Aus Kopenhagen berichtet Christoph Seidler
Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel, so lautet offenbar die Devise der Klimadiplomaten. "Kopenhagen ist nur ein Zwischenschritt", sagt Bundesumweltminister Norbert Röttgen kurz vor seinem Heimflug zu SPIEGEL ONLINE. Man habe in Kopenhagen "die Mühsal von Uno-Prozessen erlebt". Trotzdem gebe es keine Alternative zu dem Verfahren. Nötig sei zunächst aber eine "kritische Bestandsaufnahme", der Verlauf des Gipfels in der dänischen Hauptstadt gebe dazu "allen Grund".
Die europäischen Umweltminister wollen sich am kommenden Dienstag in Brüssel treffen und den Klimagipfel von Kopenhagen und dessen magere Ergebnisse auswerten. Die Europäer allein könnten das Klima freilich nicht retten, so Röttgen, zumal sich die EU-Staaten bei den Klimagesprächen nicht dazu durchringen konnten, ihre Reduktionen bis zum Jahr 2020 auch ohne Kompromisse anderer Staaten um 30 Prozent zu kürzen. "Wie organisieren wir den Prozess nach diesem Erlebnis weiter?", fragt sich Röttgen nach dem dramatischen Mammut-Gipfel von Kopenhagen - und verspricht einen Vermittlungseinsatz der Bundesregierung: "Deutschland will und wird eine aktive Rolle ausüben."
Deswegen habe man zu einer Ministerkonferenz im Juni eingeladen, auf der die nächste Weltklimakonferenz vorbereitet werden solle, die aller Voraussicht nach im kommenden November in Mexiko stattfindet. Deutschland sei "in besonderer Weise akzeptiert, eine besondere Rolle zu spielen", sowohl bei den Inhalten eines zukünftigen Klimaabkommens als auch bei dessen Zustandekommen. Die geplante Ministerkonferenz in Bonn biete dafür eine "besondere Chance."
Künast: "Merkel hat in alter Manier blockiert"
Renate Künast, Grünen-Fraktionschefin, wertete den Ausgang des Klimagipfels dagegen als "Desaster". "Kopenhagen ist ein unrühmliches Kapitel der internationalen Klimapolitik", sagte Künast am Samstag in Berlin. Jetzt stehe die Weltgemeinschaft klimapolitisch mit leeren Händen da - trotz aller eindringlichen Warnungen der Wissenschaftler.
Künast macht Angela Merkel mit dafür verantwortlich, dass das "Erreichen des Zwei-Grad-Ziels in weite Ferne gerückt ist". Die Kanzlerin habe in alter Manier blockiert, statt mit Deutschland und der EU allen voranzugehen, kritisierte die Fraktionsvorsitzende. Merkel habe konkrete Finanzzusagen an die Entwicklungsländer im Vorfeld der Konferenz ebenso verhindert wie eine Erhöhung der europäischen CO2-Minderungsziele auf 30 Prozent. Ein Erfolg der Zwischenkonferenz in Bonn 2010 ist nach Ansicht Künasts alternativlos. Merkel müsse im kommenden Jahr "raus aus ihrer internationalen Nebenrolle" kommen.
SPD-Chef Sigmar Gabriel sieht das Scheitern des Weltklimagipfels als Schande für die Staats- und Regierungschefs. Mit ihrem Verhalten setzten sie die Zukunft der Kinder aufs Spiel, sagte der frühere Bundesumweltminister am Samstag auf einem SPD-Landesparteitag in Magdeburg. Der Verzicht auf Klimaschutz sei viel teurer als Investitionen in den Klimaschutz. Der "Bild am Sonntag" sagte Gabriel, Deutschland habe bei den Verhandlungen eine "unrühmliche Rolle" gespielt. Er forderte Merkel auf, "zur alten Linie der Großen Koalition" zurückkehren: "Klimaschutz und Armutsbekämpfung dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden", sagte Gabriel.
