Klimagipfel-Vertrag Freut Euch - aber nicht zu früh

"Ein Tag für die Geschichtsbücher", "Meilenstein", "historisches Ereignis". Der Klimavertrag von Paris verdient solches Lob. Aber klar ist auch: Die Erderwärmung wird die Welt weiter grundlegend ändern.

Ein Kommentar von , Paris

Frankreichs Staatschef Hollande umarmt Uno-Klimachefin Figueres: Reicht der Deal von Paris aus?
REUTERS

Frankreichs Staatschef Hollande umarmt Uno-Klimachefin Figueres: Reicht der Deal von Paris aus?


Ach, wenn Neil Armstrong das noch erleben könnte! Der Klimavertrag von Paris werde "ein großer Schritt für die ganze Menschheit sein" - so hatte es Frankreichs Außenminister Laurent Fabius den Reportern vor der entscheidenden Nachtsitzung in Blöcke, Mikrofone und Kameras diktiert. Das klang verdammt nach Mondlandung. Und auf eine Art stimmt das auch: In Paris ist Geschichte geschrieben worden, auch dank Fabius und seinen Leuten. Zum ersten Mal überhaupt gibt es einen umfassenden Vertrag, der alle Staaten der Welt auf den Klimaschutz verpflichtet.

Zur Erinnerung: Das Kyoto-Protokoll von 1997 legte nur Industrieländern Ziele auf - außerdem hatten die USA den Text nicht ratifiziert, andere Staaten wie Kanada stiegen später einfach aus. Jetzt stehen wir am Beginn einer neuen Weltordnung. Das rechtfertigt auch all die pathetischen Reden, die zum Abschluss des Gipfels im Plenum gehalten wurden. Die Klimadiplomaten der Welt können stolz auf sich sein. Nach all den Jahren der Frustration sei es ihnen von Herzen gegönnt.

Nun aber zu einer eher unangenehmen Wahrheit: Trotz Paris wird sich unsere Welt wahrscheinlich tiefgreifend verändern. Und erst einmal nicht zum Besseren. Das CO2, das wir bereits ausgestoßen haben - und das wir auch in den Jahren nach dem Gipfel noch munter aus unseren Kraftwerken, Fabriken, Autos, Schiffen und Flugzeugen blasen werden - bleibt lange in der Atmosphäre.

Korallenriffe haben kaum eine Chance

Die Erderwärmung lässt sich nicht von einem auf den anderen Tag abstellen. Es ist nicht wie zu Hause, wo man notfalls mal schnell durchlüften kann, wenn es im Wohnzimmer zu warm ist.

Die Beschlüsse von Paris führen nach Berechnungen zu einem Plus bei der Durchschnittstemperatur von ungefähr 2,7 Grad, verglichen mit der Zeit vor der Industrialisierung - immerhin mit Chancen auf Besserung, weil die Klimazusagen der Staaten nun alle fünf Jahre nachgeschärft werden sollen.

Aber: Schon bei einem Temperaturanstieg von zwei Grad haben viele Korallenriffe in den Weltmeeren wohl kaum eine Chance zu überleben, sagen Experten. Selbst bei 1,5 Grad sieht es vielerorts nicht gut aus. Auch das sommerliche Meereis in der Arktis wird nach Ansicht der Wissenschaftler bei einem Temperaturplus von zwei Grad mit großer Wahrscheinlichkeit komplett verschwinden. Die Region erwärmt sich deutlich schneller als alle anderen Gegenden der Erde.

Ozeanversauerung durch das CO2, Meeresspiegelanstieg durch tauende Gletscher und Eisschelfe - all das wird auf lange Sicht weitergehen. Menschen werden sich eine neue Heimat suchen, die Flüchtlingsbewegungen zunehmen. Forscher diskutieren darüber, ob gar das Eis der Westantarktis womöglich inzwischen instabil geworden ist. Falls ja, würde das über Jahrhunderte die Pegel steigen lassen. Vielleicht um insgesamt drei Meter, vielleicht auch mehr. Und dann ist da auch noch Grönland - auch dort taut es massiv.

Aktives Entfernen von CO2 aus der Luft kann niemand wollen

Paris hat noch einmal klar gemacht: Wenn die verabschiedeten Ziele ernst gemeint sind, dann muss sich die Menschheit schnell von Kohle, Gas und Erdöl verabschieden. Mit unterschiedlicher Geschwindigkeit in verschiedenen Teilen der Welt, das sollte man fairerweise auch sagen. Stichwort: Armutsbekämpfung. Für uns in den reichen Ländern heißt das aber auch: Wir müssen besonders schnell von lieb gewonnenen Energieträgern lassen. Also müsste zum Beispiel in Deutschland zügig aus der Kohleverstromung aussteigen.

Das aktive Entfernen von CO2 aus der Luft, wie es vor allem nötig sein dürfte, um ein Temperaturziel von 1,5 Grad zu erreichen, kann kaum jemand ernsthaft wollen. Zu groß sind die technischen und politischen Unsicherheiten.

