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Klimawandel: Kampf den Rülpsern

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Ein Zürcher Forscher will Rindern und Schafen die Blähungen abgewöhnen, denn die Wiederkäuer tragen zur Erderwärmung bei.

Sie stehen friedfertig auf den Weiden, sie kauen Gras, ab und zu muhen sie, sie sind das Sinnbild fürs Ländliche, für unvergängliche Beschaulichkeit. Wir regen uns auf über umweltignorante Billigfliegerei, über benzinverschlingende Geländewagen in den Städten, über energiefressende Glühbirnen. Kühe? Irrtum, keineswegs harmlos. Sie furzen. Sie rülpsen. Ungefähr alle 40 Sekunden. 300 bis 500 Liter Methangas stößt die Kuh jeden Tag aus. Und auch das ist vor allem eines: schlecht fürs Klima.

Methan ist ein aggressives Treibhausgas, es trägt zur Erderwärmung bei, und zwar 23-mal mehr als dieselbe Menge Kohlendioxid. So wird rund ein Fünftel des Treibhauseffekts dem Methan zugeschrieben. Der Weltklimarat IPCC schätzt, dass die Hälfte der weltweiten anthropogenen Methanemissionen aus der Landwirtschaft stammen, aus den Mägen von Rindern und Schafen, aus der Gülle und aus Reisfeldern. Und auch weil die Menschen überall auf der Welt mehr und mehr Fleisch essen wollen, ist die Methankonzentration in der Atmosphäre seit 1900 um rund hundert Prozent gestiegen.

Kühe? Klimakiller.

Michael Kreuzer, 51, sitzt in seinem Büro an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, er ist Professor für Tierernährung und momentan bester Laune. Denn er gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die Verdacht schöpften. Schon seit Mitte der achtziger Jahre denkt er über das chronische Rülpsen von Rindern und Schafen nach und auch darüber, wie er es eindämmen könnte. Lange war er mit seiner Forschung ein Außenseiter unter seinesgleichen; das hat sich jetzt geändert. "Durch die aktuelle Klimadebatte ist meine Forschung nicht mehr so eine Lachnummer wie früher", sagt er mit breitem Grinsen. "Der IPCC-Bericht ist eine Bestätigung, dass wir im richtigen Bereich arbeiten. Das Interesse an unserer Arbeit ist in letzter Zeit schlagartig gestiegen."

Kreuzer spricht mit gemütlich bayerischem Akzent, er hat einen grauen Bart und kräftige Hände. "In der Tierernährung ist Methan schon länger ein Thema, nicht nur wegen des Klimas, sondern auch wegen des Futterenergieverlusts", erzählt er. Vier bis sieben Prozent der Energie aus der Nahrung gäben Rinder als Methangas ab. Wenn man dem Vieh das Methanrülpsen austreiben könnte, würde es mehr Milch oder Fleisch produzieren.

Allerdings haben Wiederkäuer ein Verdauungssystem, das sich nicht so leicht manipulieren lässt. Die zerkaute Nahrung rutscht zunächst in den Pansen hinab, den ersten der drei Vormägen. Der Pansen ist eine Art Gärkammer mit bis zu acht Kilogramm Mikroorganismen - mit Bakterien, Protozoen und Pilzen, welche die Nahrung aufspalten und zersetzen. Eine weitere Gruppe von Mikroben, die Archaebakterien, gewinnt Energie, indem sie Wasserstoff und Kohlendioxid aufnimmt und daraus Methan bildet. Diese Archaeen sind ärgerlich, aber ausschalten lassen sie sich nicht: "Wenn man sie zu stark hemmt, hat man schnell zu viel Wasserstoff im Pansen", erklärt Kreuzer - das könne die Verdauung beeinträchtigen, wovon zwar die Kuh nichts bemerken würde, wohl aber der Bauer: "Wenn die Kühe das Futter dann schlechter verwerten, ist der Anreiz für die Landwirte natürlich gering."

Seit mehr als zwei Jahrzehnten forscht der Professor übers Problem und ist auch ziemlich weit vorangekommen "Man kann schon ein bisserl was tun", sagt er und wird auf einmal ganz lebhaft. Er hat drei Futterzusätze getestet, die bewirken, dass Rinder und Schafe durchschnittlich 10 bis 40 Prozent weniger Methangas produzieren. Schnell zeichnet er einige Kurven auf, um den Effekt zu veranschaulichen. "Die erste Substanz ist Fett", sagt er, etwa aus Kokosnüssen, Leinsamen oder Sonnenblumenkernen, die den Protozoen im Pansen schaden. Protozoen tragen zu einem Großteil des Wasserstoffs bei, den die methanbildenden Archaeen für ihren Stoffwechsel brauchen. "Die Idee war: Schießen wir die Protozoen ab, dann wird auch weniger Methan gebildet - und das klappt tatsächlich", sagt Kreuzer und strahlt.

Die anderen beiden Gruppen von Futterzusätzen, mit denen Kreuzer experimentiert, stammen aus tropischen Pflanzen: Saponine, die beispielsweise in Seifenbäumen vorkommen, und Tannine aus bestimmten Akazien. In der richtigen Dosierung wirkten alle drei Stoffe in etwa gleich gut, sagt Kreuzer, und sie ließen sich auch untereinander kombinieren. Um herauszufinden, wie wirksam ein Futterzusatz ist, steckt er Kühe und Schafe jeweils einzeln in spezielle Glaskästen, die Respirationskammern. Zwei Tage lang werden die Tiere gefüttert; alle paar Minuten wird die Methankonzentration in der Zu- und Abluft gemessen.

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