Knochenanalyse: Neandertaler schwächelte beim Rennen
Probleme mit der Achillessehne? Die hatten wahrscheinlich schon die Neandertaler! Für die Urmenschen könnten sie sogar zur existenziellen Bedrohung geworden sein. Das vermuten Forscher, die Fossilien vermessen haben.
Das Verhältnis zwischen modernen Menschen und Neandertalern beschäftigt viele Forscher. Machten wir vor einigen zehntausend Jahren vielleicht Jagd auf unsere Vettern? Vielleicht. Oder trafen sich beide Gruppen immer wieder einmal zu einem Schäferstündchen? Wahrscheinlich. Vor steht aber eine Frage im Raum: Warum setzten wir uns eigentlich gegen die Neandertaler durch? Und hier steht eine definitive Antwort noch aus. Erst unlängst hatten Forscher zum Beispiel herausgefunden, dass moderne Menschen und Neandertaler während ihrer gemeinsamen Zeit in etwa dieselbe Lebenserwatung hatten.
Nun gibt es eine neue These, warum wir das Rennen gemacht haben könnten - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Der Neandertaler war offenbar ein schlechterer Läufer. Das zumindest glauben US-Forscher, die die Fußanatomie von modernen Menschen und Neandertalerüberresten verglichen haben. Dem Urmenschen machte demnach vor allem die geringere Leistungsfähigkeit seiner Achillessehne zu schaffen.
Bei der Jagd auf kurze Distanzen, etwa in Waldgebieten, sei das noch kein großer Nachteil gewesen, berichten Anthropologen um David Raichlen von der University of Arizona im Fachmagazin "Journal of Human Evolution". Als aber die Wälder während der Eiszeit der offenen Tundra Platz machten, konnte der moderne Mensch durch seinen effizienteren, energiesparenden Laufstil den Neandertaler verdrängen - vermuten zumindest die Forscher.
Dass der Neandertaler ein schlechter Läufer gewesen sein könnte, war immer wieder einmal diskutiert worden. Ein belastbarer Nachweis für die These fehlte aber. Raichlen und seine Kollegen analysierten jetzt den Energieverbrauch von Probanden auf dem Laufband und verglichen diese Ergebnisse mit Untersuchungen der Fußanatomie.
In der Tundra war Durchhaltevermögen gefragt
Dabei konnten sie zeigen, dass eine kurze Achillessehne eine ungemein praktische Sache ist. Sie ermöglicht nämlich nach Ansicht der Forscher eine größere Speicherung und Freisetzung von elastischer Dehnungsenergie. Etwas flapsig ausgedrückt sinken also die Energiekosten beim Laufen.
An den Fußgelenken von Neandertalerfossilien fanden die Forscher einen markanten Unterschied zu denen moderner Menschen. Die Achillessehne, so scheint es, war bei den Urmenschen länger als bei uns. Daraus schließen die Forscher, dass der Neandertaler weniger ausdauernd war. Folgt man dieser Lesart, dann Verbrauchten unsere Urzeit-Verwandten auch mehr Energie beim Kurzstreckenlauf.
Entstanden ist dieser Unterschied nach Ansicht von Raichlen möglicherweise aufgrund der Jagdweise der beiden Menschenarten: Der moderne Mensch kam nach heutigem Kenntnisstand ursprünglich aus den offenen Graslandschaften Afrikas. Dort musste er bei der Jagd große Strecken in warmem Klima zurücklegen. Der Neandertaler jagte dagegen in den Waldgebieten des Nordens. Dort lauerte er im Hinterhalt auf Beute, die dann in der Kurzdistanz erlegt wurde.
Archäologische Funde zeigen, dass vor etwa 50.000 Jahren die Wälder Europas der offenen Tundra Platz machten. Für die Jagd in diesen Graslandschaften war der moderne Mensch dank seines Lauftalents vermutlich besser gerüstet. Dadurch habe er möglicherweise den Neandertaler in die letzten Waldrefugien im südlichen Europa verdrängt, vermuten die Forscher. Von hier stammen auch die letzten Spuren unseres menschlichen Vetters, der dann schließlich vor etwa 30.000 Jahren - aus weiterhin ungeklärter Ursache - völlig verschwand.
chs/dapd
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