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Körperfremde Eindringlinge: Mütter nehmen Zellen ihrer Kinder auf

Von Kathrin Zinkant

Viele Menschen tragen Zellen in ihrem Körper, die nicht ihre eigenen sind. Forscher haben herausgefunden, dass die Fremdlinge im Extremfall tödliche Krankheiten auslösen können - oder Leben retten.

Die Eindringlinge kamen, bevor das neue Leben richtig beginnen konnte. Wenige Wochen blieben dem Baby, bis es an einer Krankheit starb, die sonst Jahre oder gar Jahrzehnte braucht, um zu töten. Doch die dunklen Zellen waren da, und so erlag das Neugeborene einem Hautkrebs. Die Ärzte hatten so etwas noch nicht gesehen.

Mutter und Kind: Neue Studien zeigen, dass Mütter auch Zellen des Kindes aufnehmen.
Corbis

Mutter und Kind: Neue Studien zeigen, dass Mütter auch Zellen des Kindes aufnehmen.

Als ein britischer Mediziner den Fall vor 60 Jahren in einem Fachblatt beschrieb, schenkte dem kaum jemand Beachtung. Zwar vermuteten US-Forscher bald, dass der Krebs von der Mutter in das Ungeborene eingedrungen war. Bloß fehlte jede Erklärung, wie das passiert sein konnte. Die Plazenta, der Mutterkuchen, galt als unüberwindbare Schranke. Auch für Zellen.

Ein Irrtum, wie Forscher heute wissen. Viel häufiger als Krebszellen pflegen nämlich völlig gesunde Zellen einen lebhaften Grenzverkehr zwischen Schwangeren und Embryonen. Und die Plazenta ist keine Einbahnstraße: Neue Studien zeigen, dass Mütter auch Zellen des Kindes aufnehmen. Diese Eindringlinge nisten oft Jahrzehnte in Organen wie Herz, Knochenmark, Haut oder Bauchspeicheldrüse - Mikrochimärismus nennt sich das. Selbst in hohem Alter können diese Zellen noch ins körperliche Geschehen eingreifen.

"Die Folgen sind so umfassend wie die Biologie selbst", sagt Lee Nelson vom Hutchinson Cancer Research Center in Seattle. Die Expertin für Autoimmunkrankheiten glaubt, dass die Erkenntnisse ein ganz neues Kapitel in der Medizin schreiben werden. Denn dass etwas Fremdes im Körper überdauern kann, widerspricht einem Prinzip unseres Abwehrsystems, das man lange Zeit für fundamental hielt: Fremdes Gewebe wird angegriffen, das eigene respektiert.

In der Transplantationsmedizin kennt man solche Übergriffe. Die Immunabwehr des Patienten identifiziert das neue Organ als Eindringling - und greift an. Oder das Transplantat selbst begehrt gegen den Empfänger auf: Immunzellen, die an Bord des Spendergewebes einreisen, dringen in die umliegenden Organe ein und attackieren Magen, Darm, Haut oder das Bindegewebe. Die Symptome ähneln dann der Sklerodermie, einer Autoimmunkrankheit, bei der das Abwehrsystem den eigenen Körper angreift.

Lee Nelson erkannte die Parallele. Mit Diana Bianchi von der Tufts University in Massachusetts durchforstete sie daher das Blut sklerodermiekranker Frauen nach fremden Zellen. Bianchi hatte zuvor gezeigt, dass in Müttern noch Jahrzehnte nach der Geburt eines Sohnes männliche DNA im Blut zirkuliert. Mit Bianchis Verfahren gelang nun der Beleg, dass Mikrochimärismus in Sklerodermiekranken weit häufiger auftritt als in gesunden Müttern.

Studien an anderen Autoimmunerkrankungen zeigten zudem, dass das Risiko, an Multipler Sklerose zu erkranken, steigt, wenn Frauen kindliche Zellen im Blut haben. Auch beim Schilddrüsenleiden Hashimoto fand man Belege dafür, dass die fremden Zellen am Ausbruch der Krankheit beteiligt sind.

Damit hatte niemand gerechnet: Kinderkriegen mit Nebenwirkung.

Der Mikrochimärismus kann aber auch positive Auswirkungen haben: So erfahren Frauen mit Rheumatoider Arthritis durch die Geburt eines Kindes oft Linderung, wenn sie dessen Zellen im Blut haben. "Möglicherweise schützen die fremden Zellen sogar vor Krebs", sagt Nelson. Unter Müttern mit Brustkrebs fand die Forscherin nur in jeder zehnten Frau die Eindringlinge der Kinder. Unter gesunden Müttern dagegen in jeder zweiten.

Die größte Aufgabe steht den Wissenschaftlern aber noch bevor: Sie müssen herausfinden, warum manche fremden Zellen sich nützlich machen, während andere zu schwerer Krankheit anstiften. Im Dezember erbrachten US-Forscher schon mal den Nachweis, dass fast jedes Baby Immunzellen der Mutter in seinen Lymphknoten birgt. Diese Zellen unterdrücken während der Schwangerschaft die Immunabwehr des Fötus, wodurch dieser in der Gebärmutter nicht so stark auf sich aufmerksam macht und so verhindert, dass er von der Mutter abgestoßen wird. Oft sind die Fremdlinge wohl Stammzellen: unreifes Gewebe, aus dem sich noch viele Zelltypen entwickeln können - und das besonders langlebig ist. Ob diese Zellen später gutes oder böses Spiel treiben, scheint vor allem mit ihrem immunologischen Fingerabdruck zusammenzuhängen.

Auch wenn viele Fragen noch offen sind, gibt es schon erste Ideen, den Mikrochimärismus medizinisch zu nutzen. Thomas Starzl von der University of Pittsburgh versucht mithilfe der fremden Zellen, die lebenslange und belastende Gabe immunsuppressiver Medikamente nach einer Transplantation zu umgehen. Immunsuppressiva unterdrücken eine Abwehrreaktion des Körpers und verhindern so eine Abstoßung des fremden Organs. Manche Patienten benötigen die Mittel jedoch gar nicht. Vor allem nach Lebertransplantationen kommt es immer wieder zu einer spontanen Toleranz des fremden Organs. Starzl glaubt, dass Blutstammzellen aus dem Transplantat in den Körper wandern und diesen mit den neuen Eigenschaften vertraut machen. Lässt sich das Immunsystem also in Toleranz schulen, und liefert der Mikrochimärismus den Schlüssel dazu?

Starzl schlägt nun vor, den Zellen aus dem Spenderorgan durch niedrige Dosierungen von Medikamenten mehr Spielraum zu lassen. Sie sollen dafür sorgen, dass der neue Organismus die Organe besser toleriert. Zudem will Starzl mit Blutstammzellen des Spenders das Immunsystem des Empfängers vorbereiten. Die Immunsuppressiva erhält der Patient nur noch vorübergehend, bald nach der Operation soll er ganz darauf verzichten können.

Für Lee Nelson ist das erst der Anfang. Sind die Mechanismen, nach denen sich das Fremde ins Ich fügt, erst einmal ausgeleuchtet, so hofft sie, werden nicht nur Menschen mit Autoimmunerkrankungen oder Spenderorganen davon profitieren: "Wenn wir wüssten, warum gesunde, aber schon recht alte Zellen der Mutter im Kind nicht bösartig werden, dann würde das ganz neue Möglichkeiten für den Kampf gegen Krebs eröffnen."

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