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Kohleverstromung: CO2-Schleudern sollen grün werden

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Kraftwerk Jänschwalde (November 2006): "Einer der Lösungsansätze in der Klimaproblematik" Zur Großansicht
dapd

Kraftwerk Jänschwalde (November 2006): "Einer der Lösungsansätze in der Klimaproblematik"

Kompliziert, teuer - aber klimaschonend: Die Energiewirtschaft arbeitet mit Hochdruck an einer Technologie, um Kohlekraftwerke CO2-arm zu machen. In der kommenden Woche geht die erste Pilotanlage dazu an den Start, doch viele Probleme sind noch ungelöst.

Ein entlegenes Fleckchen in Brandenburg war in den vergangenen Wochen und Monaten ein überaus beliebtes Ziel für Politikerreisen: das Gelände des Braunkohlekraftwerks Schwarze Pumpe bei Spremberg. SPD-Chef Kurt Beck war da, Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee auch und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck gleich mehrfach.

Der Energieversorger Vattenfall hat hier innerhalb von zwei Jahren eine Pilotanlage gebaut, die zeigen soll, wie bei einem Braunkohlekraftwerk das Treibhausgas Kohlendioxid abgetrennt werden kann - die Technologie mit dem Fachterminus Carbon Capture and Storage, kurz CCS, spielt zukünftig eine entscheidende Rolle bei der Stromerzeugung aus Kohle. Nur sie kann der klimaschädlichen Kohleverstromung den dringend nötigen grünen Touch geben.

Am Dienstag geht das 70 Millionen Euro teure Prestigeprojekt offiziell an den Start. Zur Inbetriebnahme haben sich mehrere Vattenfall-Top-Manager sowie Kanzleramtsminister Thomas de Maizière (CDU) angekündigt - und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) will auch schon wieder kommen.

In Wahrheit läuft der Komplex aber bereits seit einigen Tagen - damit die Honoratioren bei der Eröffnung am Dienstag auch tatsächlich CO2 zur Verfügung haben, um es in einen bereitstehenden Tankwagen abzufüllen. Die Anlage, mit der vor allem die technische Machbarkeit des Konzepts bewiesen werden soll, steht rund 350 Kilometer vom Speicherort für das CO2 entfernt. In einer fast ausgebeuteten Erdgaslagerstätte im Norden Sachsen-Anhalts will Vattenfall in den kommenden drei Jahren 100.000 Tonnen CO2 aus Schwarze Pumpe einlagern.

Die CCS-Technologie ist längst nicht marktreif, viel bleibt noch zu tun:

  • Die Kraftwerkstechnik ist noch in der Entwicklung. Die aktuelle Pilotanlage hat gerade einmal eine Leistung von 30 Megawatt. Im Jahr 2015 will Vattenfall zwei Demonstrationskraftwerke in Deutschland und Dänemark errichten. In denen soll dann im Gegensatz zur Pilotanlage auch Strom erzeugt werden. Wichtig ist, dass die Technologie, an der Vattenfall arbeitet, nur in komplett neuen Kraftwerken zum Einsatz kommen kann. Eine Nachrüstung ist nicht möglich. Konkurrent RWE hat ebenfalls ein CCS-450-Megawatt-Demonstrationskraftwerk in Hürth angekündigt. Marktreif ist CCS erst, wenn damit auch große 1000-Megawatt-Kraftwerke ausgerüstet werden können. Ein Grundproblem ist, dass der Wirkungsgrad der CCS-Kraftwerke deutlich unter der von aktuellen Kraftwerken liegt.

  • Die Speichertechnik wird auch gerade erst getestet. Das wichtigste Projekt in Deutschland findet sich westlich von Potsdam. Hier leiten Wissenschaftler des Geoforschungszentrums Potsdam seit zwei Monaten CO2 über mehr als 800 Meter tiefe Bohrungen in eine alte Gaslagerstätte - binnen zwei Jahren 60.000 Tonnen. Die Frage ist: Wie verhält sich das Klimagas eigentlich im Boden - und wie lange bleibt es dort? Denn das Gas muss - je nachdem, wen man fragt - zwischen 1000 und 10.000 Jahren im Boden bleiben, damit es überhaupt positive Effekte für das Klima gibt.

  • Auch der Transport des CO2 ist noch weitgehend ungeklärt. Bisher fehlt ein Rechtsrahmen für den Bau von speziellen Pipelines zwischen Kraftwerken und Lagerstätten. Auf europäischer Ebene wird gerade über einen Richtlinienentwurf debattiert. Der Neubau von Pipelines in Deutschland dürfte auf größere öffentliche Widerstände stoßen.

Die Energiewirtschaft setzt große Hoffnungen in die Abtrennung von Kohlendioxid, die bestenfalls im Jahr 2020 marktreif werden dürfte - und damit zu spät kommt, um kurzfristige Klimaziele zu erreichen. Trotzdem ist der politische Druck groß, dass das Projekt gelingt. Deutschland brauche "neue, leistungsfähige Kraftwerke, dazu gehören effiziente, moderne Kohlekraftwerke", sagte Kanzlerin Angela Merkel in dieser Woche.

Umweltverbände kritisieren, dass die Entwicklungskosten für die Abtrennungstechnologie zu hoch sind und der Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohleverstromung gebremst wird. Für den Dienstag hat ein Bündnis von 99 Organisationen mit dem Namen "Klima-Allianz" zu einer Demonstration in Schwarze Pumpe eingeladen.

Bei seinem Besuch in Schwarze Pumpe vor knapp drei Wochen zeigte sich SPD-Chef Beck mittelmäßig beeindruckt: "Man sieht deutlich, dass es weit mehr als nur ein theoretischer Ansatz ist", formulierte er höflich. "Es ist einer der Lösungsansätze in der Klimaproblematik", so der Parteichef. Ein Allheilmittel ist CCS wohl nicht.

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CO2-Abtrennung: Kompliziert, teuer - aber klimaschonend


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