Kohle Energie der Zukunft - Gefahr für die Menschheit

Billig, praktisch, in riesigen Mengen verfügbar: Kohle ist als Energieträger längst nicht am Ende. Sie hat sogar eine große Zukunft, stellt eine neue Großstudie des MIT fest, die nur ein Problem sieht - den CO2-Ausstoß. Der muss durch neue Techniken dringend eingedämmt werden.

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Wer gehofft hat, dass die Kohle als nennenswerter Energieträger in absehbarer Zeit verschwinden wird, dürfte bei der Lektüre der jüngsten Studie zum Thema eine herbe Ernüchterung erleben. Drei Jahre lang haben Experten des renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) Daten zusammengetragen, Energie-Technologien ausgewertet und Prognosen über die Zukunft der Kohlenutzung analysiert.

Kohlekraftwerk bei Hanau: Hat die Kohle als Energieträger eine Zukunft?
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Kohlekraftwerk bei Hanau: Hat die Kohle als Energieträger eine Zukunft?

Ihr Urteil über die Zukunft des Schwarzen Goldes ist eindeutig: Selbst in einer Zukunft mit gesetzlich eingeschränktem CO2-Ausstoß werde die Kohle keine kleinere, sondern eher eine noch größere Rolle spielen als heute. "Wir glauben, dass die Nutzung von Kohle in jedem vorhersehbaren Szenario steigen wird, da sie billig und reichlich vorhanden ist", schreiben die Natur-, Wirtschafts- und Politikwissenschaftler in ihrem 192-seitigen Bericht.

Das gelte nicht etwa nur für Schwellenländer wie Indien und China, sondern auch für die USA. Denn die Vereinigten Staaten beziehen nach Zahlen der US-Regierung derzeit rund 50 Prozent ihrer Elektrizität aus Kohlekraftwerken - und ihr Energiebedarf wird weiter steigen. Zudem liegen große Kohlereserven nicht nur in den USA selbst, sondern - im Gegensatz zu Öl - auch in zahlreichen politisch unproblematischen Weltregionen.

Kohleindustrie vor technologischem Kraftakt

Die Wissenschaftler gingen in ihrer Studie aber noch von einer zweiten Prämisse aus: Angesichts der realen Gefahr einer Klimakatastrophe "werden die Regierungen der USA und anderer Staaten Maßnahmen zur Begrenzung des Ausstoßes von CO2 und anderer Treibhausgase einführen." Die Energiewirtschaft sei deshalb ein technologischer Kraftakt: Es müssten kurzfristig Verfahren entwickelt werden, um Kohlendioxid aus den Abgasen der Kohlekraftwerke herauszulösen und sicher zu lagern - im Fachjargon Abscheidung und Sequestrierung genannt.

Eine zentrale Forderung des MIT-Berichts ist, dass die USA bei der Entwicklung solcher Technologien mit gutem Beispiel vorangehen. Denn nach Meinung der Experten werden China und Indien in den kommenden Jahren kaum von sich aus CO2-Emissionsgrenzen einführen, sollten die USA nicht die Initiative ergreifen.

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Die 10 größten CO2-Emittenten
Wenn der Kampf gegen den Klimawandel überhaupt eine Aussicht auf Erfolg haben soll, müssen China und Indien mitmachen - denn die dortige Energiewirtschaft wächst in nahezu unvorstellbarem Tempo. China baut pro Woche zwei neue 500-Megawatt-Kohlekraftwerke, heißt es im MIT-Bericht. Pro Jahr entstünden dort Kraftwerke mit der Kapazität des gesamten Stromnetzes Großbritanniens. Jedes einzelne der neuen Kohlekraftwerke stoße etwa drei Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr aus. Schätzungen zufolge wird China die USA schon 2010 als weltgrößter CO2-Emittent ablösen.

