Kongress in Marburg: Massive Kritik am Auftritt von "Homoheilern"

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Streit um einen Psychotherapie-Kongress in Marburg: Ende Mai sollen dort auch Referenten sprechen, die Homosexualität für eine heilbare Krankheit halten. Schwulenvertreter sind empört und verlangen, den Kongress abzusagen.

Man könnte meinen, Homosexuelle hätten in Deutschland nicht besonders viele Probleme mit der Akzeptanz: Gay-Parades gleichen heutzutage Volksfesten, Schwule und Lesben haben Fürsprecher in der Politik und seit acht Jahren existiert das Rechtsinstitut der gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft.

Schwules Paar in einem Coffee Shop (Archivbild): Frühkindliche emotionale Verwundungen?
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Schwules Paar in einem Coffee Shop (Archivbild): Frühkindliche emotionale Verwundungen?

Doch es gibt auch die andere Seite: Unterschwellige Anfeindungen, Diskriminierungen - und Heilungsversuche. Denn noch immer glauben einige Mediziner, Psychologen und Sozialarbeiter, dass Homosexualität eine behandlungswürdige Krankheit sei, wie auch eine Umfrage unter britischen Psychotherapeuten kürzlich zeigte. Dass mindestens zwei Vertreter dieser Meinung Ende Mai auf dem Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge an der Phillips-Universität in Marburg ein Forum bekommen sollen, erzürnt jetzt nicht nur Schwule und Lesben - sondern zunehmend auch Politiker und Psychotherapeuten.

Im Kreuzfeuer stehen der Sozialarbeiter Markus Hoffmann und die Kinder- und Jugendärztin Christl Ruth Vonholdt. Hoffmann leitet die Seelsorge- und Beratungsstelle "Wüstenstrom", die von Kritikern als "Umpolungsorganisation" bezeichnet wird. Er soll auf dem Kongress, auf dem bis zu tausend Teilnehmer erwartet werden, ein Seminar zum Thema "Reifung in der Identität als Frau und als Mann" abhalten. Vonholdt vom Deutschen Institut für Jugend und Gesellschaft, das sich als Forschungseinrichtung der evangelikalen Offensive Junger Christen versteht, wird über "weibliche Identitätsentwicklung und mögliche Probleme" sprechen.

Nicht zum ersten Mal präsentieren Hoffmann und Vonholdt ihre Thesen: Auf dem 5. Internationalen Kongress für Psychotherapie und Seelsorge (24. bis 28. Mai 2006 in Marburg) sprach Christl Vonholdt zu dem Thema "Homosexualität verstehen - Chance zur Veränderung" und Markus Hoffman referierte über das "Konzept Homosexualität und Veränderung". Untertitel: "Im Mittelpunkt des Workshops stehen das theoretische Konzept, wie Veränderung therapeutisch gefördert werden kann und Fragen der methodischen Umsetzung."

"Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun"

Wie deutlich Vonholdt Homosexualität in die Sparte der Störungen einordnet, wird in einem Interview deutlich, dass die Ärztin 2004 dem "Rheinischen Merkur" gab. Darin sagte Vonholdt: "Die Ursachen für homosexuelle Empfindungen haben mit frühkindlichen, tiefen emotionalen Verwundungen zu tun, mit chronischen Traumata." Veränderung einer homosexuellen Orientierung sei grundsätzlich möglich, wenn man sich den tiefen, schmerzhaften Konflikten stelle.

"Mit Wissenschaft hat das nichts zu tun", meint Klaus Jetz, Geschäftsführer des Lesben- und Schwulenverbandes in Deutschland (LSVD). "Wer Homosexualität heilen und Schwule oder Lesben umpolen will, ist homophob." Die Referenten betrachteten Homosexualität als Krankheit und träten als "Homoheiler" auf.

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE war Christl Ruth Vonholdt nach Auskunft ihres Instituts nicht bereit, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Die von Hoffmann geleitete Seelsorge- und Beratungsstelle "Wüstenstrom" teilte auf Anfrage mit, in dem in Marburg geplanten Seminar wie auch auf dem gesamten Kongress gehe es nicht um Homosexualität, sondern um die Identität des Menschen. Wüstenstrom-Sprecher Stefan Schmidt sprach von "verleumderischen Aussagen von Verbänden und Einzelpersonen". Der Verein arbeite "mit aller ethischen Sauberkeit und Transparenz". Man begleite Menschen, die mit "homosexuellen Empfindungen unglücklich sind genauso, wie solche, die in einer homosexuellen Partnerschaft leben und die Beratung wegen allgemeiner Lebensfragen aufsuchen". Selbstverständlich sei die Beratung "freiwillig, entscheidungsoffen und ergebnisoffen".

