Konzept gegen Erderwärmung US-Luftwaffe soll das Sonnenlicht dimmen

Jeden Tag steigen Militärjets auf, bomben Schwefel in die Stratosphäre und machen die Welt ein bisschen dunkler: So will der US-Forscher Alan Robock die Erderwärmung bremsen. Die Idee eines Phantasten? Kaum - auch immer mehr seiner Kollegen präsentieren verblüffende Rezepte gegen den Klimakollaps.

Aus San Francisco berichtet


Schwerter zu Pflugscharen - das alte Motto der DDR-Friedensbewegung könnte im 21. Jahrhundert in modifizierter Form wieder aktuell werden. Ein amerikanischer Umweltforscher hat es dabei nicht auf Gewehre oder Kanonen abgesehen, um sie zu nützlichen, friedlichen Werkzeugen zu machen. Vielmehr will er mit Flugzeugen der US Air Force das Klima der Erde retten.

Alan Robock von der Rutgers State University of New Jersey möchte Tankflugzeuge oder Kampfjets dreimal am Tag hoch in die Stratosphäre schicken, um dort Tausende Tonnen Schwefel in die Luft zu pusten. Ziel der Operation: Dämpfung des Sonnenlichts durch die feinen Schwefelpartikel. Um ein paar Prozent nur, aber das würde reichen, um einen extremen Anstieg der Temperaturen zu verhindern, wie er laut Prognose des Weltklimarats IPCC droht, falls die Menschheit ihren CO2-Ausstoß nicht drastisch reduziert.

Geoengineering heißt das Forschungsgebiet, das auf dem Herbsttreffen der American Geophysical Union (AGU) zu den vieldiskutierten Themen gehört. Doppelt so viele Manuskripte wie im Vorjahr wurden eingereicht, immer mehr Forscher ersinnen teils völlig verrückt erscheinende Maßnahmen gegen den Klimawandel. Schwefelbomben in der Stratosphäre sind nur ein Konzept. Wissenschaftler erwägen auch gigantische Sonnensegel im All, die Düngung der Meere oder eine Flotte von Geisterschiffen, die Wolken heller machen sollen.

Schwefel, genauer gesagt Schwefeldioxid, gilt deshalb als vielversprechender Ansatz, weil man weiß, dass Geoengineering damit funktioniert. Die Blaupause lieferte 1991 der Vulkan Pinatubo auf den Philippinen. Beim damaligen Ausbruch wurden Aschewolken mehr als 20 Kilometer hoch geschleudert. 20 Millionen Tonnen Material verteilten sich in der Stratosphäre und verdunkelten - ein ganz kleines bisschen - den Himmel. Das aber reichte, um die Temperatur weltweit um 0,5 Grad zu senken.

Eine Million Tonnen müssen in die Atmosphäre

Alan Robock hat untersucht, mit welchen Techniken man den Schwefel in die Stratosphäre bringen könnte und was dies kosten würde. "Man kann Artilleriegeschosse oder Ballons nehmen, Flugzeuge oder einen Weltraumfahrstuhl." Seine groben, noch nicht in einem Fachblatt publizierten Kalkulationen haben ergeben, dass Flugzeuge die mit Abstand billigste Variante sind, um den Stoff in den Himmel zu transportieren.

Eine Million Tonnen Schwefelwasserstoff müssen nach Robocks Klimamodell pro Jahr in die Stratosphäre gepustet werden, um die Erderwärmung deutlich abzuschwächen. Dies würde mit Ballons oder Geschossen jeweils etwa 30 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Den bislang nur als Konzept existierenden Weltraumfahrstuhl hat er gar nicht weiter untersucht. Mit Militärflugzeugen würden die Kosten je nach eingesetztem Typ zwischen 40 und 800 Millionen Dollar liegen - also Größenordnungen darunter.

Verblüffend gering ist der Aufwand, um die gigantische Schwefelmenge auszubringen. Das Tankflugzeug KC-135 Stratotanker kann pro Start 91 Tonnen transportieren. Wenn 15 KC-135 Jets an 250 Tagen pro Jahr dreimal starten, wäre die Arbeit getan. "Es hat mich überrascht, wie wenige Flugzeuge man braucht", sagte Robock im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Nur 15. Die Air Force hat immerhin 481 Stück davon."

Von den noch leistungsstärkeren Tankflugzeugen KC-10 Extender bräuchte man sogar nur neun Exemplare. Derzeitiger Bestand der US Luftwaffe laut Robock: 59 Jets. Weil die Tankflugzeuge nur Höhen zwischen 12 und 15 Kilometern erreichen, könnten sie lediglich in den Polarregionen eingesetzt werden. Dort beginnt die Stratosphäre bereits in acht Kilometern Höhe, am Äquator sind es fast 20 Kilometer. "Man würde die Einsätze wohl auf den Nordpol beschränken", erklärt Robock. "Dort ist die Erwärmung ja auch besonders groß."

"Geoengineering ist keine Lösung des Problems"

Im Bereich der Tropen schlägt der Professor den Einsatz von F-15 Kampfflugzeugen vor. Sie können Höhen von 20 Kilometern erreichen. 167 Jets müssten 250 Tage im Jahr dreimal abheben - beladen mit jeweils acht Tonnen Schwefelwasserstoff. Die Kampfflugzeuge wären allerdings auch die teuerste Variante: 768 Millionen würden die Flüge pro Jahr kosten, deutlich mehr als bei den Tankjets KC-135 (69 Millionen) und KC-10 (41 Millionen).

Skrupel, das Militär in den Kampf gegen den Klimawandel einzuspannen, hat Robock keine: "Sie schützen uns vor eher fiktiven Feinden wie Russland, warum nicht auch vor Umweltgefahren?" Zudem seien die Piloten gut ausgebildet. Das Fazit des Forschers: An den Kosten sollte das Projekt Schwefel nicht scheitern.

