Ausgegraben

Archäologierätsel Die zwei Schwerter des Hünen

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Simo Vanhatalo/ Museovirasto

In einem südfinnischen Feld stießen Archäologen auf die Knochen eines Mannes aus der Kreuzfahrerzeit. Gleich zwei Schwerter lagen in seinem Grab. Warum stammten sie aus unterschiedlichen Epochen? Hatte eine Waffe auf dem Scheiterhaufen eines anderen Toten gelegen?

Zunächst hatten Hobby-Archäologen mit Metalldetektoren das Feld in Hyvikkälä in der Gemeinde Janakkala abgesucht. Die Detektoren führten sie zu einer Speerspitze und einer Axt. Als sie an der Stelle weitergruben, stießen sie auf eine zerbrochene Schwertklinge - und wussten, dass sie nun die Profis benachrichtigen mussten. Vorsichtig gruben Simo Vanhatalo und Jan-Erik Nyman vom finnischen Zentralamt für Museen und Denkmalpflege (NBA) weiter. Sie fanden ein außergewöhnlich gut erhaltenes Skelett - und die beiden außergewöhnlichen Schwerter.

Schon der Mann selber war für seine Zeit eine wahrhaft herausragende Erscheinung. Mit 1,80 Metern Körpergröße überragte er deutlich seine Mitmenschen. Passend zu seiner hünenhaften Statur war auch sein Schwert kein Spielzeug: Die 1,20 Meter lange Waffe ist eines der längsten Schwerter Finnlands. "Die Zeitperiode, in die wir das Grab zunächst einmal datieren konnten, wird in Finnland die Kreuzfahrerperiode genannt", erläutert Nyman. "Sie dauerte in etwa von 1050 bis 1150 und ist die letzte Periode der Eisenzeit. Etwa um diese Zeit beginnt die Christianisierung in Südfinnland", schreibt Nyman. "Das Interessante an diesem Grab ist, dass wir sowohl christliche als auch heidnische Begräbnisriten beobachten können."

Rätselhafte Grabbeigaben

Wie bei Christen üblich, liegt der Mann in Ost-West-Richtung in seinem Grab, mit dem Kopf nach Westen. Auch, dass er nicht verbrannt, sondern unversehrt ins Grab gelegt wurde, entspricht den christlichen Bestattungsbräuchen. "Diese Tatsache deutet auf einen Wandel in den Glaubenvorstellungen hin", erläutert Nyman, "denn in der finnischen Eisenzeit herrschte noch die Brandbestattung vor."

In anderen Dingen aber hielten die Menschen, die den Toten bestatteten, noch an den alten Bräuchen fest. Christliche Gräber enthielten so gut wie nie Grabbeigaben. Doch auf dem Toten aus dem Feld bei Hyvikkälä lagen nicht nur seine Waffen. Dem Verstorbenen waren vom Feuer geborstene Steine auf beide Arme, seine Brust und beide Beine gelegt worden. Und über seinem Kopf lag eine Kugel aus Ton, etwa in der Größe eines Golfballs. "Diese Steine und die Tonkugel würde man nicht in einem christlichen Grab erwarten", berichtet Nyman. "Warum man sie hineingelegt hat, wissen wir nicht. Sie könnten die Überreste eines alten heidnischen Bestattungsrituals sein."

Aus welcher Stadt stammte der Mann?

Das große der beiden beigelegten Schwert datiert stilistisch in die späte Kreuzfahrerzeit oder das frühe Mittelalter. Das zweite Schwert aber ist deutlich älter: Es wurde bereits in der Wikingerzeit geschmiedet. An der Klinge sind Brandspuren zu sehen. Brannte es vielleicht auf dem Scheiterhaufen eines Vorfahren? "In der späten finnischen Eisenzeit war es ein typischer Brauch, die Toten gemeinsam mit ihren Grabbeigaben zu verbrennen", erläutert Nyman. "Die Klinge könnte mit dem früheren Besitzer begraben worden sein. Später nahm man sie dann heraus und legte sie in das jetzt gefundene Grab."

Neben dem Leichnam fanden die Ausgräber auch Holzkohle und Knochenfragmente. Eine Laboruntersuchung soll nun klären, ob es sich um Menschenknochen handelt - und ob die Datierung zu dem wikingerzeitlichen Schwert passt. Ein älteres Schwert wurde noch nie in einem Grab aus der finnischen Kreuzfahrerzeit gefunden. "Es gibt aber durchaus Beispiele von älteren Objekten in Gräbern aus der Region, zum Beispiel Speerspitzen oder Schmuck", zählt Nyman auf.

Die Forscher planen nun, mit DNA- und Isotopenanalysen mehr über den Mann herauszufinden. Wer waren seine Vorfahren? Wo wuchs er auf? "Der Tote war vermutlich ein reicher und wichtiger Mann der lokalen Bevölkerung", fasst Nyman das bisher Bekannte zusammen. "Unsere Analysen werden uns hoffentlich mehr über sein Leben und seinen Hintergrund verraten - aber es wird noch etwas dauern, bis die Ergebnisse vorliegen." Auch der Kopf des Toten gibt möglicherweise noch Antworten - der steckt bisher nämlich noch im Sand. Er ist so gut erhalten, dass Vanhatalo und Nyman Verstärkung für die Bergung angefordert haben. Ein Expertenteam soll helfen, die fragilen sterblichen Überreste zu bergen.

Vielleicht liegt auch die eine oder andere Antwort noch unter der Krume des Feldes. "Einzelfunde aus der Pflugschicht der Umgebung weisen darauf hin, dass an der Stelle noch mindestens eine Handvoll weiterer Gräber liegen", verrät Nyman. Nur zu welchem Dorf oder welcher Stadt sie gehörten, wissen die Archäologen noch nicht. "Ganz in der Nähe lag zumindest später im Mittelalter ein großes Dorf". Etwa vier Kilometer östlich stand zur Eisenzeit die Burg Hakoinen. Und nur einen Kilometer weiter ist noch heute die mittelalterliche Kirche St. Lauri's zu sehen. "Die Wahrscheinlichkeit, dass ganz in der Nähe des Grabes eine Siedlung lag, ist sehr hoch", vermutet Nyman.

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11 Leserkommentare
phboerker 26.11.2013
carstenahrens 26.11.2013
lavama 26.11.2013
Beansidhe 26.11.2013
nanosci 26.11.2013
nanosci 26.11.2013
Berliner42 26.11.2013
hissi 26.11.2013
Th.Tiger 26.11.2013
Koda 27.11.2013
bernhard-fruehling 16.01.2014

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