Krebsviren-Forscher zur Hausen: Nobelpreis für den beharrlichen Zweifler

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Er galt anfangs als Außenseiter, kaum jemand glaubte an seine Theorien - jetzt wird der Heidelberger Mediziner Harald zur Hausen mit dem Nobelpreis geehrt. Das Ergebnis seiner Forschungen: eine hochwirksame Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs.

Harald zur Hausen hat, was einen echten Wissenschaftler ausmacht: Neugier, Hartnäckigkeit, Erfindungsreichtum. Vor allem aber glaubt er nicht alles, was die Forscherwelt ihm vorsetzt. Wohl auch dieses Misstrauen hat dem 72-jährigen Deutschen nun den Nobelpreis für Physiologie und Medizin eingebracht.

Vor mehr als 30 Jahren schwelte in der Medizinwelt das Gerücht, Herpesviren könnten Schuld daran sein, dass Frauen an Gebärmutterhalskrebs erkranken. Harald zur Hausen, damals Leiter der Virologie an der Universität Erlangen-Nürnberg, glaubte nicht daran. Er hatte zahlreiche Zellkulturen untersucht und nie auch nur Bruchstücke eines Herpesvirus gefunden.

Stattdessen war zur Hausen auf einen ganz anderen Erreger gestoßen: das Humane Papillomavirus (HPV). Bekannt war schon damals, dass die Viren Haut- und Schleimhautzellen befallen und zu gutartigen Wucherungen führen können. Im Genitalbereich entstehen dadurch sogenannte Feigwarzen. Von Krebs war allerdings nie die Rede gewesen, zumal bis dahin kein Forscher auf HPV im Zusammenhang mit Gebärmutterhalskrebs aufmerksam geworden war.

Zur Hausen stellte jedoch eine neue Theorie auf und publizierte sie 1976: Humane Papillomaviren würden menschliche Tumorzellen befallen und dort in einer untätigen Starre verharren, so seine Annahme. Das machte sie unsichtbar für herkömmliche Tests. Jahrelang suchte der Virologe nach einem Beweis für seine Theorie, doch die Viren präsentierten sich fast nie vollständig in menschlichen Zellen, sondern waren nur in Fragmenten vorhanden. Im Lauf der Zeit erkannte der Wissenschaftler deutlicher, dass es sich bei den HP-Viren um eine besonders heterogene Gruppe von DNA-Viren handelt.

Tückische DNA-Viren

1983 entdeckte zur Hausen einen neuen Subtyp, die sogenannten HPV-16. Ein Jahr später gelang ihm endlich der Durchbruch: In Tumorzellen von Frauen mit Gebärmutterhalskrebs konnte er HPV-16 und -18 nachweisen und sogar klonen. Heute weiß fast jeder Arzt, dass die Mehrheit aller Patientinnen mit Gebärmutterhalskrebs mit Humanen Papillomaviren infiziert ist.

In Deutschland erkranken jährlich rund 6500 Frauen neu an dem sogenannten Zervixkarzinom, einem bösartigen Tumor des Gebärmutterhalses. Vor allem zwischen 35 und 55 Jahren ist das Risiko besonders groß, laut Robert-Koch-Institut in Berlin (RKI) gibt es einen weiteren Erkrankungsgipfel nach dem 60. Lebensjahr.

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Der Krebs ist aggressiv und führt unbehandelt in den meisten Fällen zum Tod. Früherkennungs-Untersuchungen können den Tumor zwar in Schach halten, denn chirurgisch können Ärzte befallenes Gewebe und damit auch die Viren entfernen. Dennoch sind im Jahr 2004 nach der Todesursachenstatistik des Statistischen Bundesamtes 1660 Frauen in Deutschland an Gebärmutterhalskrebs gestorben.

Schuld sind in etwa 70 Prozent der Fälle Humane Papillomaviren: HPV-16 ist in 50 bis 60 Prozent, HPV-18 in 10 bis 20 Prozent der bösartigen Tumore nachweisbar, so das RKI. Die Erreger werden durch Geschlechtsverkehr übertragen, mehr als zwei von drei sexuell aktiven Frauen sind mit HPV infiziert.

Nachdem Harald zur Hausen die Erreger identifiziert hatte, begab sich die Pharmaindustrie auf die Suche nach einem Impfstoff. Mit Erfolg: Seit 2006 ist die Vakzine mit dem Handelsnamen Gardasil von der Firma Merck & Co in Deutschland zugelassen. Sie soll vor den HPV-Subtypen 6, 11, 16 und 18 schützen. Von GlaxoSmithKline gibt es seit September 2007 den Impfstoff Cervarix, der eine Infektion mit HPV-16 und -18 verhindern soll.

Braucht man eine Auffrischungsimpfung?

Die Impfstoffe versprechen unterschiedlichen Studien zufolge einen mehr als 95-prozentigen Schutz. Entsprechend euphorisch reagierte die Medizinerwelt: Das renommierte Fachblatt "The Lancet" forderte im Jahr 2007, die Impfung gegen HPV für alle elf- bis zwölfjährigen Mädchen in der EU zur Pflicht zu erheben. In Deutschland wird es zwar eine solche Impfpflicht nicht geben, allerdings empfiehlt die Ständige Impfkommission Stiko, Mädchen im Alter von 12 bis 17 Jahren zu immunisieren. Drei Dosen der Vakzine sollten demnach noch vor dem ersten Geschlechtsverkehr verabreicht werden. Nach Angaben des RKI besteht für rund fünf Jahre eine Immunität. Ob dann aber eine Auffrischungsimpfung notwenig ist, ist Medizinern bislang noch unklar.

Eine weitere Wissenslücke klafft bei den Nebenwirkungen: Von Ärzten, die ihre Patientinnen geimpft haben, gab es bereits zahlreiche Hinweise, dass die Frauen danach an Kopfschmerzen, Fieber, Juckreiz oder Blutungen litten. Es gab sogar zwei Todesfälle, die in zeitlichem Zusammenhang mit den Immunisierungen auftraten. Allerdings ist bis heute nicht nachgewiesen, ob sie ursächlich mit den Impfstoffen zusammenhängen.

Zudem ist bislang nichts über den Langzeiteffekt der Impfung bekannt: Nach einer HPV-Infektion dauert es meist mehrere Jahre, bis eine Frau an Gebärmutterhalskrebs erkrankt. Die Studien hätten lediglich die Auswirkung der Impfung auf Frühformen des Tumors untersucht, bemängeln Kritiker.

Das Nobelpreis-Komitee würdigte zur Hausens Arbeit ausdrücklich. Er habe sich "gegen die vorherrschende Lehrmeinung" durchgesetzt und nicht nur die Beschreibung des Infektions- und Krankheitsverlaufs, sondern auch die Entwicklung von Impfstoffen möglich gemacht.

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