Von Ralf Beste
Auf den Bildern seines Laptops entfaltet Leal seine Vision einer Innenstadt von morgen: "Es geht darum, die Mittelschichten zurück ins Zentrum zu holen", sagt er. 400.000 Mexikaner sind in den letzten fünf Jahren an den Stadtrand gezogen und pendeln täglich zur Arbeit in die City.
Leal ist so etwas wie der Vordenker des Bürgermeisters. Er soll die Verödung der Innenstadt stoppen und damit auch den Verkehr reduzieren. Dazu will er gemischte Büro- und Wohnhäuser schaffen, Brachflächen bebauen, Fußgängerzonen und Radwege schaffen.
In Deutschland mag das alles banal klingen, in Mexiko-Stadt ist es revolutionär. Der Vorrang des Autos ist total, Radfahrer haben auf den Avenidas keine Rechte, Fußgänger oft Mühe, die breiten Straßen überhaupt zu überqueren. Dagegen setzt der Bürgermeister die Visionen seines Vertrauten Felipe Leal, und er unterstützt ihn mit handfesten Maßnahmen.
Sonntags wird der Paseo de la Reforma für Autos gesperrt, damit die Mexikaner dort in Freiheit das Radfahren erleben können. Einen Montag im Monat müssen die städtischen Angestellten per Rad zu Arbeit kommen. In der Innenstadt werden über 80 Standorte mit 2000 Leihfahrrädern eingerichtet. Auf den großen Avenidas sollen den Autos jeweils zwei ganze Spuren weggenommen werden, um 1,90 breite Fahrradstreifen zu markieren.
Busse mit eigener Schnellspur
Herzstück der Verkehrsreformen des Bürgermeisters aber ist der Aufbau eines Schnellbusnetzes. 70 Kilometer sind bereits in Betrieb, die roten Gelenkbusse fahren auf eigenen Spuren. Das macht sie noch schneller: Vorbei an den Staus pflügen sie durch die Stadt.
Der Schnellbus auf eigenen Spuren ist in vielen Entwicklungsländern die günstige Alternative zum Bau teurer U-Bahnnetze, zehn- bis 50-mal günstiger ist ihr Bau pro Kilometer. Das amerikanische Institut ITDP, für das der Verkehrsaktivist Baranda arbeitet, bewirbt den Ausbau solcher Netze rund um den Globus. Mexiko ist einer der Vorreiter der neuen Bewegung. Der Metrobus-Chef Guillermo Calderón kann sich vor ausländischen Besuchern kaum retten: "Das ist der letzte Schrei", sagt der 56-jährige Ingenieur, "weil es eine realistische Alternative für Entwicklungsländer bietet."
Calderón hat den Ausbau des Schnellbusnetzes trotz vieler Widerstände vorangetrieben. So hat er mit Ebrards Hilfe durchgesetzt, dass Volvo und Mercedes den Mexikanern ihre modernsten Busse mit Abgaswerten der Euro-4-Norm liefern - normalerweise, erzählt er, kriegen Firmen in Schwellenländern aus der ersten Welt nur die alten Kisten.
Ein Busnetz ist nicht nur billiger, sondern wird auch rascher fertig als eine U-Bahn. Damit wird auch schneller ein Klimaeffekt erzielt: Messungen zufolge haben die bestehenden zwei Metrobuslinien in Mexiko-Stadt seit ihrer Einführung 80.000 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr eingespart. Auf seinem Computer zeigt Calderón, wie das Busnetz der Zukunft aussehen soll: Eine Streckenlänge von 200 Kilometern soll es umfassen, doch die künftigen Linien will Calderón nicht zu früh publik machen. Denn auf jeder Straße bedeutet der Bau einer Metrobus-Linie Ärger. Die Transportfirmen, die bisher mit ihren stinkenden Bussen das Geschäft beherrschten, werden verdrängt, die Busfahrer fürchten um ihre Jobs.
Der Transportminister Armando Quintero kann von diesen Kämpfen einiges erzählen. Er hat die widerstrebenden Busunternehmer kurzerhand eingekauft, indem er sie zu Teilhabern der neuen Metrobus-Gesellschaft machte und ihnen Abwrackprämien für die Verschrottung der alten Minibusse zahlte. "Ich bin stolz darauf, dass wir das ohne Eruptionen hinbekommen haben", sagt er.
Auch der Fahrradaktivist Baranda wird nach Kopenhagen fliegen und für seine Arbeit an den Radwegen werben. Kaum vorstellbar, dass die Mächtigen auf dem Gipfel sich dafür interessieren. Oder doch? Immerhin ist das Staatsoberhaupt der Niederlande schon auf die Arbeit Barandas aufmerksam geworden. Königin Beatrix hat den ehemaligen Delfter Studenten beauftragt, ein Handbuch für den Bau von Radwegen für alle mexikanischen Kommunen zu schreiben. Sie will es dem Staate Mexiko zum 200. Jahrestag der Unabhängigkeit 2010 schenken.
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