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Koma-Medizin: Lebenszeichen aus der Finsternis

Von Chris Löwer

Durchleben Menschen im Koma ein langes, dunkles Nichts? Neue Forschungsergebnisse lassen das immer zweifelhafter erscheinen. Wissenschaftler ergründen, was Komapatienten wahrnehmen - und wie man mit ihnen Kontakt aufnehmen kann, um sie zurück ins Bewusstsein zu holen.

Für den 21-Jährigen sah es nach einem schweren Motorradunfall nicht gut aus. Mehrere Knochenbrüche, ein schweres Schädelhirntrauma, tiefes Koma. Was Ärzte des Evangelischen Krankenhauses in Oldenburg und Angehörige stutzig machte: Immer wenn die Freundin des Verunglückten ins Zimmer kam, schlug sein Herz schneller.

Dazu brauchte es keine Umarmung, kein Hallo, keinen Kuss. Später war es auch die Freundin, der es als Erste gelang, den Patienten zu füttern. Der vermeintlich völlig Abwesende schien mehr zu spüren und zu fühlen, als es Intensivmediziner gemeinhin für möglich hielten. Immer öfter drängt sich in solchen Fällen die Frage auf: Was nehmen Menschen im Koma wahr?

Mehr als früher vermutet, ergab ein Forschungsprojekt an der Universität Oldenburg. "Menschen im Koma und Wachkoma verfügen über die Fähigkeit, innerlich auf Reize zu reagieren, noch bevor es zu äußerlich wahrnehmbaren Verhaltensänderungen kommt", sagt Neurochirurg Andreas Zieger vom Evangelischen Krankenhaus Oldenburg.

Rund 40.000 Menschen pro Jahr fallen in Deutschland für unterschiedlich lange Zeit ins Koma. Zwischen 3000 und 5000 von ihnen werden Wachkoma-Patienten. "Solange ein Mensch lebt, nimmt er etwas wahr und ist über Empfindungen und Bewegungen mit der Umwelt verbunden", sagt Zieger zu SPIEGEL ONLINE. "Und er ist auch zu winzigen Zeichen fähig."

Diese für Außenstehende kaum beobachtbaren Reaktionen zeigen sich beim Messen der Hirnströme. "Derartige Reaktionen lassen sich am besten bei Reizangeboten von vertrauten Angehörigen, aber auch im Rahmen einer gezielten Koma-Stimulation nachweisen", ergänzt der Neurochirurg. Zeigen sich solche Reaktionen, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Patient wieder aus der tiefen Bewusstlosigkeit aufwacht.

Klinische Belege für Reaktionen Komatöser

"Inzwischen ist es wissenschaftlich erwiesen, dass Komapatienten taktile und andere Reize wahrnehmen, verarbeiten und unter anderem mit einer Herzfrequenzänderung beantworten", sagt Zieger. Und mit einem veränderten Herzschlag verändern sich Atmung, Blutdruck und Körperspannung, was wiederum durchaus ein Erwachen anregen kann.

Der Rat, Patienten nicht aufzugeben und sich mit ihnen intensiv zu beschäftigten, ist alt. Schon in der Antike mahnte der griechische Arzt Hippokrates von Kós (460-375 vor Christus) dazu, Komapatienten starken Reizen auszusetzen, um sie nicht zu verlieren. Zwar sieht Koma für Außenstehende oft wie Bewusstlosigkeit aus, weil keine Kommunikation möglich ist. Letzte Sicherheit darüber, was ein solcher Patient von seiner Umwelt wahrnimmt, gibt es allerdings nicht.

Diese Erkenntnis ist zwar wissenschaftlich nicht besonders belastbar, hat aber in der Praxis durchaus Konsequenzen für den Umgang mit Komapatienten. Thomas Kammerer von der Uniklinik München-Großhadern ist sicher, dass, egal in welche Art Koma jemand fällt, er immer etwas emotional registriert und entsprechend reagiert. "Das kann ein wenig dauern, etwa wie bei einem Patienten, der auf Klänge nach etwa 20 Minuten mit einer verstärkten Atmung reagiert."

