Krebs-Bekämpfung Experten warnen vor vermeintlichem Wundermittel

Es klingt nach Hoffnung, nach Heilung - nach einem Wundermittel gegen Krebs. Ein US-Geschäftsmann verkauft den Wirkstoff DCA im Internet, allerdings ist die Chemikalie noch längst nicht als Medikament zugelassen. Experten sprechen von Unfug, Scharlatanerie, Verbrechen.

Von Franziska Badenschier


In den Vereinigten Staaten sorgte DCA für Schlagzeilen: Als Wunderwaffe gegen Krebs wurde die Substanz bezeichnet, außerdem ist sie leicht herzustellen und preiswert. Zwei US-Amerikaner machen den Hype um die Chemikalie nun zum Geschäft: Auf einer Internetseite preisen sie DCA als Wundermittel an, auf einer anderen verkaufen sie den Stoff, wenn auch für krebskranke Haustiere. Hunderte Verzweifelter sollen schon im Internet gekauft haben.

Krebszellen: Verzweifelte Patienten auf der Suche nach der Wunderpille
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Krebszellen: Verzweifelte Patienten auf der Suche nach der Wunderpille

Deutsche Wissenschaftler haben dafür nur vernichtende Worte übrig: Das alles sei nur Unfug, Scharlatanerie, Verbrechen. "Der Markt ist habgierig und spielt mit der Angst der Menschen", sagt Susanne Singer, Psychologin in der Psychosozialen Beratungsstelle für Tumorpatienten und Angehörige der Uniklinik Leipzig. "Hier wird mit einer sehr billigen Substanz unter dem Deckmantel der Tiermedizin mit der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung von Krebspatienten versucht, ein großes Geschäft zu machen", sagt der Arzneimittelexperte Harald Schweim.

Die Substanz ist Dichloracetat, kurz DCA: ein Salz der Dichloressigsäure, das schon lange bekannt ist, sich leicht herstellen lässt und in der Chemieindustrie verwendet wird. Das weiße Pulver soll - aufgelöst in einem Glas Wasser und getrunken - Tumore rasant schrumpfen lassen. Das Prinzip: Krebszellen unterdrücken die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zellen und jene Zellbestandteile, die den Zelltod auslösen. Mit DCA werden Mitochondrien wieder aktiviert, sie treiben dann die entartete, kranke Zelle in den Selbstmord. Der Tumor wächst nicht weiter, er schrumpft sogar. Das zumindest hat Evangelos Michelakis von der University of Alberta im kanadischen Edmonton bei Tests mit Gewebeproben und in Ratten mit Lungenkrebs herausgefunden.

Im Januar publizierte er mit seinem Team die Ergebnisse im angesehenen Fachmagazin "Cancer Cell" (Bd.11, S.37, 2007). "Gäbe es eine Wunderpille, es wäre wohl so etwas wie Dichloracetat", schrieb daraufhin die Zeitschrift "Newsweek". Sogar das kanadische Fernsehen sendete in den Abendnachrichten einen Beitrag. Die Forscher finden die Ergebnisse so vielversprechend, dass sie erste Versuche am Menschen wagen wollen. Klinische Studien dauern Jahre; ob es am Ende eine Zulassung für die Krebstherapie gibt, ist unklar. Krebspatienten dauert das zu lange - und Jim Tassano kann es nicht schnell genug gehen.

Eine Website zum Anpreisen, eine zum Verkaufen

Jim Tassano ist ein Geschäftsmann aus Kalifornien, der seinem krebskranken Tanzlehrer helfen wollte. Er suchte also nach alternativen Therapiemethoden und stieß auf DCA. "Es kann so viel Gutes für so viele Menschen tun", sagte Tassano. Ob die Frau noch lebt, ob sie den Krebs besiegt hat, ist nicht bekannt.

