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Kreationisten-Museum: Disneyland für Schöpfungsgläubige

Ein Australier baut in den USA den Gegenentwurf eines Naturkundemuseums: Im Creation Museum gibt es biblische Gestalten als elektrische Puppen, das Paradies und jede Menge Dinosaurier. Nur Neandertaler müssen draußen bleiben.

Es wird früh kalt in Kentucky dieses Jahr. "Wir hatten ein paar Nächte unter Null, die etwas früher kamen als hier üblich", schreiben die Bauherren in ihrem Weblog. "Darum haben wir früher begonnen, die exotischeren Pflanzen für den Winter vorzubereiten." Doch die Gewächse im "Regenwaldgarten" und im "Fleischfressersumpf-Garten" sind ganz sicher noch das am wenigsten ungewöhnliche auf dieser Baustelle.

Dinosaurier werden dort ihre zähnestarrenden Mäuler aufreißen. Elektrisch gesteuerte Puppen von Adam, Eva und Archen-Bauer Noah wird es dort geben, genauso wie den Baum des Lebens. Kain wird - nach dem Mord an seinem Bruder Abel - die zornige Stimme des alttestamentarischen Gottes hören. Ein Kugelkino zeigt den Anbeginn des Universums. "Entdecke, dass die neuesten Fotos von den Sternen einen allmächtigen Schöpfer bestätigen, nicht einen zufälligen Knall!" - so die Beschreibung auf der Website der Organistation "Answers In Genesis" (AiG).

In Petersburg, nur ein paar Autobahnkilometer vom Großflughafen Cincinnati an der Grenze der US-Bundesstaaten Ohio und Kentucky entfernt, entsteht auf knapp 5000 Quadratmetern das Creation Museum. "Es wird den evolutionären Naturkundemuseen entgegentreten, die zahllose Seelen gegen Christus und die Schrift kehren", kündigt die Answers in Genesis an. Die geschwungene Stahlbetonkonstruktion, deren Rohbau auf zahlreichen Fotos auf der Website zu sehen ist, soll kommendes Jahr "Geschichte zum Durchspazieren" präsentieren. Nicht irgendeine, sondern die wahre, wie die Bibel sie darstellt - und zwar vom ersten Buch, der Genesis, an. Ken Ham, ein Australier, hat sich in den Kopf gesetzt, hier die biblische Schöpfungsgeschichte als faktisch korrekt darzustellen.

"Wahrscheinlich eines der merkwürdigsten Museen der Welt"

Die dafür nötigen 25 Millionen US-Dollar sind bis auf einen noch offenen Rest von drei Millionen aus privaten Spenden zusammengekommen. Der Bauplatz in der Nähe der Millionenstadt Cincinnati liegt in einem großen Einzugsgebiet jenes Landes, in dem sich jeder zweite Einwohner als bibeltreuer Christ versteht.

Über 60 Prozent hatten im vergangenen Jahr bei einer Umfrage des Pew Research Centers gesagt, dass sie irgendeine Form von Schöpfungslehre im Schulunterricht gutheißen würden.Wenn es einen Ort auf Erden gibt, an dem es für dieses Nonsens-Museum ein Publikum gibt, dann hier. Nach einem Vorab-Besuch in dem halbfertigen Museum beschreibt der Korrespondent der britischen Zeitung "The Guardian" seinen Eindruck: "Es könnte ziemlich wahrscheinlich eines der merkwürdigsten Museen der Welt werden."

Das Creation Museum wird unter anderem folgende Kernsätze orthodox-bibeltreuen Schöpfungsglaubens in einer sehr gegenständlichen und "seltsam disneyfizierten" ("The Guardian") Version auf die jährlich 300.000 erwarteten Besucher loslassen:

  • Die Erde und das Weltall sind rund 6000 Jahre alt. Sie wurden in einer sieben Tage dauernden Schöpfungswoche erschaffen. Ihre Treue zu diesem Glaubenssatz mussten sogar die Bauarbeiter des Creation Museum im Arbeitsvertrag zusichern.
  • Wie es das erste Buch des Alten Testaments schildert, hat Gott Adam aus Erde und Eva aus seiner Rippe erschaffen. Nach dem Sündenfall verjagte er das Pärchen aus dem Paradies. Ihr Sohn Kain beging den ersten Mord der Menschheitsgeschichte an seinem Bruder Abel.
  • Als Gott der Menschen Sünde überdrüssig war, ersäufte er sie in der Sintflut. Nur Noah und seine Familie überlebten - zusammen mit den in der Arche zusammengepferchten Tiere. Ein Computerprogramm wird Kindern und ihren Eltern erklären, wie Noah die Unmenge an Gekreuch und Gefleuch in sein Boot gepackt hat.
  • Auch geologische Formationen wie der Grand Canyon in Arizona seien von der Flut geschaffen worden, binnen weniger Monate.