Leben am Rande des Todes

Kammerer ist nicht Arzt, sondern Klinikpfarrer in Großhadern, und hat im vergangenen Winter den Kongress "Traumland Intensivstation" mitveranstaltet. Psychologen, Pfleger, Seelsorger und Mediziner haben dort darüber diskutiert, wie viel Kommunikation mit den Komatösen möglich ist und wie sie aussehen sollte.

"Aus dieser Sicht ist ein Koma kein passiver Zustand, sondern eine aktive, bis auf tiefste Bewusstseinsebenen zurückgenommene, extreme Art des Lebens am Rande des Todes", sagt Kammerer. Er geht wie eine Reihe von Medizinern davon aus, dass dieser Zustand eine Schutzfunktion darstellt, die es ermöglicht, Grenzsituationen zu überstehen.

Das ist keine reine Interpretation, überprüfbare Einsichten liefert die Hirnforschung: So ähnelt das tiefe Koma dem traumlosen Schlaf und ist eine Art energiesparendes Notfallprogramm des Körpers. Der reagiert nicht mehr auf kräftezehrende Schmerzreize, doch der Hirnstamm erzeugt noch Reflexe, die dazu führen, dass geschluckt wird, sich Lider bewegen oder gewürgt wird. Die Hirnaktivität lässt sich mit einem Elektroenzephalogramm (EEG) überwachen - dem Werkzeug, mit dem Forscher der Wahrnehmung Komatöser auf die Schliche kommen, Empfindungen und äußerlich nicht sichtbare Reaktionen nachweisen.

Das ethische Dilemma - kann und darf man bei einem Komatösen die lebenerhaltenden Maschinen abschalten - wird durch jeden Erkenntnisfortschritt größer. Die Statistik zeigt zwar deutlich, dass die Chancen wieder aufzuwachen, mit jedem weiteren Tag im Koma abnehmen. Dennoch schrecken Ärzte schon heute davor zurück, etwa die künstliche Ernährung abzuschalten, auch wenn eine entsprechende Patientenverfügung vorliegt. Nicht zuletzt ist es die Angst vor dem willenlosen Dahindämmern im Koma, die Menschen motiviert, für sich selbst lebensverlängernde intensivmedizinische Maßnahmen abzulehnen.

Neurologen ermahnen Ärzte mit lockerem Mundwerk

Untersuchungen an der Uni Tübingen ergaben, dass jeder vierte Patient, der als völlig weggetreten gilt, selbst auf Reize wie sinnlose Sätze reagiert. Auch gesunde Menschen merken bei so etwas auf, was anhand der sogenannten N-400-Welle gemessen wird. Eine ähnliche, aber verdeckte Reaktion ("covert behaviour") konnten Neuropsychologen bei Komatösen messen. Unansprechbare, folgern die Experten, registrieren sehr wohl, was gesprochen wird. Aus dem körperlich verwandten Zustand der Narkose existieren dafür beeindruckende Beispiele.

Neurochirurg Zieger schildert einen Fall, bei dem ein wohlbeleibter Mann mehr unter Vollnarkose mitbekam, als den behandelnden Ärzten lieb sein konnte: "Während der Operation machten sich verschiedene Ärzte lauthals über den 'Schweinebauch' lustig. Die Operation dauerte einige Stunden. Unmittelbar nach dem Erwachen aus der Narkose beklagte sich der Patient bei den Umstehenden bitterlich, dass er kein 'Schweinebauch' sei." Der tief Gekränkte war außer sich und nur schwer zu beruhigen.

Deshalb, glaubt Zieger, sollte man auch am Bett von Komapatienten seine Worte mit Bedacht wählen. "Herabsetzende Äußerungen und negative Prognosen am Krankenbett von Komapatienten", so der Neurochirurg, "können den Genesungsverlauf belasten und unbewusst verhaltenswirksam bleiben."

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Intensivmedizin: Kommunikation mit Komatösen

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