"Als weltgrößter Energieverbraucher und Treibhausgas-Verursacher müssen die USA die Führung übernehmen und der Welt zeigen, dass die Kohlenstoff-Abscheidung und -Sequestrierung funktionieren kann", sagte John Deutch, der das Forscherteam gemeinsam mit seinem MIT-Kollegen Ernest Moniz geleitet hat. Er schickte eine Warnung an die Wirtschaft hinterher: "Wenn die Kohleindustrie sich selbst vor einer trostlosen Zukunft schützen will, sollte sie ein großes Interesse daran haben, die CO2-Sequestrierung jetzt praktisch zu demonstrieren."

Ist das Klima trotz Kohlenutzung noch zu retten?

In Sachen globaler Erwärmung enthält der Bericht indes eine beunruhigende Aussicht: Selbst im günstigeren von zwei Szenarien, in dem die Forscher eine globale Abgabe von 25 Dollar pro Tonne CO2-Ausstoß ab 2015 annehmen, blieben die weltweiten Kohlendioxid-Emissionen bis zum Jahr 2050 auf dem heutigen Niveau. Klimaforscher fordern jedoch, dass der globale CO2-Ausstoß bis 2050 auf 60 bis 80 Prozent des Wertes von 1990 sinken muss. Andernfalls sei das Ziel, die globale Erwärmung unterhalb von zwei Grad und damit halbwegs kontrollierbar zu halten, nicht zu erreichen.

Eine bloße Stabilisierung der CO2-Emissionen auf heutigem Niveau "reicht deshalb in keiner Weise, um den Klimawandel wirksam zu bekämpfen", sagte Ottmar Edenhofer, Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Das Zwei-Grad-Ziel sei nur durch eine sinnvolle Verbindung von effizienter Energienutzung, erneuerbaren Energien und Kohlenstoff-Sequestrierung erreichbar.

Er stimme mit den US-Forschern darin überein, dass die Kohle auch zukünftig eine wichtige Rolle in der globalen Energiegewinnung spielen wird. "Genau deshalb ist die Sequestrierung so wichtig", so der Wirtschaftsfachmann. Die Zahlen aus dem MIT-Bericht untermauern das Potential der Technik. Ohne Sequestrierung werde sich der globale CO2-Ausstoß durch Kohlenutzung von neun Gigatonnen im Jahr 2000 auf 32 Gigatonnen im Jahr 2050 mehr als verdreifachen. Bei einer funktionierenden Sequestrierung falle jedoch nur ein Bruchteil dieser Emissionen an: drei bis fünf Tonnen im Jahr 2050 - je nachdem, wie stark die Kernenergie ausgebaut werde.

"Perverser Anreiz" für den Bau schmutziger Kraftwerke

Deutch, unter Präsident Bill Clinton Direktor des Auslandsgeheimdienstes CIA, kritisierte die jetzige US-Regierung unter Präsident George W. Bush: Sie treibe Projekte zur CO2-Sequestrierung zu langsam voran. Drei oder vier Anlagen, die etwa eine Million Tonnen Kohlendioxid pro Jahr tief in der Erde lagern könnten, sollten so schnell wie möglich gebaut werden.

Die US-Regierung plant bereits ein solches Vorhaben: das experimentelle Kohlekraftwerk "FutureGen", das 2012 in Betrieb gehen soll. Präsident Bush hat der CO2-Sequestrierung zumindest offiziell hohe Priorität eingeräumt. Doch die MIT-Experten werfen der Regierung vor, dass ihre Programme für die saubere Kohlenutzung "weit hinter dem Notwendigen zurückbleiben". Scharfe Kritik übten die Wissenschaftler an der auch in Deutschland praktizierten Gratis-Zuteilung von Verschmutzungsrechten. Das sei ein "perverser Anreiz", neue Kohlekraftwerke ohne Sequestrierungstechnik zu bauen.

Die Bush-Regierung hat im vergangenen Monat beim Kongress für das nächste Haushaltsjahr knapp 600 Millionen Dollar (455 Millionen Euro) für Forschung und Entwicklung bei der Kohlenutzung beantragt. Darin enthalten sind umgerechnet 60 Millionen Euro für die Sequestrierung und 82 Millionen Euro für das FutureGen-Kraftwerk.

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