Klonskandal Kritik an der Sensationsgier der Forscher

Der Skandal um die Fälschungen des südkoreanischen Stammzellenforschers Hwang Woo Suk hat die hitzige Debatte über die Stammzellenforschung neu befeuert. Der Druck auf Forscher, Sensationen zu produzieren, sei enorm, warnen Wissenschaftler und Ethiker.


Berlin - Der frühere Vorsitzende des Nationalen Ethikrates, Spiros Simitis, machte den hohen Wettbewerbsdruck in der Forschung mitverantwortlich für den Fälschungsskandal um Hwang. Oft handle es sich um Entwicklungen, die patentiert werden. Durch die wirtschaftliche Verwendbarkeit steige der Druck noch.

Gestürzter Forscher Hwang: "Eine große Schande für uns alle"
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Gestürzter Forscher Hwang: "Eine große Schande für uns alle"

"Dies ist ein besonders sensitiver Bereich wegen der Hoffnungen auf Heilung und Linderung von Krankheiten, die damit verbunden sind", sagte Simitis. Hwang hatte eine als Durchbruch gefeierte Studie zur Stammzellenforschung gefälscht und war am Freitag von seinem Professorenamt zurückgetreten.

Auch der Vorsitzende der Zentralen Ethik-Kommission, Ludwig Siep, kritisierte die Form, in der Stammzellenforschung betrieben und beobachtet wird. Generell werde die Disziplin viel zu sehr sensationalisiert. Das Streben nach Öffentlichkeit berge auch Gefahren. Der Skandal um Hwang tue der Forschung nicht gut.

Die Forschung bestehe aus langwieriger Mosaikarbeit, Wissenschaftler sollten deshalb eigentlich in Ruhe forschen. Das aber scheine gegenwärtig nicht möglich zu sein, weil der Erfolgsdruck so groß sei. "Die Selbstkritik der Wissenschaftler an ihren Ergebnissen ist eine wichtige Sache, darauf sollte man sich vielleicht noch einmal besinnen", sagte Siep.

Der Leiter des Max-Planck-Instituts für molekulare Biomedizin in Münster, Hans Schöler, sagte, Hwang und seine Mitarbeiter hätten sich vermutlich selbst viel zu sehr unter Druck gesetzt. "Er hätte lieber sagen sollen, wir arbeiten an diesem Thema, anstatt vorschnell vermeintliche Ergebnisse anzukündigen", sagte Schöler. Gerade beim therapeutischen Klonen sei der Druck sehr groß, möglichst bald marktreife Verfahren zu entwickeln.

"Ich weiß nicht mehr, was ich glauben soll"

Der forschungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Jörg Tauss, warnte dagegen davor, der Stammzellenforschung jetzt die Unterstützung zu entziehen. Tauss sagte, die Skepsis bei den Kritikern der Stammzellenforschung werde nun größer. Zugleich würden Erleichterungen für diesen Bereich noch schwieriger. Dennoch müsse weiter geforscht werden. "Es ist betrüblich, dass die Stammzellenforschung in den Geruch von Scharlatanerie kommt", sagte Tauss.

Die stellvertretende Unions-Fraktionschefin Katherina Reiche (CDU) sprach von einem Rückschlag für die Forschung. "Es ist bedauerlich, dass hier jemand seinen persönlichen Ruhm über die wissenschaftliche Korrektheit gestellt hat. Ein einzelner Wissenschaftler hat die gesamte Branche in Verruf gebracht", sagte Reiche. Künftig würden die Ergebnisse der Stammzellenforschung mehr als bisher auf Qualität und Sorgfalt überprüft.

Die FDP-Forschungspolitikerin Ulrike Flach bedauerte, dass Hwangs wissenschaftliche Projekte nun vermutlich nicht mehr weiter verfolgt würden. "Was Professor Hwang vorhatte, den Aufbau einer Stammzellbank, war ein tolles Projekt, das der Welt sehr weiter geholfen hätte", sagte Flach. Kein Land habe so viel Geld für die Stammzellforschung aufgewendet wie Südkorea.

Auch in der internationalen Wissenschaftswelt hat der Skandal zu breitem Entsetzen geführt. "Ich weiß jetzt nicht mehr, was ich glauben soll", sagte selbst der aus Serbien stammende Wissenschaftler Miodrag Stojkovic, der bislang als einziger Forscher neben Hwang menschliche Embryonen geklont hatte. "Hwangs Fälschungen sind eine große Schande für uns alle, vor allem weil andere Leute auf dem Gebiet schwer gearbeitet haben."



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