Krankenhausstudie Kinder in Kliniken oft von Unterernährung betroffen

Bis zu 30 Prozent aller Krankenhauspatienten in Deutschland sind einer Studie zufolge unterernährt, viele von ihnen sind Kinder. Ein Münchner Ernährungsmediziner warnt jetzt vor den dramatischen Folgen für die Patienten und das Gesundheitssystem.

Von Vlad Georgescu und Marita Vollborn


Krankenhaus: Unterernährung besonders bei Kindern weit verbreitet
DDP

Krankenhaus: Unterernährung besonders bei Kindern weit verbreitet

Die Zahlen, die von Medizinern der Berliner Charité ermittelt wurden, sind erschreckend: 20 bis 30 Prozent der Patienten in deutschen Krankenhäusern sind unterernährt, so das Ergebnis der Untersuchung, die unter der Leitung des Berliner Professors Herbert Lochs entstand - und eine zunehmende Zahl der Betroffenen sind Kinder.

Dass die landläufige Meinung, Unterernährung betreffe vor allem ältere Patienten, in die Irre führt, stellten auch Mediziner des Kinderspitals der Münchner Universitätsklinik fest: 24 Prozent ihrer kleinen Schützlinge wiesen einen Body Mass Index (BMI) unter 18,5 auf. Der BMI wird ermittelt, indem man das Körpergewicht durch die Körpergröße im Quadrat teilt.

Würden die Ärzte auf diese Unterernährung nicht reagieren, wären die Folgen fatal, betont der Münchner Experte Berthold Koletzko im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Eine ausgeprägte Unterernährung im Kindesalter beeinträchtigt nicht nur das Wachstum und schwächt die Muskelkraft, es gefährdet auch die Wundheilung nach Operationen", so der Professor für Pädiatrie am Münchner Universitätsklinikum. Zudem hätten zahlreiche Studien gezeigt, dass stark unternährte Kinder ein drastisch erhöhtes Sterblichkeitsrisiko tragen.

Unterernährung senkt Lebenserwartung

Bei jungen Patienten mit Mukoviszidose beispielsweise, einer schweren, lebensbedrohlichen Erkrankung der Atemwege, verschlechtert sich mit dem Ausmaß des Untergewichts die Leistungsfähigkeit der Lunge. Kinder, die eine Lebertransplantation hinter sich gebracht haben, sind durch Unterernährung anfällig für Infektionen. Den betroffenen kleinen Patienten droht ein verfrühter Tod.

Das Problem, das Koletzko in seiner Funktion als Präsident der Gesellschaft für Ernährungsmedizin Mitte dieser Woche auf einer Fachtagung in Dresden verdeutlichte, ist auch dem Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen nicht unbekannt. Die Unterernährung führe unter anderem zu einer "drastischen Steigerung" der Sterblichkeit, mit erhöhtem Risiko von Stürzen, Knochenbrüchen und "schlechteren kognitiven Leistungen", berichtete der Medizinische Dienst schon vor einem Jahr im Deutschen Ärzteblatt.

Zehnprozentiger Gewichtsverlust verdoppelt Kosten

Das Interesse an einer Beseitigung der Missstände wäre auch aus wirtschaftlicher Sicht dringend notwendig. Denn mangelernährte Krankenhauspatienten treiben auf Grund von Komplikationen die Behandlungskosten in die Höhe. Bereits ein zehnprozentiger Gewichtsverlust verursacht eine Verdoppelung der Kosten, wie US-Forscher am Beispiel eines amerikanischen Lehrkrankenhauses zeigen konnten. Während normalgewichtige Patienten rund 8.000 US-Dollar an Behandlungskosten verursachten, belief sich diese Summe bei den Mangelernährten auf über 16.000 US-Dollar.

Das Phänomen ist dem Bundesgesundheitsministerium durchaus bekannt, wie Koletzko in Dresden betonte - und auch die Tatsache, dass 30 Prozent der Krankheitskosten durch ernährungsbedingte Leiden entstehen. "Deutschland gehört bei der Praxis der ernährungsmedizinischen Versorgung seiner Kranken im internationalen Vergleich zu den Schlusslichtern", urteilt der Experte.

Tatsächlich verfügen laut Koletzko nur zwei von hundert deutschen Krankenhäusern über so genannte Ernährungsteams. In Großbritannien betrug dieser Anteil schon vor zehn Jahren 37 Prozent. Solche aus Ärzten, Ernährungsberatern und anderen Fachgruppen zusammengesetzten Gruppen würden die "katastrophale Situation" ändern helfen, glaubt der Experte. Denn das Hauptproblem bei der Mangelversorgung sei Desinteresse: "In manchen Krankenhäusern werden viele Patienten bei der Aufnahme nicht einmal gewogen."



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.