Einig sind sich die Geoengineering-Experten darüber, dass mögliche Eingriffe in die Atmosphäre nicht dazu führen dürfen, dass niemand mehr über die Emissionssenkungen nachdenkt. "Geoengineering ist keine Lösung des Problems der Erderwärmung, es ist eher eine Art Notanker", sagte David Keith von der University of Calgary in Alberta in Kanada. Zudem sei Geoengineering mit vielen Risiken verbunden, die sich derzeit kaum abschätzen ließen. "Wir brauchen Forschungsprogramme dafür", forderte Keith.

Dabei geht es nicht nur um Risiken und unerwünschte Nebenwirkungen, wie Veränderungen der Niederschläge nach Ausbringen des Schwefels oder drohenden sauren Regen. "Wir müssen auch Techniken erforschen, wie wir den Schwefel ausbringen", erklärte Keith. Eine optimale Spraytechnik gebe es noch nicht. "Und es gibt noch andere Ideen als Schwefel."

Bei aller Skepsis und Zurückhaltung gegenüber gezielten Eingriffen in die Atmosphäre - selbst die US-Ikone der Klimaforschung, James Hansen vom Goddard Institute for Space Studies der Nasa, will Geoengineering nicht ausschließen. Er präferiere allerdings die "leichteren Formen" - sprich das Anpflanzen von Bäumen und das Verbrennen von Biokraftstoffen, wobei das CO2 aufgefangen wird. In beiden Fällen wird der Atmosphäre Kohlendioxid entzogen.

Doch auch weitreichendere, riskantere Eingriffe können laut Hansen nötig werden: "Wenn das Eis von Arktis und Antarktis komplett zu schmelzen droht, dann müssen wir zu solchen Maßnahmen greifen", sagte er auf dem AGU-Kongress in San Francisco. Ansonsten drohe ein drastischer Anstieg des Meeresspiegels mit dramatischen Folgen für die Menschheit.

Wenn die Politiker weiter so machen wie bisher und den Klimaschutz auf die lange Bank schieben, könnte die Stunde der US-Tankflugzeuge eines Tages tatsächlich kommen. Wobei es nicht um Stunden, Tage oder Wochen geht, sondern um Jahrzehnte. So lange müsste der Schwefel ausgebracht werden, um Wirkung zu erzielen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Michael Giertz, 18.12.2008
1. Sind die irre?
Zitat von sysopJeden Tag steigen Militärjets auf, bomben Schwefel in die Stratosphäre und machen die Welt ein bisschen dunkler: So will der US-Forscher Alan Robock die Erderwärmung bremsen. Die Idee eines Phantasten? Kaum - auch immer mehr Kollegen präsentieren verblüffende Rezepte gegen den Klimakollaps. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,597141,00.html
Sind die verrückt geworden? Feuer mit Feuer bekämpfen mag ja manchmal sinnvoll sein, aber hier wird Öl ins Feuer gekippt. Haben die sich schonmal Gedanken darüber gemacht, dass der Schwefel auch langsam wieder hinabsinkt und dann in den Wolken giftige und ätzende Verbindungen mit Wasser eingehen kann? Ich halte es für einen fatalen Irrtum, die Umweltprobleme mit einer noch stärkeren Umweltsünde aufhalten zu wollen.
laufer 18.12.2008
2. Unsinn,
die Idee war schon öfters im SpOn. In den 80er Jahren hat man Rauchgasentschweflungsanlagen gebaut, um SO2 / SO3 aus Kraftwerken abzuscheiden. Jetzt soll der Schwefel per Jet in die Luft gepustet werden?
Michael Giertz, 18.12.2008
3. Erde terraformen.
Zitat von lauferdie Idee war schon öfters im SpOn. In den 80er Jahren hat man Rauchgasentschweflungsanlagen gebaut, um SO2 / SO3 aus Kraftwerken abzuscheiden. Jetzt soll der Schwefel per Jet in die Luft gepustet werden?
Naja, es geht darum, den Schwefel -ÜBER- den Wolken abzuwerfen. Theoretisch würde das ja auch funktionieren, aber die Gravitation der Erde sorgt dafür, dass der Schwefel langsam absinkt. Zudem kann er sich ja auf dem Weg nach unten mit Wasser zu eben gefährlichen wie etwa schwefelige Säure verbinden. Es ist einfach sinnlos und ändert nix am Problem der Treibhausgase. Ich meine, niemand weiß, welche Einflüsse ein abgedimmtes Sonnenlicht auf die Flora und Fauna haben wird! Selbst ohne schädliche Schwefelsäuren ist das Unternehmen zu risikobehaftet und kann mehr Schäden anrichten, als behoben werden sollen. Im Prinzip wird Terraforming auf einen Planeten angewendet, der nur Zeit braucht, sich selbst zu heilen.
Fackus 18.12.2008
4. na super
das ist so, wie wenn man einem Alkoholiker Drogen gibt, damit er die Nebenwirkungen weniger spürt. Und dann kann man ja fleissig weitersaufen - spricht die Umwelt zugiften. Und das Militär kriegt auch wieder was Neues zu tun. Da kann man dann so nebenbei überall auf der Welt ein wenig mit Militärjets präsent sein 'im Dienste der Umwelt' .. kann ja auch sonst nicht schaden. Wer stoppt diese Irren jenseits vom Teich endlich ?
Zuul, 18.12.2008
5. Wird schon
... Machbarkeitswahn ... führt zu "Wahnsinn, wir habens gemacht" ... führt zu mehr Machbarkeitswahn ...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.