Kraftwerks-Ranking Wo die größten Dreckschleudern der Welt stehen

Deutsche Kraftwerke stoßen mehr CO2 aus als die der europäischen Nachbarn. Eine neue Datenbank enthüllt im Detail, wer wo auf der Welt wie viel Kohlendioxid erzeugt - mit teils verblüffenden Ergebnissen. Etwa dem, dass die fünf mächtigsten Kraftwerke der Welt gar keines verursachen.

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Deutschland liegt auf Platz sechs. Das ist ausnahmsweise keine schlechte, sondern eine ganz gute Nachricht - allerdings nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten sieht man nämlich, dass die Plätze eins bis fünf von den USA, China, Russland, Indien und Japan besetzt werden. Vier Riesenreiche und ein Land mit knapp 130 Millionen Einwohnern. Dann kommt Deutschland, mit CO2-Emissionen von 365 Millionen Tonnen pro Jahr. Deutschland liegt innerhalb von Europa vorn - nicht nur, was die absolute Menge CO2 angeht, die hier emittiert wird, sondern auch bei den Top Ten der klimaschädlichsten Kraftwerke: Die zwei größten CO2-Schleudern der Alten Welt stehen im nordrhein-westfälischen Niederaußem und dem brandenburgischen Jänschwalde.

Es wird viel verschleiert in diesen Tagen, viele Lippenbekenntnisse werden abgegeben, viele statistische Nebelkerzen gezündet in den Reihen der Energieversorger. Nun liegt erstmals für jeden Netznutzer klar zu Tage, wieviel Kohlendioxid von welchem Kraftwerk und von welchem Energiekonzern in welchem Teil der Welt verursacht wird. Oder kürzer: Wer auf der Welt wie stark durch Stromerzeugung zum Klimawandel beiträgt. Das "Center for global Development", eine in Washington ansässige Denkfabrik, hofft auf Veränderung durch Information.

" Carma" heißt die Initiative folgerichtig, die dabei helfen soll: "Carbon Monitoring for Action". Carma soll jedem Interessierten auf dem Planeten einen Scheinwerfer in die Hand geben, mit dem die dunkleren Ecken der internationalen Energiewirtschaft ausgeleuchtet werden können. Mit einer gewaltigen Datenbank, die sich durch Tabellen, Filter und interaktive Landkarten erschließen lässt. Sie zeigt, wo die CO2-Sünder sitzen, wer besonders ineffiziente Kraftwerke betreibt, wo der meiste Strom produziert wird.

Die größte CO2-Schleuder der Welt steht in Taiwan

Die Sortiermöglichkeiten der Datenbank liefern schon mit wenigen Klicks verblüffende Erkenntnisse. Zum Beispiel: Die fünf mächtigsten Kraftwerke der Welt produzieren zusammen über 260 Millionen Megawattstunden Energie pro Jahr - und null Tonnen CO2. Die Giganten des internationalen Stromgeschäftes sind klimaneutral - weil drei von ihnen Wasserkraftwerke sind und zwei mit Kernenergie Strom erzeugen. Die meisten Megawattstunden in der großen Kraftwerks-Rangliste schaffen die Wasserkraftwerke Itaipu (Brasilien), Dreischluchtendamm (China) und Raul Leoni (Venezuela). Auf Platz fünf und sechs folgen das japanische Atomkraftwerk Kashiwazaki Kariwa und die südkoreanische Kernenergieanlage Ulchin. Erst auf Platz sechs steht das taiwanische Kohlekraftwerk Taichung, das pro Jahr geschätzte 41 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittiert - die größte CO2-Schleuder der Welt.

Kevin Ummel, der bei der Entwicklung von Carma mitgearbeitet hat, hofft auf Einsicht durch Durchblick: "Die Erfahrung von Menschen, die im Umweltschutz arbeiten, hat gezeigt, dass die Versorgung der Öffentlichkeit und der Märkte mit Information oft dazu führt, dass sich Verbesserungen ergeben", sagte Ummel der "BBC".

Deutsches Kraftwerk auf Platz 10 der schlimmsten

Die Daten für die USA, Kanada, Europa und Indien stammten aus offiziellen, abgesicherten Berichten, erklärte Ummel. Andere Werte - also auch die für die global größten CO2-Schleudern in China und anderen asiatischen Staaten, wurden geschätzt auf der Basis von Faktoren wie Brennstoff, Größe, Alter und technischen Spezifikationen. Die entsprechenden Modelle erlaubten Schätzungen "mit einem hohen Maß an Sicherheit", so Ummel.

Die Kraftwerke mit dem größten CO2-Ausstoß stehen demnach weder in Westeuropa noch in den USA - erst auf Platz zehn taucht Jänschwalde auf. Davor stehen Kraftwerke in China, Russland, Indien, Japan und Südkorea, gleich zwei der CO2-Monster stehen auf der Insel Taiwan. Auf Platz neun landet ein Kraftwerk in Südafrika, danach folgt die Anlage aus Brandenburg.

Die reine Aufzählung der größten Emittenten ist natürlich an sich von geringem Informationswert - entscheidender ist eine Zahl, die in den Carma-Tabellen stets ganz rechts steht: "Intensity", also das Verhältnis von produzierter Energie und erzeugtem Kohhlendioxid. Die ineffizientesten Kraftwerke stehen in Entwicklungsländern, in Afrika, Südostasien, Südamerika - und in den USA. Was die Effizienz ihrer Kraftwerke angeht, liegen die USA hinter Russland, Mexiko und Taiwan - hinter dem Großteil Europas ohnehin. Die klimaneutralste Energie Europas wird in Norwegen erzeugt - denn dort kommen 98 Prozent des Stroms aus Wasserkraft. Auch Frankreich kommt in dieser Bilanz gut weg - weil über 75 Prozent des Stroms aus Atomkraftwerken stammen. Deutschland liegt, was die Effizienz angeht, in etwa im Mittelfeld, hat aber einen mit zehn Prozent vergleichsweise geringen Anteil erneuerbarer Energien am Gesamtkuchen vorzuweisen.