Als Pessimist könnte man sagen, dass der Deal von Paris nicht ausreicht, um das Klima zu retten. Wegen all der Veränderungen, die trotzdem zu erwarten sind. Wegen der Frage, ob sich alle Staaten an ihre selbstauferlegten Verpflichtungen halten werden.

Als Optimist wiederum könnte man anführen, dass der Gipfel die Welt auch gar nicht retten musste. Natürlich könnten sich die Staaten auch von sich aus mehr für den Klimaschutz anstrengen - und vielleicht werden die Kräfte des Marktes sie auch eher früher als später genau dazu bringen. Wenn erneuerbare Energien weiter mit dem Tempo der vergangenen Jahre billiger werden, wenn zum Beispiel China die Vorteile des Klimaschutzes auch für die Luftreinheit erkennt, dann passiert die Umstellung auf eine kohlenstofffreie Wirtschaft vielleicht tatsächlich schneller, als sich die meisten hier in Paris vorstellen konnten.

Das wäre dann tatsächlich beinahe wie eine Mondlandung. So kompliziert. So faszinierend. Und sogar noch ein bisschen historischer.

Was steht im Welt-Klimavertrag? Hier die wichtigsten Punkte.

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thomasbär 12.12.2015
1. das wird die Erde aber beeindruckend, dass sich Politiker für 'Erfolge' feiern.
am Wunschzettel hin-und hergeschrieben, wird überhaupt keine Folgen haben, Politikergeschwafel halt.
wurzelbär 12.12.2015
2. Die Erderwärmung
wird die Welt weiter grundlegend ändern. "Ein Tag für die Geschichtsbücher", "Meilenstein", "historisches Ereignis". Besser kann man wieder einmal die politischen Entscheidungen, zur Vorbereitung weiterer Krisen nicht beschreiben. >"Sie haben nichts erreicht"< was unseren Planeten und Lebensraum erhalten kann. Aber Sie haben die wirtschaftlichen und finanziellen Wertabschoepfungen weiteren Zugriff zur eigenen Gewinnmaximierung erhalten.
toskana2 12.12.2015
3. perfekt
Der perfekte Titel, der alles sagt: "Freut Euch - aber nicht zu früh!"
Ticki 12.12.2015
4. Schämt euch
Wer morgen aus dem Haus geht wird Autos fahren sehen, die Kraftwerke rauchen und Kondenstreifen am Himmel. Wer den Klimawandel beenden will, MUSS die Autos, Kohlekraftwerke und den Luftverkehr abschaffen. Heizen nur noch mit Erdwärme, regenerative Energie einsetzen. Weltweit. Nur einige der wichtigen Punkte. Das läßt sich nicht in wenigen Jahren bewerkstelligen. Und kostet. Bis dahin leben mehr als 8 Milliarden Menschen auf der Erde. Diese müssen ernährt werden. Wer glaubt an einen Meilenstein? Nein, es ist längst zu spät. Entweder ist unser Planet zu klein, oder die Menschheit zu groß. Einen neuen Planeten gibt es nicht. Man muß den Bürgern die Wahrheit sagen. Die ist, das wir den Kampf verloren haben.
Dio_genes 13.12.2015
5. Erde
Abgesehen davon, dass ich ein großer Freund der Erderwärmung bin (die Erde hat schon viel heftigere Erwärmungsphasen überlebt und der Mensch wird sich schon anpassen - und wenn nicht, auch nicht tragisch), handelt es sich mal wieder nur um Aktionismus und leere Versprechungen. Die wachsende Erdbevölkerung ist das Hauptproblem. Die wollen materielle Dinge, für deren Erzeugung nunmal Energie und CO2 benötigt werden - massenhaft und immer mehr. Frau Merkel und ihre Kollegen glauben, dass sich das Wetter von einer Unterschrift auf dem Papier beeindrucken lässt? Merkel ist doch die Erste, die dicke deutsche Autos vor höheren Abgaswerten schützt. Sie ruft ja persönlich beim EU-Kommissar dafür an. Sie lässt auch weiter fleissig Kohle abbauen - nix da mit weniger. Alles was die Wirtschaft belasten könnte wird nicht gemacht. Alle können lustig weiter die Umwelt verschmutzen - Mutti ist es wurst. Und die anderen Regierungen der Welt (vor allem die größten Verschmutzer USA, sowie die Bevölkerungsreichsten Länder China und Indien und alle Länder, die entwicklungstechnisch - und damit umweltverschmutzend - auf unser Niveau kommen wollen - wer will ihnen das verübeln) werden auch nur das tun, was wirtschaftlich am profitabelsten erscheint. Und das ist nicht die Klimarettung. Insofern: Die millionen Flugstunden der Fachleute zur Vorbereitung von wenig wirksamen Papieren werden die Erderwärmung kaum stoppen. Nur Taten zählen Frau Merkel, nicht Worte oder Papiere.
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