Während Politiker sich kritisch über die Haltung der Bundesrepublik äußern, kritisieren Forscher das Ergebnis vornehmlich aus wissenschaftlicher Sicht. Das Kompromiss-Ergebnis des Klimagipfels von Kopenhagen eigne sich kaum dafür, den Klimawandel zu stoppen. "Ohne abgestimmte Ziele für die Treibhausgas- Reduzierung ist die Erderwärmung nicht auf zwei Grad Celsius zu begrenzen", sagte der Leiter des Fachbereiches Klimawissenschaften am Bremerhavener Alfred-Wegener-Institut (AWI), Peter Lemke, am Samstag.
Damit der Klimaschutz eine politische Chance bekomme, müsse Europa vor dem nächsten Gipfel in Mexiko vorpreschen und die Kohlendioxid-Emissionen bis 2020 um 30 bis 40 Prozent verringern. Bisher sind nur 20 Prozent geplant.
Zweifel am Zwei-Grad-Ziel
Für Lemke ist der Kompromiss vor allem deshalb enttäuschend, weil die Notwendigkeiten des Klimaschutzes aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig seien. "Wir müssen die Gesamtmenge der Kohlendioxid-Emissionen bis 2050 auf 750 Milliarden Tonnen begrenzen, um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen", sagte Lemke, der maßgeblich am Weltklimabericht mitgewirkt hat. "Pro Kopf der Weltbevölkerung bedeutet dies eine zugeteilte Emission von zwei bis drei Tonnen CO2 pro Jahr." Zum Vergleich: "Westeuropäer emittieren gegenwärtig etwa 10 Tonnen pro Jahr und die Amerikaner 20 Tonnen."
Als besonders ernüchternd empfindet Lemke die Haltung der Industrieländer. "Sie hätten sich dazu verpflichten müssen, ihre Emissionen bis 2050 um 80 Prozent zu verringern." Der Klimaexperte hegt aber noch Hoffnung, dass bei der folgenden Klimakonferenz, die Mitte Mai in Bonn vorbereitet werden soll, ein tragfähiger Kompromiss gefunden werden kann.
Auch Umweltorganisationen wie Greenpeace und der World Wide Fund For Nature (WWF) haben das Ergebnis als unzureichend kritisiert. Es handele sich um einen "halbgaren Text mit unklarer Substanz", erklärte der WWF am Samstag in Kopenhagen. WWF-Experte Kim Carstensen machte dafür vor allem eine fehlende Führung und fehlenden Ehrgeiz verantwortlich. "Gut gemeinte, aber halbherzige Zusagen, unseren Planeten vor einem gefährlichen Klimawandel zu bewahren, reichen einfach nicht." Nötig sei eine völlig neue Zusammenarbeit zwischen reichen und armen Ländern.
Als "reine Farce" hat das globalisierungskritische Netzwerk Attac die Ergebnisse des Uno-Klimagipfels bewertet. "Kopenhagen war höchstens in Bezug auf das Ausmaß seines Scheiterns ein historischer Gipfel", erklärte der Attac-Klimaexperte Chris Methmann am Samstag. "Dies nun mit einem Formelkompromiss noch als Fortschritt verkaufen zu wollen, ist ein Schlag ins Gesicht der Milliarden Menschen, die unter den Folgen des Klimawandels leiden werden, ohne etwas zu seinen Ursachen beigetragen zu haben."
Indes gibt es Lob aus den Reihen der Schwellenländer: Indien hat den ausgehandelten Kompromiss von Kopenhagen gelobt. Die in der Nacht getroffene Vereinbarung sei "gut für die Entwicklungsländer", sagte der indische Umweltminister Jairam Ramesh am Samstag der Nachrichtenagentur IANS. Zum einen sei darin das Zwei-Grad-Ziel zur Begrenzung der Erderwärmung festgeschrieben worden. Zum anderen habe man sich auf Transparenz-Mechanismen verständigt, die die Souveränität der Entwicklungs- und Schwellenländer "schützen".
Mit Material von dpa, ddp und APD
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Uno-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH