Kippendes Klimasystem Forscher warnen vor Entstehung einer Heißzeit

Schmilzt das Eis in der Antarktis zu stark, könnte das den Klimawandel noch zusätzlich beschleunigen. Forscher warnen vor einer Heißzeit. Wann sie droht, wissen sie aber nicht.

Rinderkadaver in Äthiopien (Archiv)
DPA

Rinderkadaver in Äthiopien (Archiv)


Die Gefahr einer Heißzeit kann aus Sicht von Klimaforschern selbst beim Einhalten des Pariser-Klimaabkommens nicht ausgeschlossen werden. Dabei würde sich die Erde langfristig um etwa vier bis fünf Grad Celsius erwärmen und der Meeresspiegel um 10 bis 60 Meter ansteigen, schreiben Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Wissenschaftliche Belege, ab welcher Erwärmung genau damit zu rechnen ist, liefert die Studie allerdings nicht. Es geht eher um eine grundsätzliche Warnung.

Die Forscher analysierten sogenannte Kippelemente im Klimasystem. Dazu gehören etwa die auftauenden Permafrostböden in Russland, die Eisschmelze in der Antarktis, die sich erwärmenden Methanhydrate auf dem Meeresboden und die großen Ökosysteme wie der Amazonas-Regenwald.

Sie könnten sich wie eine Reihe von Dominosteinen verhalten, sagte Autor Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre und designierter Kodirektor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Wird einer von ihnen gekippt, schiebt dieses Element die Erde auf einen weiteren Kipppunkt zu." Durch eine solche Rückkopplung könnte sich der Klimawandel selbst verstärken.

Derzeit ist die Erde im Durchschnitt bereits gut ein Grad wärmer als noch vor Beginn der Industrialisierung. Selbst bei vorläufiger Begrenzung der menschengemachten Erderwärmung auf maximal zwei Grad könnten kritische Prozesse im Klimasystem angestoßen werden, die eine noch stärkere Erwärmung - auch ohne weiteres menschliches Zutun - bewirken, warnt Will Steffen von der Australian National University (ANU) und dem Stockholm Resilience Centre (SRC).

Vorstellbar sei etwa, dass der Verlust des Eises in einigen Regionen der Westantarktis bereits solche Kippunkte überschritten habe, ergänzt Hans Joachim Schellnhuber vom PIK. Damit wäre ein umfangreicheres Abschmelzen über lange Zeiträume programmiert.

"Das ist ein provozierender Artikel"

Unklar ist bislang allerdings, bei welchem Temperaturanstieg die kritische Grenze in den unterschiedlichen Bereichen erreicht wird, ab der sich der Klimawandel selbst verstärkt. Forscher, die nicht an der Studie beteiligt waren, äußern sich deshalb zurückhaltend.

Der Artikel biete eine Synthese und Einordnung von vielen Einzelstudien, bleibe aber recht unkonkret, kommentierte Klimaforscher Reto Knutti von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Das Autorenteam argumentiere zwar, dass schon bei zwei Grad eine Schwelle hin zu einem deutlich anderen Zustand der Erde liegen könne, verweise aber zugleich darauf, dass es noch unsicher sei, wo eine solche Schwelle tatsächlich liege.

Auch Schellnhuber räumt ein: "Die Forschung muss sich daran machen, dieses Risiko schnellstmöglich besser abzuschätzen."

Jonathan Overpeck von der University of Michigan bezeichnet die Studie als "wichtigen und provozierenden Artikel". Er teilt zumindest die Sorgen der Studienautoren: Auch wenn es nicht möglich sei, die exakte Erdtemperatur zu bestimmen, bei der eine Kaskade von Kippelementen die Erde in Heißzeit bringe, sei es richtig, sich Gedanken zu machen. "Die Risiken zu ignorieren, könnte katastrophal für den Menschen und den Planeten werden."

jme/dpa



TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.