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Krebs-Impfung: Heftiger Disput zwischen Nobelpreisträger und Ärztekammer-Chef

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Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen wirbt offensiv für die umstrittene Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs - inzwischen sogar in Anzeigen der Chemieindustrie. Jetzt ist es zu einem heftigen Streit mit Ärztekammerpräsident Günther Jonitz gekommen. Er zeigt, wie gespalten die Ärzteschaft ist.

Es kommt nicht häufig vor, dass Top-Mediziner auf diese Art miteinander umgehen: Von Unterstellungen, einem "großen Skandal", "Heilsversprechen ohne Heilung" und "moralischem Druck mit potentiellen Opfern" ist die Rede. Die Urheber des Disputs: Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen und Ärztekammerpräsident Günther Jonitz. Sie streiten in einem Briefwechsel, der SPIEGEL ONLINE vorliegt, derzeit heftig über Wirkung und Nutzen der Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs.


Seit März 2007 empfiehlt die Ständige Impfkommission (Stiko) für alle Mädchen von 12 bis 17 Jahren die Immunisierung gegen Humane Papillomaviren (HPV). Mindestens 13 Subtypen dieser Viren können Gebärmutterhalskrebs auslösen - für diese Entdeckung hat zur Hausen im vergangenen Jahr den Medizin-Nobelpreis bekommen. Doch die entsprechenden Impfstoffe wirken nur gegen die gefährlichen HPV-Typen 16 und 18 und teilweise gegen drei weitere krebsauslösende Subtypen. HPV-16 und -18 sind für bis zu 70 Prozent aller Tumoren verantwortlich.

Weil Gebärmutterhalskrebs nur sehr langsam entsteht, haben bisherige Impfstoffstudien lediglich ergeben, dass die Immunisierung vor Krebsvorstufen schützt. Einige Forscher - darunter zur Hausen - halten es für selbstverständlich, dass damit auch ein Schutz vor dem eigentlichen Tumor besteht. Kritiker aber bezweifeln das - und halten die flächendeckende Einführung der Immunisierung für überstürzt und in ihrem Nutzen für nicht ausreichend belegt.

13 deutsche Wissenschaftler hatten in einem Manifest die Stiko Ende 2008 aufgefordert, die Impfempfehlungen zu überprüfen. Die daraufhin auch vom Gemeinsamen Bundesausschuss geforderte Neubewertung steht kurz bevor. Ärztekammerpräsident Günther Jonitz plädiert dafür, nicht von einer "Impfung gegen Krebs" zu sprechen.

"Nicht einen Pfennig von der Pharmaindustrie"

Nobelpreisträger zur Hausen, der am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg arbeitet, wirft sich mit aller Kraft den Kritikern entgegen. "Den ersten gezielten Impfstoff gegen Krebs verdanken wir der Gentechnik", sagte zur Hausen in einem Interview mit dem "Forum Chemie macht Zukunft". Das Gespräch war vergangene Woche als ganz- oder doppelseitige Anzeige in mehreren großen Zeitungen und Zeitschriften - so auch im SPIEGEL - erschienen.

Wer allerdings hinter dem "Forum Chemie macht Zukunft" steht, ist weder auf den ersten noch auf den zweiten Blick ersichtlich. Die Website des Forums ist, so steht es im Impressum, ein Angebot einer "Chemie-Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft mbH" mit Sitz in Frankfurt. Für die Inhalte zeichnet ein gewisser Stefan Hilger verantwortlich.

Was man nirgendwo erfährt: Hilger ist Pressesprecher des Verbands der chemischen Industrie - und der hat laut Hilger gemeinsam mit 26 anderen Pharma- und Chemiekonzernen die teure Anzeigenkampage bezahlt. Sanofi Pasteur und GlaxoSmithKline, die Hersteller der HPV-Impfstoffe Gardasil und Cervarix, gehören nicht zu den Finanziers der Anzeigen. Zur Hausen sagte dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Zu dem Inhalt des Interviews stehe ich komplett. Aber ich habe dafür keinen Pfennig erhalten. Ich beziehe keinerlei Geld von der chemischen Industrie und auch nicht von den Impfstoffherstellern."

Doch durch die Anzeige haben sich die Fronten weiter verhärtet, der Streit ist neu entfacht: "Es ist Ihnen bekannt, dass die HPV-Impfung nicht pauschal oder umfassend gegen Gebärmutterhalskrebs schützt", schrieb Ärztekammerpräsident Jonitz kurz nach Erscheinen des Anzeigen-Interviews an zur Hausen. "Sie sollten keine Erwartungen schüren, die nicht eingehalten werden können. Heilsversprechen ohne Heilung, gegebenenfalls mit schwerwiegenden Nebenwirkungen, untergraben die Glaubwürdigkeit der Ärzteschaft und schaden Menschen."