Nur mit den Dinosauriern haben die Kreationisten als Schöpfungsgläubige so ihre liebe Not. Zu viele Knochen der prähistorischen Tiere sind inzwischen gefunden worden. Außerdem lieben Kinder die Urviecher. Dinosaurier zu leugnen, wäre zwecklos. Doch in der Bibel kommen sie nicht vor. So müssen die Sagentiere Behemoth und Leviathan aus dem Buch Hiob häufig als dünne Erklärung für die Tiere aus der Kreidezeit herhalten: Haben die Autoren der Heiligen Schrift hier angedeutet, wie die Dinosaurier in die knappe kreationistische Weltsicht passen könnten?

Mit der Sintflut könnten sie ausgelöscht worden sein. Oder bis in die historische Zeit als Drachen weitergelebt haben. Beide Optionen werden in der Kreationisten-Szene ernsthaft diskutiert.

Puppen von Adam, Eva und Noah - aber keine Vormenschen

Nur von Vor- und Frühmenschen will Museums-Gründer und AiG-Chef Ham trotz aller fossilen Knochen nichts wissen. "So etwas gibt es nicht", sagte er dem "Guardian". "Diese Skelette, die man gefunden hat, die könnten verformt, krankhaft entartet oder irgend so etwas sein. Ich habe solche Leute schon durch die Straßen von New York laufen sehen."

Ham ist ein Konvertit, der vor seiner Karriere als Schriftverbreiter ausgerechnet als Lehrer im Fach Naturwissenschaften tätig war. Der Museumsdesigner, Patrick Marsh, hat für die Universal-Filmstudios gearbeitet, bevor er sein Erweckungserlebnis hatte. Jason Lisle, wissenschaftlicher Leiter des Creation Museum, hat zwar an der University of Colorado in Astrophysik abgeschlossen - verteidigt die Schilderung der Genesis aber nichtsdestotrotz gegen die Urknall-Theorie. "Gott hat einen Namen für jeden Stern", werden die Besucher im Planetarium des Museums hören.

Berichte über die Entstehung der Welt sind keine Seltenheit in religiösen Schriften. So glauben die Ureinwohner Neuseelands an Io, den Schöpfergott, der Kraft seines Wortes die Dinge ins Leben rief. In der indischen Mythologie stieg der Gott Vishnu als Schildkröte vom Himmel in ein Meer aus Milch herab. Er quirlte es. Die Erde entstand. Im Nordwesten der USA überliefern die Zuni-Indianer den Mythos vom Schöpfer Awonawilona, der das Meer befruchtete und dann mit seiner Wärme ausbrütete. Daraus seien grüne Schäume entstanden, die zu Mutter Erde und Vater Himmel wurden. Sollten für all diese Schöpfungsmythen Museen gebaut werden - es würde selbst im Mittleren Westen der USA das Bauland knapp.

Ein Vorbild muss dabei dem Creation Museum warnend vor Augen stehen: In Pensacola im US-Bundesstaat Florida wollte der Kreationist Kent Hovind bereits mit dem Dinosaur Adventure Land Schöpfungsgeschichte, Fossilfunde und kindliche Begeisterung für Riesenechsen mit der göttlichen Schöpfung in Einklang bringen.

Anfang November wurde Hovind von einem Bundesgericht in Pensacola wegen Steuerhinterziehung in 58 Fällen, Geldwäsche und Nichtabführung von Sozialabgaben verurteilt. Zur Zeit sitzt er in einer Zelle im Amt des County Sheriffs. Anfang Januar wird das Strafmaß verkündet. Recht unchristlich war Hovind seinen Angestellten ihren Lohn schuldig geblieben. Neben 430.000 US-Dollar Strafe muss der selbsternannte Dr. Dino maximal 288 Jahre Gefängnisstrafe fürchten. Gemessen an den Maßstäben einer bibeltreuen Schöpfungsauslegung ist das viel Zeit.

stx

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Schöpfungsmuseum: Dinosaurier und Arche Noah

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