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Knochenanalyse: Neandertaler schwächelte beim Rennen

Probleme mit der Achillessehne? Die hatten wahrscheinlich schon die Neandertaler! Für die Urmenschen könnten sie sogar zur existenziellen Bedrohung geworden sein. Das vermuten Forscher, die Fossilien vermessen haben.

Neanderthaler-Nachbildung (in Düsseldorf, 2007): Schlechter Läufer? Zur Großansicht
dpa

Neanderthaler-Nachbildung (in Düsseldorf, 2007): Schlechter Läufer?

Das Verhältnis zwischen modernen Menschen und Neandertalern beschäftigt viele Forscher. Machten wir vor einigen zehntausend Jahren vielleicht Jagd auf unsere Vettern? Vielleicht. Oder trafen sich beide Gruppen immer wieder einmal zu einem Schäferstündchen? Wahrscheinlich. Vor steht aber eine Frage im Raum: Warum setzten wir uns eigentlich gegen die Neandertaler durch? Und hier steht eine definitive Antwort noch aus. Erst unlängst hatten Forscher zum Beispiel herausgefunden, dass moderne Menschen und Neandertaler während ihrer gemeinsamen Zeit in etwa dieselbe Lebenserwatung hatten.

Nun gibt es eine neue These, warum wir das Rennen gemacht haben könnten - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes: Der Neandertaler war offenbar ein schlechterer Läufer. Das zumindest glauben US-Forscher, die die Fußanatomie von modernen Menschen und Neandertalerüberresten verglichen haben. Dem Urmenschen machte demnach vor allem die geringere Leistungsfähigkeit seiner Achillessehne zu schaffen.

Bei der Jagd auf kurze Distanzen, etwa in Waldgebieten, sei das noch kein großer Nachteil gewesen, berichten Anthropologen um David Raichlen von der University of Arizona im Fachmagazin "Journal of Human Evolution". Als aber die Wälder während der Eiszeit der offenen Tundra Platz machten, konnte der moderne Mensch durch seinen effizienteren, energiesparenden Laufstil den Neandertaler verdrängen - vermuten zumindest die Forscher.

Dass der Neandertaler ein schlechter Läufer gewesen sein könnte, war immer wieder einmal diskutiert worden. Ein belastbarer Nachweis für die These fehlte aber. Raichlen und seine Kollegen analysierten jetzt den Energieverbrauch von Probanden auf dem Laufband und verglichen diese Ergebnisse mit Untersuchungen der Fußanatomie.

In der Tundra war Durchhaltevermögen gefragt

Dabei konnten sie zeigen, dass eine kurze Achillessehne eine ungemein praktische Sache ist. Sie ermöglicht nämlich nach Ansicht der Forscher eine größere Speicherung und Freisetzung von elastischer Dehnungsenergie. Etwas flapsig ausgedrückt sinken also die Energiekosten beim Laufen.

An den Fußgelenken von Neandertalerfossilien fanden die Forscher einen markanten Unterschied zu denen moderner Menschen. Die Achillessehne, so scheint es, war bei den Urmenschen länger als bei uns. Daraus schließen die Forscher, dass der Neandertaler weniger ausdauernd war. Folgt man dieser Lesart, dann Verbrauchten unsere Urzeit-Verwandten auch mehr Energie beim Kurzstreckenlauf.

Entstanden ist dieser Unterschied nach Ansicht von Raichlen möglicherweise aufgrund der Jagdweise der beiden Menschenarten: Der moderne Mensch kam nach heutigem Kenntnisstand ursprünglich aus den offenen Graslandschaften Afrikas. Dort musste er bei der Jagd große Strecken in warmem Klima zurücklegen. Der Neandertaler jagte dagegen in den Waldgebieten des Nordens. Dort lauerte er im Hinterhalt auf Beute, die dann in der Kurzdistanz erlegt wurde.

Archäologische Funde zeigen, dass vor etwa 50.000 Jahren die Wälder Europas der offenen Tundra Platz machten. Für die Jagd in diesen Graslandschaften war der moderne Mensch dank seines Lauftalents vermutlich besser gerüstet. Dadurch habe er möglicherweise den Neandertaler in die letzten Waldrefugien im südlichen Europa verdrängt, vermuten die Forscher. Von hier stammen auch die letzten Spuren unseres menschlichen Vetters, der dann schließlich vor etwa 30.000 Jahren - aus weiterhin ungeklärter Ursache - völlig verschwand.

