Klinische Studie Impfstoff schützt gegen Gebärmutterhalskrebs

Mediziner schöpfen neue Hoffnung im Kampf gegen Gebärmutterhalskrebs. In einer klinischen Studie hat ein Impfstoff nach Angaben des US-Pharmakonzerns Merck & Co. einen 100-prozentigen Schutz erreicht. Offen ist allerdings die Frage nach Langzeit-Nebenwirkungen.


Impfung: Neue Substanz verspricht Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs
DPA

Impfung: Neue Substanz verspricht Schutz gegen Gebärmutterhalskrebs

New York/Hamburg - Sollten die Mediziner Recht behalten, könnte ihr Medikament zur Ausrottung von Gebärmutterhalskrebs beitragen. In einer klinischen Studie mit mehr als 12.000 Frauen aus 13 Ländern hat ein Impfstoff namens Gardasil einen 100-prozentigen Schutz geboten, wie der US-Pharmakonzern Merck & Co. berichtet. Die gentechnisch erzeugte Substanz verhinderte demnach eine Infektion mit den am weitesten verbreiteten Typen des sogenannten Papillomavirus, HPV 16 und HPV 18.

Vor etwa 20 Jahren wurden diese beiden Virustypen, die beim Geschlechtsverkehr übertragen werden können, als Ursache von 70 Prozent aller Krebserkrankungen an Gebärmutterhals oder -schleimhaut dingfest gemacht. Gebärmutterhalskrebs ist unter Frauen sowohl die zweithäufigste Krebsart als auch die zweithäufigste Ursache für einen Krebstod. In Europa werden jährlich rund 33.500 Fälle diagnostiziert, rund 15.000 Frauen sterben an der Krankheit.

An der Studie nahmen 12.167 zufällig ausgewählte Frauen im Alter von 16 bis 26 Jahren teil. Sie wurden in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Mitglieder der ersten erhielten innerhalb von sechs Monaten drei Gardasil-Injektionen, die andere Gruppe nur ein wirkungsloses Placebo. Die Teilnehmerinnen wurden insgesamt über einen Zeitraum von zwei Jahren beobachtet.

Laut Merck trat bei den mit Gardasil behandelten Frauen während dieser Zeit kein einziger Fall von Gebärmutterhalskrebs oder einer Vorform auf. In der Kontrollgruppe sei es dagegen zu 21 solcher Fälle gekommen.

Kritik an kurzem Zeitraum der Studie

"Dies sind die ersten belastbaren Daten, die zeigen, dass die Impfung mit Gardasil Gebärmutterhalskrebs reduziert, der von HPV 16 oder 18 ausgelöst wird", sagte Studienleiterin Laura Koutsky von der University of Washington in Seattle.

Hoffnungsvolle Äußerungen kamen auch von anderer Seite. Die Ergebnisse der Studie seien "aufregend wegen der Größe des Versuchs und der 100-prozentigen Wirksamkeit", sagte Margaret Stanley von der Cambridge University der britischen BBC. Auch Peter Rigby vom Londoner Institute of Cancer Research zeigte sich erfreut über die Aussicht, die Zahl der Fälle von Gebärmutterhalskrebs bald "drastisch reduzieren" zu können.

Andere Experten bezweifeln allerdings, ob Gardasil wirklich das von Merck versprochene Wundermittel ist. Klaus Pantel, Direktor des Instituts für Tumorbiologie an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf, bezeichnete den Aufbau der Studie zwar als "vernünftig", kritisierte aber die kurze Dauer. "Ich wäre überrascht, wenn zwei Jahre ausreichen würden, um die Entstehung von Karzinomen auszuschließen", sagte der Forscher im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Langzeit-Nebenwirkungen möglich

Die kurze Beobachtungsdauer der mit Gardasil behandelten Frauen erlaube auch keine Aussage darüber, ob es auf lange Sicht zu Nebenwirkungen kommen könnte. Und gerade diese Frage sei bei einer rein präventiven Behandlung von ansonsten gesunden Patientinnen "enorm wichtig" - zumal der Impfstoff nach einer Freigabe durch die Behörden in erster Linie jungen Mädchen verabreicht werden würde. "Das Immunsystem wird durch einen solchen Impfstoff praktisch scharf gemacht", so Pantel. "Es ist nie auszuschließen, dass es auf lange Sicht zu Nebenwirkungen kommt."

Zudem verschwindet eine Infektion mit Papillomaviren bei den meisten Menschen von selbst. Auch Koutsky und ihre Kollegen schätzen, dass etwa in den USA rund 20 Millionen Menschen mit Papillomaviren infiziert sind, in diesem Jahr aber voraussichtlich nur 10.400 neue Fälle von Gebärmutterhalskrebs diagnostiziert werden.

Die Frage nach Nebenwirkungen spielt daher bei der Entscheidung, ob ein Teenager geimpft werden soll, eine entscheidende Rolle. Merck & Co. streift das Thema in seiner Mitteilung in nur drei Sätzen. Während der klinischen Studie sei keine Behandlung aufgrund "ernster Nebenwirkungen" abgebrochen worden, heißt es. Allerdings seien unerwünschte Effekte bei den mit Gardasil behandelten Frauen häufiger aufgetreten als in der Placebo-Gruppe. Worin diese Effekte genau bestanden, verriet der Pharmakonzern nicht. Am häufigsten seien "leichte örtliche Schmerzen" an der Stelle der Injektion gewesen.

Die Hersteller von Gardasil, Merck & Co. und Sanofi Pasteur, wollen sich der britischen BBC zufolge noch in diesem Jahr bei der US-Arzneimittelbehörde FDA und anschließend bei den europäischen Behörden um Marktlizenzen für Gardasil bemühen. Die beiden Unternehmen befinden sich in einem Wettrennen mit dem Pharma-Riesen GlaxoSmithKline, der einen ähnlichen Impfstoff namens Cervarix entwickelt hat.

Markus Becker



© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.