Schifffahrt in der Arktis Eisschmelze könnte Route über den Nordpol öffnen

Schon Mitte des Jahrhunderts könnten regelmäßig Schiffe den arktischen Ozean auf direktem Weg durchqueren, zeigen Klimamodelle. Forscher warnen vor weiteren Gefahren für das Ökosystem der Arktis.

Laurence C. Smith/ Scott R. Step

Der Klimawandel verändert die Arktis. Schon Mitte des Jahrhunderts könne das Eis so weit geschmolzen sein, dass Schiffe direkt über den Nordpol fahren, berichten US-Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences". Die Experten warnen vor der weiteren Zerstörung des Ökosystems, die durch neue Schiffsrouten droht.

Laurence Smith und Scott Stephenson von der University of California kombinierten die Daten von sieben anerkannten globalen Klimamodellen und simulierten damit ein Modell des Arktischen Ozeans. Über ein Navigationsprogramm ließen sie anschließend mögliche Routen für verschiedene Schiffstypen berechnen. Ihre Berechnungen beschränkten sie dabei auf September, den Monat mit dem wenigsten Eis in der Arktis.

Insgesamt werde die Schiffbarkeit in der Region bis Mitte des Jahrhunderts deutlich zunehmen, schreiben die Wissenschaftler. Hochseeschiffe könnten bis Mitte des Jahrhunderts häufiger über die Nordostpassage vor der Küste Sibiriens fahren. Eisfeste kommerzielle Schiffe der Polarklasse PC6 hätten sogar die Möglichkeit, vom Pazifik bis zum Atlantik in einer geraden Route über den Nordpol hinweg zu fahren.

"Bislang hat noch niemand über die Schifffahrt direkt über den Nordpol hinweg gesprochen", sagt Smith. Die Route sei um 20 Prozent kürzer als die heutige am stärksten befahrene entlang der Küste Russlands. Derzeit sei zudem die Nordwest-Passage entlang Kanada und Alaska nur in einem von sieben Jahren befahrbar und damit unberechenbar für die kommerzielle Schifffahrt. Doch bei weiterer Eisschmelze könnte die Durchfahrt Mitte September in jedem zweiten Jahr für solche Schiffe möglich sein.

Umweltschäden durch Arktis-Schifffahrt

Ökonomisch mag sich die Verkürzung der Route rechnen, ökologisch birgt der Schiffsverkehr in der Arktis jedoch erhebliche Gefahren. Auch die Forscher betonen, dass die Studie ausschließlich eine geophysikalische Perspektive einnimmt. Andere Sichtweisen werden darin nicht berücksichtigt.

Bereits im November sorgte eine Meldung für Aufsehen, dass ein Tanker mit Flüssiggas die Nordostpassage vor der sibirischen Küste passiert habe. Experten beobachten diese Entwicklung mit Sorge. "Ich fürchte, jetzt wird der Schiffsverkehr durch die Nordostpassage sehr schnell und drastisch zunehmen, ohne dass für ausreichend Sicherheit gesorgt ist", sagte Thomas Nilsen vom Online-Magazin "Barents Observer" zum Fall des Tankers.

Andere Experten warnen vor einer Zerstörung des Ökosystems durch die Ausbeutung der Rohstoffe. Das zurückweichende Eis erleichtere deutlich den Zugang zu bislang ungenutzten Erdgas- und Ölvorkommen, ist im Jahresreport 2013 des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) zu lesen. Die arktische Sommereisdecke sei 2012 auf ein Rekordtief von 3,4 Millionen Quadratkilometern geschrumpft. "Das Schmelzen des Eises verursacht einen Ansturm auf genau die fossilen Brennstoffe, die das Schmelzen überhaupt erst angetrieben haben", kritisierte Unep-Chef Achim Steiner.

jme/dpa



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