chs/dapd

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1. Rätselhaft
albert schulz 04.02.2011
Vor allem hatte er sehr viel kürzere Beine als der homo sapiens, er war ein Sitzriese mit ungewöhnlich starkem Oberkörper. Die Savannengeschichte inmitten der Eiszeit wäre natürlich von Interesse, also Fauna und Flora zu dieser Zeit. Und vor allem, warum der Neandertaler offensichtlich die kalte Erdregion der wärmeren vorzog. Die kälteste Epoche hat er allerdings nicht mehr erlebt. Aus Afrika soll er eingewandert sein, und just dort hat man keinen gefunden. Alles nicht so ganz schlüssig.
2. out of africa
Ishibashi 04.02.2011
Zitat von albert schulzVor allem hatte er sehr viel kürzere Beine als der homo sapiens, er war ein Sitzriese mit ungewöhnlich starkem Oberkörper. Die Savannengeschichte inmitten der Eiszeit wäre natürlich von Interesse, also Fauna und Flora zu dieser Zeit. Und vor allem, warum der Neandertaler offensichtlich die kalte Erdregion der wärmeren vorzog. Die kälteste Epoche hat er allerdings nicht mehr erlebt. Aus Afrika soll er eingewandert sein, und just dort hat man keinen gefunden. Alles nicht so ganz schlüssig.
Niemand behauptet, dass der Neandertaler aus Afrika eingewandert ist. Er hat sich vielmehr aus dem Homo Heidelbergiensis hier in Europa entwickelt. Nur dessen Vorfahren, also der Homo Erectus kam wohl aus Afrika. Selbstverständlich ist das alles nur vorläufige Theorie. Bewiesen ist da gar nichts. Wenn Morgen ein älteres Homo Sapiens Sapiens Skelett in Asien gefunden würde als derzeit bekannt ist, dann würde die Antropologie halt die out of Africa Theorie für den modernen Mensch ad acta legen. Für den Homo Erectus würde Sie aber weiter gelten.
3. Wahrscheinlich mehrere Gründe auszusterben
J-Créme 04.02.2011
Vielleicht hatten die Neandertaler auf Grund ihrer kulturellen Traditionen 5% weniger Killerinstinkt als die Sapiens. Dazu noch die etwas weniger leistungsfähigen Beinchen...
4. Lange Sehne = schlechter Läufer?
MützeM 05.02.2011
Die Erkenntnis verwundert ein bisschen, denn im Allgemeinen zeichnen sich Tiere mit langen Achillessehnen durch gute Ausdauerleistungen aus. Beispielhaft seien hier das Pferd oder das Känguru genannt. Lange Sehnen sind rein physikalisch besser in der Lage Energie durch Dehnung zu speichern (Feder).
5. hier ist die Lösung ...
akronymus 05.02.2011
Dem Neandertaler fehlte das Migranten-Gen. Deshalb konnte er nirgendwo anders heimisch werden, nachdem sein ursprünglicher Siedlungsort in ein Gewerbegebiet umgewidmet wurde. Lesen Sie zu diesem Thema bitte auch mein Buch "Die Steinzeit schafft sich ab" - demnächst im Handel, 24 Euro 50.
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Fotostrecke
Knochenfunde: Ein Fitzelchen Neandertaler in uns