Die "Washington Post" konnte sich einen bissigen Kommentar denn auch nicht verkneifen: "Deutschland, dessen Kanzlerin Angela Merkel starken Druck in Richtung stärkerer Einschnitte bei Treibhausgas-Emissionen von Entwicklungsländern ausgeübt hat, steht an der Spitze der europäischen Rangliste für Kohlendioxid-Ausstoß durch Energieerzeugung."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 30 Beiträge
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paschpot 16.11.2007
1. Viva Atomkraft?!
Schade, dass solche Darstellungen, die vielleicht wissenschaftlich korrekt und nachvollziehbar sind, Wasser auf den Mühlen der internationalen Atomkraftlobby und mindestens einer großen Volkspartei in Deutschland sind. Sie werden einfach uminterpretiert. Die Schlußfolgerung kann natürlich nicht sein, sich an dem "CO2-freundlichen", weil Energie zu 75% aus Atomkraft generierenden Frankreich zu orientieren, sondern andere Energiequellen zu erschliessen und zu erforschen (s. Top 5 der Liste), die uns nicht irgendwann um die Ohren fliegen. Pest ist keine Alternative von Cholera!
CarHenn, 16.11.2007
2. Gespaltene Zunge?
Die "Washington Post" konnte sich einen bissigen Kommentar denn auch nicht verkneifen: "Deutschland, dessen Kanzlerin Angela Merkel starken Druck in Richtung stärkerer Einschnitte bei Treibhausgas-Emissionen von Entwicklungsländern ausgeübt hat, steht an der Spitze der europäischen Rangliste für Kohlendioxid-Ausstoß durch Energieerzeugung." Dem kann ich mich nur anschliessen. Auf der einen Seite den Moralapostel geben, auf der anderen mit zu den größten Dreckschleuderern gehören.
MorMo, 16.11.2007
3. Vorkette muss berücksichtigt werden
Wie so oft in der Diskussion um CO2 –Sünder wurde auch hier der CO2 Anteil der Vorkette vergessen. Natürlich ist der Ausstoß bei der Energiegewinnung im Kernkraftwerk null, jedoch gibt es in der vorgelagerten Prozesskette nicht unerhebliche Emissionen z.B. die Anreicherung und auch die anschließende Aufbereitung verschlingen Unmengen an Energie. In Zukunft ist davon auszugehen, dass dieser Anteil erheblich steigen wird da Erze mit immer niedrigeren Gehalten abgebaut werden müssen. Natürlich stoßen die Turbinen in einem Stausee kein CO2 aus, aber gerade die Stauseen in Südamerika emittieren Unmengen an Methan welches eine weitaus größere Klimarelevanz als CO2 hat. Meiner Meinung nach müssen diese Faktoren unbedingt berücksichtigt werden wenn man „Action“ durch umweltpolitische Bildung und Information forciert. Tut man das nicht muss man sich dem Verdacht stellen interessenpolitisches Werkzeug und teil der Lobbyarbeit zu sein.
dwg 16.11.2007
4. Alles nur eine Frage der aktuellen Mode...
Na klar ist Atomenergie CO2 freundlich. Das Problem ist eigentlich nur, daß fast nie eine Gesamtfolgenabschätzung vorgenommen wird. Momentan hat eben CO2 die Priorität. So sind z.B. die beiden Wasserkraftwerke an der Spitze der Liste grundverschieden. Bei Itaipu floß das Wasser von einem Hochplateau zuvor über zwei Wasserfälle. Einer (der schönere) wurde für das Kraftwerk geopfert. Das ist völlig harmlos im Vergleich zum Dreischluchtendamm, wo durch massiven Sedimenttransport die Dauer der Nutzung limitiert ist. Hinzu kommen die Umweltprobleme durch im Staubereich aufgegebene Städte und die sozialen Kollateralschäden durch massive Umsiedlung. ...und wer hat Castle Peak, Hongkong in der Karte nach Südafrika verlegt - und Poryong nach Südchina?
Ultradeterminant 16.11.2007
5. Völlig unsinniger Vergleich mit Norwegen
Der Vergleich unseres regenerativen Energie-Anteiles mit dem von Norwegen ist an Lächerlichkeit kaum zu überbieten. Besteht unser Land überwiegend aus einer Bergkette ? Haben wir durchschnittlich mehr als 1000 mm Niederschlag ? Haben wir nur 4,7 Mio. Einwohner ? Im Hinblick auf die Potential an Wasserkraft ist Norwegen sehr begünstigt. Es kann eigentlich fast ganz Skandinavien mit Energie versorgen. Auch die Windkraft hätte ein Riesenpotential. Stattdessen wird der Strom wieder in Wärme umgewandelt und die Wohnungen damit beheizt. Ich frage mich, warum die Norweger nicht den Strom an uns verkaufen (Übertrag per Gleichstrom-Hochspannung) und ein Teil ihres Gases verheizen. Bei den Erfolgen beim Klimaschutz liegt Deutschland mit Sicherheit weit vorne. Wichtigster Parameter dafür ist der Anstieg der erneuerbaren Energien in den letzten Jahren. Der Beitrag von Fr. Merkel oder gar der CDU daran ist allerdings äußerst bescheiden. Wesentlicher Pfeiler des Erfolges ist und bleibt das EEG.
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