"Eine große Zahl unglücklicher Frauen"

Zur Hausen reagierte empört, forderte schriftlich eine Entschuldigung von Jonitz - und keilte zurück: Mit dem Manifest gegen die HPV-Impfung hätten die Kritiker großen Schaden angerichtet. "Wenn die Aussagen der Industrie stimmen, dass danach in Deutschland die Impfraten um gut 50 Prozent zurückgingen, handelt es sich hier um einen großen Skandal der deutschen Medizin. Die Verfasser werden sich in Zukunft vorhalten lassen müssen, welche Konsequenzen sich hieraus für eine große Zahl unglücklicher Frauen ergeben." Auch im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE betont zur Hausen: "Ich möchte, dass möglichst viele der jungen Frauen schon heute geimpft werden, um Tausende Todesfälle zu vermeiden." Jonitz aber moniert, der Nutzen der Impfung werde den Frauen ebenso wenig klar gemacht wie der mögliche Schaden.

Eine vom Hersteller finanzierte Studie im Fachblatt "Lancet" kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass der Impfstoff Cervarix bei der Gruppe der Frauen, die alle drei Impfungen bekommen und noch keine HPV-Infektion hatten, fast 93 Prozent der Veränderungen verhindern kann, die durch HPV-16 und -18 ausgelöst werden. Dabei handelte es sich um sogenannte CIN2+-Läsionen: mittelgradige bis schwere Veränderungen, die oft in bösartige Tumoren übergehen.

Nutzen stiften und Schaden abwenden

Zur Hausen sieht das als Beweis für die hervorragende Wirkung von Cervarix: "Die Impfung ist bekanntermaßen nur prophylaktisch wirksam." Die Internistin Ingrid Mühlhauser, die an der Universität Hamburg Gesundheitswissenschaften lehrt, meint hingegen: "Diese Stichprobe ist nicht repräsentativ." Für die Bevölkerung relevant sei zum einen die Gruppe, die unabhängig von einer HPV-Infektion mindestens eine Impfung bekommen habe. "Zum anderen ist der Vergleich wichtig zwischen den gegen HPV-16 und -18 geimpften Frauen und den Ergebnissen für die Gesamtheit der vermuteten Krebsvorstufen - unabhängig vom Virentyp", so Mühlhauser im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. In dieser Gruppe nahm das relative Risiko für eine CIN2+-Läsion um 30 Prozent ab, für eine CIN3+-Läsion um 33 Prozent.

"Die Wirksamkeit der HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs ist nur eine partielle", schrieb Jonitz deshalb an zur Hausen. "Solange nur ein Teil der Viren, die Gebärmutterhalskrebs auslösen, durch die Impfung erfasst ist, ist der Schutz unvollkommen." Jonitz führt zudem an, was mehrere Kritiker befürchten: Es werde nicht berücksichtigt, wie viele junge Frauen aufgrund der "Behauptung, die HPV-Impfung schütze gegen Krebs", nicht mehr zur Früherkennung gingen. Das könnte zu neuen unerkannten und unbehandelten Krebsfällen führen.

Eine Einigung der Parteien ist bislang nicht in Sicht. Ob die Neubewertung der Stiko daran etwas ändern wird, glaubt kaum einer der Beteiligten. Immerhin - eine Einsicht gibt es: "Wir sind beide davon angetrieben, Nutzen zu stiften und Schaden abzuwenden", schrieb Jonitz an zur Hausen. "Der Disput ist der über Methoden und Wege."

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1. Trau keiner medizinischen Prophylaxe/Therapie...
Peter Kunze 20.07.2009
...die jünger als 25 Jahre ist.
2. Es gibt keine Krebs-Impfung
rf12345 20.07.2009
Wie kann es sein, dass man diesen Artikel mit "Krebs-Impfung" betitelt? Das Verfahren wurde doch sogar kurz erklärt: Eine Impfung gegen das Virus, das ich manchen Fällen, Gebärmutterhalskrebs auslösen KANN. Es ist unmöglich gegen Krebs zu impfen.
3. Vorsicht
golomann 20.07.2009
ich bin kein Arzt, habe also keine Ahnung, aber mein Hausarzt (der auch noch Kassenpatienten behandelt) darauf angesprochen sagt ganz klar, "Ich bin entsetzt über so manche Kollegen". Was mein Tierarzt zum selben Thema sagt lasse ich lieber sein, könnte eine Anzeige wegen übler nachrede zur folge haben.
4. Glaubwürdig oder PR?
copic_marco 20.07.2009
Studien für die Öffenlichkeit müssen immer unabhängig sein. Es gab da früher schon den schönen Witz von Otto: "...es wurde festgestellt das rauchen doch nicht die Gesundheit schädigt. Gezeichnet Doktor Malboro"
5. ...
camemberta 20.07.2009
Ich möcht mal so sagen: Klar sagt der eine Professor, dass es zum Nutzen und Frommen der Mädchen ist. Doch welchen Nutzen hätte der andere, dies abzulehnen? Neid kanns ja auch nicht sein, den Nobelpreis hat zur Hausen ja eh schon. Und das ist genau der Punkt, der mich stutzig macht: Falls nicht wirklich starke begründete Zweifel am nachhaltigen Nutzen der Impfung bestehen, hätte der Jonitz nun wirklich keinerlei Grund oder Vorteil, dagegen zu sein. Ich hab meine ältere Tochter noch nicht impfen lassen, ich schau mir das noch kritisch an und bin an sich kein Impf-Gegner, aber so lange doch immer wieder Zweifel auftauchen, nehme ich diese ernst.
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