Studie zum 1,5-Grad-Ziel Forscher fordern kompletten Kohleausstieg bis 2030

Wie schnell sollte Deutschland aus der Kohleverstromung aussteigen? Bis zum Ende des kommenden Jahrzehnts, sagen Forscher - wenn es mit einem ehrgeizigen Klimaziel noch etwas werden soll.

Braunkohlekraftwerk Neurath (Archivbild)
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Braunkohlekraftwerk Neurath (Archivbild)


Monatelang hatten die 91 Autoren um jede Formulierung gerungen. Sie hatten rund 6000 wissenschaftliche Studien ausgewertet, hatten 42.001 Kommentare aus Wissenschaft und Politik bearbeitet - dann, zum Start der zweiten Oktoberwoche, war der jüngste Sonderbericht des Uno-Weltklimarates IPCC fertig. Seine Botschaft: Zumindest theoretisch hat die Menschheit noch die Chance, die Erderwärmung auf anderthalb Grad im Vergleich zur Zeit vor der Industriellen Revolution zu begrenzen.

Und das würde sich durchaus lohnen: So hätten zum Beispiel noch ein paar der Korallenriffe in den Weltmeeren die Chance zum Überleben, würde das sommerliche Meereis in der Arktis zumindest noch in Teilen bestehen bleiben - und so weiter. Dafür müsste allerdings weltweit zum Beispiel die Nutzung von Kohle zur Stromerzeugung "schnell reduziert" und bis zum Jahr 2050 komplett eingestellt werden, so die Forscher in ihrem Bericht.

Handlungsempfehlungen oder gar -anweisungen darf der IPCC nicht geben - und das ist sicher auch gut so. Doch was bedeuten die Botschaften der Wissenschaftler dann konkret etwa für Deutschland, wo seit Jahren über die Zukunft der besonders klimaschädlichen Stromerzeugung aus Braunkohle gestritten wird?

"Die nächsten Jahre sind entscheidend, damit unser Planet nicht aus dem Gleichgewicht gerät", sagte Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) nach der Veröffentlichung des IPCC-Sonderberichts. Das Forschungsinstitut Climate Analytics aus Berlin hat nun einen Bericht vorgelegt, wie schnell der deutsche Kohleausstieg vonstattengehen müsste, um kompatibel zu einem Klimaziel von nur anderthalb Grad Erwärmung zu sein. Grundlage sind Modellrechnungen, bei denen es darum geht, die weltweiten Klimaschutzanstrengungen zu den niedrigsten Kosten zu erreichen.

Aktuell kommen 37 Prozent der deutschen Bruttostromerzeugung aus Kohle. Der neuen Studie zufolge müsste es einen kompletten Ausstieg bis zum Jahr 2030 geben. Nennenswerte Kraftwerkstillegungen seien aber bereits deutlich vor diesem Zeitpunkt nötig, so die Forscher. "Nach dem von uns in diesem Bericht vorgeschlagenen Pfad müssten bis 2020 rund 16 Gigawatt (GW) Kohlekraftwerksleistung stillgelegt werden, was ein wichtiger Schritt zur Erreichung des deutschen Emissionsminderungsziels 2020 wäre", so Paola Yanguas Parra, die Leiterin der Studie.

Zwei verschiedene Ausstiegsszenarien - beide drastisch

Daraus, so die Wissenschaftler, ergäbe sich allerdings auch ein handfester Vorteil: Deutschland hätte eine gute Chance, sein selbstgestecktes Klimaziel bis zum Jahr 2020 doch noch zu erreichen, das eigentlich längst aufgegeben ist. Dafür sei es nötig, die CO2-Emissionen aus der Kohleverstromung bis dahin um 42 Prozent im Vergleich zu 2017 zu reduzieren - oder anders ausgedrückt: um 60 Prozent im Vergleich zu 1990. Weil in den vergangenen Jahren so wenig passiert ist, wären nun solch drastische Einschnitte nötig.

Die Forscher stellen in ihrer Studie zwei verschiedene Varianten für den Ausstieg aus der Kohleverstromung vor. Bei einer werden zunächst die klimaschädlichsten Kraftwerksblöcke geschlossen, bei der anderen die am wenigsten wirtschaftlichen Blöcke. Im Rahmen eines geplanten und strukturierten Kohleausstiegs seien die Herausforderungen der Versorgungssicherheit und die Zuverlässigkeit der Stromversorgung in beiden Fällen beherrschbar, so die Forscher.

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Ähnlich hatten sich in der Vergangenheit bereits Forscher des Fraunhofer-Instituts für Energiewirtschaft und Energiesystemtechnik in Kassel geäußert, die im Auftrag von Greenpeace ein Szenario für einen schnellen Kohleausstieg durchgerechnet hatten, der ein Erreichen der Klimaziele zum Ende des Jahrzehnts noch möglich machen würde. Sie hatten eine Stilllegung von 6,1 GW Kraftwerksleistung bei gleichzeitigem massivem Ausbau der erneuerbaren Energien bis 2020 vorgeschlagen.

"Weltweit relevantes Signal"

Der aktuelle Bericht wird vor der nächsten Sitzung der Kohlekommission veröffentlicht. Sie arbeitet seit Juni und soll Empfehlungen zum konkreten Ausstiegsszenario machen. Der Ausstiegszeitpunkt, den die Kommission für Deutschland empfehlen werde, "wird ein weltweit relevantes Signal setzen", so Bill Hare von Climate Analytics.

Das Problem: "Der Kohleausstiegzeitraum bis 2030 ist viel schneller als die Richtwerte, die bisher in der Kohlekommission von Regierungsvertretern als angemessener Beitrag der Kohleverstromung zu den deutschen Minderungszielen diskutiert wurden", heißt es in der Zusammenfassung des Climate-Analytics-Berichts.

IPCC-Autor Hans-Otto Pörtner hatte, gefragt nach dem deutschen Tempo beim Kohleausstieg, kürzlich im Gespräch mit dem SPIEGEL erklärt: "Der drohende Verlust von 20.000 Arbeitsplätzen kann die nationale Umstellung auf ein nachhaltiges Wirtschaften nicht verzögern." Das, so der Wissenschaftler, sei seine "Privatmeinung". Aber: Der Ausstieg dürfe nicht hinausgeschoben werden. Das Land sei wohlhabend genug, den nötigen Strukturwandel finanziell zu unterstützen.

Was das allerdings heißen könnte, hat Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Rainer Haseloff vor einigen Tagen erklärt: Für einen sozialverträglichen Kohleausstieg wären aus seiner Sicht 60 Milliarden Euro nötig.

Video: Protest gegen Braunkohle

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chs



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