Dafür gibt es jetzt zwei Internetseiten von Tassano, die DCA bekannt machen wollen: Auf www.thedcasite.com werden Krebspatienten über den angeblichen Wunderwirkstoff informiert, auf www.buydca.com kann jeder DCA bestellen. Zwar wird dort die Substanz für krebskranke Haustiere feilgeboten und darauf hingewiesen, dass Menschen sie nicht einnehmen sollten - doch es gibt Krebskranke, die das weiße Pulver für sich selbst ordern, wie Tassano dem Wissenschaftsjournal "Nature" sagte. 20 Gramm kosten 20 US-Dollar, 50 Gramm gibt es für 45 US-Dollar.

"Die Tumoren schrumpften um 75 % innerhalb von drei Wochen", steht auf der Startseite des Informationsportals www.thedcasite.com. Das klingt nach Wunder, nach neuer Hoffnung. "Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass du es vier Wochen lang nimmst und keine Ergebnisse siehst. Das Beste, was passieren kann, ist, dass dein Krebs genauso wie die Krebstumoren in der Maus auf DCA reagiert. Die Tumoren werden in einer Woche auf ein Drittel ihrer Größe schrumpfen und dann weiterschrumpfen, bis sie verschwinden", heißt es in der Rubrik "Die häufigsten Fragen". Das klingt nach der ultimativen Wunderpille gegen Krebs. Doch so ist es nicht.

"Solche Aussagen sind irreführend", sagt Ulrich Hagemann vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zu SPIEGEL ONLINE. Und fürwahr: Es finden sich sachliche Fehler. In Michelakos Publikation, auf die sich Tassano immer wieder beruft, heißt es, dass der Lungentumor innerhalb einer Woche aufgehört habe zu wachsen und nach drei Wochen DCA-Therapie sei die Größe des Tumors "signifikant zurückgegangen". Daneben war ein Foto, auf dem ein behandelter und ein unbehandelter Tumor zu sehen sind. Zwar war der unbehandelte Tumor wirklich etwa vier Mal so groß wie der behandelte, aber er selbst wird in dem Beobachtungszeitraum gewachsen sein. Dass die Macher der Webseite von einer Schrumpfung des behandelten Tumors um 75 berichten, ist also Schönfärberei. Dass Michelakis Ratten statt Mäuse verwendete, ist da nur marginal.

Heilsversprechen in einer rechtlichen Grauzone

Tassano zufolge soll DCA auch keine Nebenwirkungen haben. Das liegt nicht unbedingt daran, dass es keine gibt: Sie sind schlichtweg so gut wie nicht erforscht. So berichten in dem Forum auf thedcasite.com einige, die die Substanz ausprobiert haben, von Schwäche, Müdigkeit, Zittern - und Schmerzen am Tumor. Außerdem gibt es wissenschaftliche Indizien, dass eine dauerhafte Anwendung zu Nerven- und Leberschädigungen führt, immerhin reversiblen. Wegen Nervenschäden musste im letzten Jahr sogar eine DCA-Studie mit Menschen abgebrochen werden, hieß es im Fachmagazin "Neurology" (Bd. 66, S. 324, 2006).

Es gebe sehr wenige Studien mit jeweils nur einigen Teilnehmern, bei denen DCA untersucht wurde, berichtet der Experte für Arzneimittelsicherheit Hagemann. Und DCA scheine in Großbritannien angewendet zu werden - vor allem bei Kindern mit Milchsäureüberschuss im Blut infolge einer angeborenen Störung der Mitochondrienfunktion. Allerdings: DCA ist weder als Tier- noch als Humanmedikament zugelassen; es taucht nicht im Verzeichnis der US-Arzneimittelbehörde FDA auf und auch nicht in der deutschen Arzneimittelverzeichnis, der sogenannten Roten Liste.

Darauf verweist auch CDA-Verkäufer Tassano. Er erklärt auf seinen Webseiten zudem, dass er kein Mediziner ist und dass jeder mit seinem Arzt über DCA sprechen soll. Damit will sich Tassano gegen rechtliche Konsequenzen absichern - er agiert zusammen mit seinem Kollegen, einem US-Chemiker, in einer rechtlichen Grauzone.



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