Weil der LSVD die Vorträge für eine Diskriminierung hält und deshalb nicht hinnehmen will, hat er in einem offenen Brief an Marburgs Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), den Präsidenten der Philipps-Universität Marburg, Volker Nienhaus, und den Dekan des Fachbereichs Psychologie, Lothar Schmidt-Atzert, gefordert: "Die Universität und die Stadt Marburg sollten deutlich machen, dass sie solche pseudowissenschaftlichen Angebote nicht unterstützen."

Denn für Homosexuelle kann der Versuch, sie heterosexuell auszurichten, durchaus problematisch werden. Dazu stellte die Bundesregierung im vergangenen Jahr fest: "Die vor allem in den sechziger und siebziger Jahren häufig angebotenen so genannten 'Konversions'- oder 'Reparations'-Therapien, die auf eine Änderung von gleichgeschlechtlichem Sexualverhalten oder der homosexuellen Orientierung abzielten, werden heute in der Fachwelt weitestgehend abgelehnt. Dies gründet sich auf die Ergebnisse neuerer wissenschaftlicher Untersuchungen, nach denen bei der Mehrzahl der so therapierten Personen negative und schädliche Effekte (z. B. Ängste, soziale Isolation, Depressionen bis hin zu Suizidalität) auftraten und die versprochenen Aussichten auf 'Heilung' enttäuscht wurden."

Umgang mit Homosexualität nur marginal thematisiert

OB Vaupel distanzierte sich laut "Frankfurter Rundschau" daraufhin von den strittigen Referenten: "Positionen, die sich gegen homosexuelle Identitäten und Lebensweisen richten, lehne ich ab", zitiert die Zeitung Vaupel. Als Oberbürgermeister der Universitätsstadt sehe er jedoch keine Veranlassung, die Ausrichtung des Kongresses in der Marburger Stadthalle zu untersagen.

Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag, Volker Beck, kritisierte die Einladung der Redner scharf: "Die Referenten und ihre einschlägigen Organisationen stellen Lesben und Schwule als defizitär, krank, therapiebedürftig oder sündhaft dar. Sie würdigen sie damit herab." Beck meint: "Solange diese Personen nicht ausgeladen werden, lässt sich der Veranstalter mit diesen Positionen identifizieren. Er erklärt diese menschenfeindlichen Pseudotherapien zumindest für diskutabel."

Die Akademie für Psychotherapie und Seelsorge (APS), Veranstalter des Treffens, wehrt sich hingegen in einer Stellungnahme: "Entsprechend unseres Grundverständnisses zeichnen wir uns durch Meinungsvielfalt aus", heißt es in einer Presseerklärung vom 9. April. "Fundamentalistisches Schwarz-Weiß-Denken liegt uns fern. Deshalb können wir guten Gewissens Versuche zurückweisen, uns als Organisation darzustellen, die homosexuellenfeindliche Angebote unterstützt." Beim Kongress würde der Umgang mit Homosexualität nur marginal thematisiert werden.

Universität lehnt Zensur ab

"Und wenn jemand nur am Rande homophob ist, macht es das besser?", fragt Klaus Jetz vom Lesben- und Schwulenverband im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Bei rassistischen, antisemitischen oder frauenfeindlichen Tendenzen würde man das doch auch nicht tolerieren." Weil die APS sich nicht von den Rednern distanziere, sei nun die Universität in der Verantwortung. "Wir fordern die Universität Marburg auf, den Veranstaltern keine Räume zur Verfügung zu stellen."

Dort sieht man sich jedoch nicht in der Pflicht: "Die Veranstaltung ist breit aufgestellt, daher sieht die Universität keinerlei Grund, sich in die Tagungsinhalte zu mengen", sagte eine Sprecherin. Auch dann nicht, wenn zwei oder drei von 120 Referenten nicht mehrheitsfähige Positionen vertreten. "Die Uni wird keine Zensur ausüben."

Für den Fall, dass Hoffmann und Vonholdt tatsächlich ihre Seminare auf dem Kongress leiten dürfen, kündigt Jetz Proteste an. "Wir werden dann zu Demonstrationen aufrufen und die Teilnehmer müssen damit rechnen, dass die Veranstaltung gestört wird." Schließlich handele es sich um eine "Multiplikatorenveranstaltung", bei der zahlreiche junge Leute möglicherweise von den umstrittenen Thesen beeinflusst werden könnten. Auch Volker Beck findet: " Würden die Seminare der Homo-Umpoler trotz der öffentlichen Kritik stattfinden, wäre dies ein handfester Skandal."

Mit Material von dpa

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