Ausgegraben

Ausgegraben Schöner Wohnen im Kolosseum

Von

Cristiano Brughitta

Im Kolosseum in Rom fanden über 400 Jahre lang brutale Kämpfe statt. Nicht nur Gladiatoren, sondern auch zum Tode Verurteilte tränkten den Sand der Arena mit Blut. Später wurde der Ort zum beliebten Wohnort - wie Archäologen nun entdecken.

Zu Zeiten der großen Gladiatorenkämpfe berauschten sich die Zuschauer an der Vollstreckung der Todesurteile. Die Menschen in Rom hatten bei der Beobachtung der Kämpfe zwei Möglichkeiten: Entweder sie sahen die "damnatio ad bestias", bei der wilde Tiere den Verurteilten zerfleischten, oder die "damnatio ad ferrum", bei der zwei Todgeweihte bis zum Ende kämpfen mussten. Hunderttausende Menschen und Millionen von Tieren ließen ihr Leben in dem 54 mal 86 Meter großen Oval mitten in Rom.

Nach der Hatz kam der Appartementblock

Doch irgendwann war der Blutrausch vorüber. Rom war christlich geworden und die öffentlichen Gewaltorgien damit vorüber. Nach der letzten Tierhatz, veranstaltet im Jahr 523 unter der Herrschaft des Kaisers Theoderich, stand die Immobilie zunächst leer. Die Mauern des im ersten Jahrhunderts erbauten Prachtbaus dienten den Römern als bequemer Steinbruch mitten in der Stadt.

Die ramponierte Immobilie im Herzen Roms war jedoch viel zu attraktiv, um dem Verfall anheim gegeben zu werden. Bauschäden hin oder her - solange noch Außenmauern standen, konnte man auch drin wohnen. So wurde das Kolosseum im späten sechsten Jahrhundert nach Christus zum Appartmentblock. Und nicht nur das: Zusätzliche Ställe und Werkstätten machten das Gemäuer zu einem lebendigen Ensemble, von dem moderne Städtebauer oft nur träumen können. Die Arena, einst Schauplatz für Todesqualen, diente den Bewohnern als zentraler, offener Markt- und Versammlungsplatz.

Findige Bewohner nutzen Auffangrinnen

Drei Wochen lang haben Archäologen im Juni unter der Leitung von Riccardo Santangeli Valenzani von der Universität Rom Tre zwischen den Ruinen nach den Spuren dieser Jahre gesucht. Sie fanden Scherben der groben Keramik, in der die Bewohner des Kolosseums kochten, eine Krippe für Tierfutter und Alltagsgegenstände - wie eine kleine Affenstatuette, die vielleicht einmal zu einem Schachspiel gehört hatte.

Doch auch die Infrastruktur der Wohnanlage interessierte die Ausgräber. Sie konnten Teile der Wasserversorgung verfolgen, deren Röhren und Kanäle noch aus der Zeit der Erbauung stammten: Auffangrinnen sammelten das Regenwasser und leiteten es in einen Kanal, der um das Gebäude herum lief. Von dort aus führten Leitungen zurück in das Kolosseum, wo das Regenwasser an verschienen Stellen dem System wieder entnommen werden konnte. Die findigen Bewohner der Anlage nutzten dieses System - obwohl es bereits Jahrhunderte alt war.

Natürlich wurde aber auch fleißig umgebaut. Die Archäologen entdeckten einen späteren Eingang in das Kolosseum, der erst vom 14. Jahrhundert an genutzt wurde. Der Fußboden an der Stelle zeugt vom regen Durchgangsverkehr. Etwa in der Mitte des Mauerdurchgangs konnten die Bewohner den Weg mit einer Pforte verschließen. Vor dem Eingang erzählen Löcher in der Mauer noch von den Ringen, an denen Besucher ihre Esel und Pferde festmachen konnten.

"Über Jahrhunderte war das Kolosseum ein wichtiger Teil der mittelalterlichen Stadtlandschaft", kommentiert Valenzani in einer Pressemitteilung. "Mit den derzeitigen Ausgrabungen bringen wir Aspekte zu Tage, die uns helfen, die innerstädtische Organisation dieser Geschichtsperiode zu rekonstruieren. Die Entdeckung eines möglichen Haupteingangs in das Gebäude macht einen wichtigen Teil dieser Rekonstruktion aus."

Schuh-Milliardär investiert in Erhaltung

Derzeit wird im Kolosseum nicht nur gegraben, sondern auch restauriert. Der italienische Milliardär Diego Della Valle, Gründer des Schuhimperiums Tod's, steckt 25 Millionen in die Erhaltung des maroden Bauwerks. Drei Jahre sollen die Arbeiten dauern, im kommenden Jahr, so der Plan, werden dann ein Viertel mehr an Gängen und Räumen für Besucher zugänglich sein als zu Beginn der Arbeiten. Im Gegenzug verlangt Della Valle nicht viel. Nur, dass sein Schuhfirmen-Logo auf den Eintrittskarten und auf den Abdeckplanen während der Bauarbeiten stehen darf.

Das antike Bauwerk für Werbezwecke zu nutzen, mag einigen Kritikern seltsam vorkommen. Doch ohne Della Valle wäre das stark beschädigte Gebäude bald nicht mehr zu retten gewesen. Geld ist in Italien für die Archäologie derzeit kaum übrig. Das spürten auch die Ausgräber der mittelalterlichen Wohnanlage: "Diese Ausgrabung musste in einer Zeit der römischen Wirtschaftskrise mit sehr knappen Mitteln auskommen", gibt das Team in der Pressemitteilung ganz offen zu.

"Wissenschaftliche archäologische Forschung verfügt derzeit über sehr wenig ginanzielle Ressourcen", erläutert die wissenschaftliche Grabungsleiterin und Direktorin des Kolosseums Rossella Rea. "Aber Dank dieser kleinen Ausgrabungen konnten wir eine komplette Land-Parzelle aus dem Mittelalter besser verstehen."



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11 Leserkommentare
mark.dettinger 16.07.2014
darthmax 16.07.2014
seneca55 16.07.2014
Ulphus 16.07.2014
gisela.schwan 16.07.2014
Danyr2d2 16.07.2014
Haywood Ublomey 17.07.2014
Koda 17.07.2014
bern.hard 17.07.2014
Ulphus 17.07.2014
roklu 18.07.2014

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