Homininen und Hominiden
Affen- und Menschenartige
Ein Hominid oder Menschenaffe ist ein Mitglied der taxonomischen Familie, zu der Menschen, Schimpansen, Gorillas und all deren ausgestorbene gemeinsame Vorfahren gehören. Der Begriff Hominine umfasst dagegen alle Mitglieder der Gattung Homo und deren ausgestorbene Verwandten, die dem Menschen näher stehen als den Schimpansen. Dazu zählen also nicht Schimpansen und Gorillas sowie deren Vorfahren.
Sahelanthropus tchadensis (7 bis 8 Millionen Jahre)
Dieses bisher älteste bekannte Mitglied der Menschenfamilie entdeckte ein Forscherteam aus Frankreich und dem Tschad im Juli 2001 in der Sahel-Zone in Zentralafrika. Der Fund namens Toumaï könnte aus der Zeit der Trennung der Affen-: und Menschenartigen stammen.
Orrorin tugenensis (6 Millionen Jahre)
Französische und kenianische Wissenschaftler fanden im Oktober 2000 in der Boringo-Region (Kenia) die Reste des "Millennium-Menschen". Er zeigt deutliche Hinweise auf den aufrechten Gang. In der Fachwelt ist jedoch umstritten, ob er ein direkter Vorfahr des Menschen war.
Ardipithecus ramidus (4,4 Millionen Jahre)
"Ardi" revolutionierte das Bild unserer Urahnen: Der Fund aus Äthiopien zählt zu den Menschenartigen (Homininen) und ist weit mehr von den Affen entfernt als bisher vermutet, wie im Oktober 2009 ein Forscherteam im Fachjournal "Science" berichtete.
Australopithecus afarensis (3,2 - 3,6 Millionen Jahre)
Am 30. November 1974 wird in Äthiopien "Lucy" ausgegraben, ein Teilskelett, das als letzter gemeinsamer Vorfahr mehrerer Abstammungslinien von Homininen gilt. Für Furore sorgte auch der Fund eines Kindes im Jahr 2006, das als "Lucys Baby" bekannt wurde.
Homo rudolfensis (2,5 - 2,3 Millionen Jahre)
Dieser Mensch hat ein größeres Gehirn als die Australopithecinen und nutzte auch schon Werkzeuge. Er gilt als die älteste bisher entdeckte Art der Gattung Homo. Doch wie bei Australopithecus sediba streiten sich Forscher noch um die Zuordnung zu einer Spezies. Manche Wissenschaftler zählen ihn zur Art Homo habilis, andere widerum erkennen in ihm gar einen Australopithecinen oder einen Kenyanothropus.
Australopithecus sediba (2 - 1,8 Millionen Jahre)
Am 15. August 2008 entdecken Paläoanthropologen in der Nähe von Johannesburg die knapp zwei Millionen alten Überreste eines Jungen und einer Frau. Sie könnten ein lange gesuchtes Bindeglied zwischen den noch affenartigen Vormenschen und den frühen Menschen darstellen, berichtet ein Forscherteam im Fachjournal "Science" im April 2010.
Homo erectus (1,8 Millionen - 300.000 Jahre)
Mit dem Homo erectus begann eine Wanderbewegung aus Afrika nach Europa und Asien. 1891 entdeckt der Holländer Eugène Dubois einen Javamenschen, der vor 500.000 Jahren gelebt hat. In Georgien finden Forscher seit 1999 mehrere 1,75 Millionen Jahre alte menschliche Überreste, die dem Homo erectus zugerechnet werden.
Homo heidelbergensis (780.000/500.000 Jahre)
Im Oktober 1907 wird im Dorf Mauer bei Heidelberg ein rund 500.000 Jahre alter Unterkiefer dieses Menschen ausgegraben. 1995 werden in Gran Dolina (Spanien) 780.000 Jahre alte Überreste von vier Menschen dieser Art und Werkzeuge gefunden. Sie zählen zu den frühesten Menschen Europas, starben wahrscheinlich aber aus.
Homo neanderthalensis (130.000 - 30.000 Jahre)
Morphologische Eigenschaften, die für Neandertaler typisch sind, fand man bereits in etwa 400.000 Jahre alten Fossilien aus Europa. Doch man geht davon aus, dass die ersten Neandertaler vor etwa 130.000 Jahren entstanden sind. Heute gilt der Neandertaler als ausgestorbene Seitenlinie des Menschen. Er verschwand vor etwa 30.000 Jahren von der Bildfläche - warum, ist noch nicht vollständig geklärt.
Homo floresiensis (120.000 - 10.000 Jahre)
Der als "Hobbit" bekanntgewordene, nur ein Meter große indonesische Urmensch war im Jahr 2004 auf der Insel Flores gefunden worden. Seit Jahren streiten Wissenschaftler, ob es sich um eine eigene Menschenart oder nur einen kranken Homo sapiens handelte.
Denisova-Mensch (50.000 Jahre)
In der Denisova-Höhle in Russland wurden Anfang des Jahrtausends ein Fingerknochen, ein Zahn und ein Zehenknochen gefunden, die offenbar zu keiner bislang bekannten Art gehören. Diese lebte zu Zeiten des Homo neanderthalensis und des Homo sapiens. Noch wurde der Art kein eigener Name verliehen.
Homo sapiens (160.000 Jahre bis heute)
Die bisher ältesten Überreste des modernen Menschen findet ein internationales Forscherteam 1997 in Äthiopien. Die 2003 analysierten Schädelknochen erhärten nach Ansicht der Forscher die Vermutung, dass die modernen Menschen in Afrika entstanden sind und sich von dort in die ganze Welt ausgebreitet haben.
Homo naledi (Alter unbekannt)
In der Rising-Star-Höhle in Südafrika entdeckten Forscher über 1500 Fossilien, die sie 15 Individuen zuordneten. Sie gehören zu einer bislang unbekannten Art, dem Homo naledi. Dessen Alter ist noch unbekannt und damit auch seine Einordnung in den Stammbaum der Menschheit. Die Fundstelle bei Johannesburg könnte die älteste Grabstätte der Geschichte sein.

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