollar bei. Das Geld für die Anpassung soll vor allem den ärmsten und den Inselstaaten zufließen. Die reichen Staaten setzen sich außerdem das Ziel, von 2020 an etwa 100 Milliarden Dollar pro Jahr für die umweltfreundliche Entwicklung ärmerer Länder bereitzustellen.
Wälder
Es sei entscheidend, den Wald zu schützen und Geld dafür bereitzustellen, heißt es schwammig in dem Entwurf. Ungeklärt bleibt zum Beispiel, aus welchen Töpfen der Waldschutz finanziert wird.
Überprüfung
Die Überprüfung der Klimaschutzbemühungen war einer der größten Streitpunkte, vor allem weil China sich gegen internationale Kontrollen sperrte. Nach der Vereinbarung müssen die Schwellen- und Entwicklungsländer ihre Maßnahmen überprüfen und die Ergebnisse alle zwei Jahre der Uno mitteilen. Einige internationale Kontrollen sind vorgesehen, um westliche Transparenzstandards zu erfüllen. Die Souveränität der einzelnen Länder solle aber respektiert werden. Damit hat China erreicht, dass es keine internationale, unabhängige Überprüfung im eigenen Land zulassen muss.
Verbindlichkeit
Ein Verweis auf die Arbeit an einem völkerrechtlich verbindlichen Abkommen wurde in den letzten Konferenzstunden gestrichen.