Kriegerische Herrscher Der Geist der Samurai

Im Jahr 1274 segeln die Mongolen mit einer gewaltigen Flotte nach Japan. Den Invasoren stellen sich gepanzerte Samurai entgegen: adelige Krieger, die nach alter Tradition mit Schwert und Bogen kämpfen. Doch gegen die Waffen und die neuartige Taktik der Angreifer haben sie keine Chance - bis ihnen die Götter zu Hilfe kommen.

Von Walter Saller


Schon seit Tagen starren die japanischen Wachen hinaus auf den leeren Spiegel der Bucht von Hakata. Schließlich entdecken sie ihn, den kleinen Punkt in der Ferne. Rasch wird er größer, breiter, und mit einem Mal können sie Mastbäume und Segel erkennen. Unzählige Schiffe gleiten an diesem 18. November 1274 in die Bucht an der Westküste der Insel Kyushu. Der Herrscher der Mongolen hat seine Drohung wahr gemacht. Kublai Khan hat seine Krieger geschickt.

Viele Jahrhunderte lang haben sich die Japaner auf den Schutz des stürmischen Meeres vor ihren Inseln verlassen, auf ihre schroffen Küsten und steilen Klippen. So hofften sie, vor Angriffen von außen sicher zu sein. Doch dieser natürliche Schutzschild ist nicht vollkommen. So bieten etwa die langen Sandstrände von Hakata Eindringlingen gute Landemöglichkeiten. Und eben diese Bucht soll nun zum Tor für Kublai Khan werden, der in Japan einfallen und das Kaiserreich erobern will.


Die Armada wirft Anker. Von Hügeln am Rand der Bucht spähen die Wachtposten hinunter aufs Meer. Etwa 300 große Schiffe zählen sie, glaubt man zeitgenössischen Berichten, und mehr als 400 kleinere: eine Stadt aus Kriegsschiffen und Lastkähnen, bevölkert von Seeleuten und Kämpfern.

Am Tag darauf greifen die Mongolen an. Ihnen stellt sich der japanische Kriegeradel entgegen: die Samurai.

Seit Jahrhunderten sind die gepanzerten Reiterkrieger die "Zähne und Klauen" des Kaiserhofes. Verdingen sich zudem als Palastwache, Leibwächter, Steuereintreiber oder Söldner mächtiger Fürsten. Im Jahr 792 hatte der damalige Herrscher seine Armee aus zwangsrekrutierten Bauern aufgelöst - zu teuer, zu unzuverlässig war sie ihm geworden. An ihre Stelle traten im Laufe vieler Jahrzehnte die Samurai. Sie sind adelige Kämpfer, viele von ihnen besitzen Ländereien. Sie sind lokalen Fürsten loyal ergeben, sie sind stolz, sie halten sich für unbezwingbar.

Denn in all diesen Jahren kämpfen die Samurai zwar in internen Fehden immer wieder gegeneinander, sonst aber gibt es auf japanischem Boden niemanden mehr, der den Reiterkriegern ernsthaft Paroli bieten könnte.

Bis zum 19. November des Jahres 1274. Tausende Samurai reiten an diesem Morgen den Mongolen in der Bucht von Hakata entgegen - ein jeder gepanzert, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, mit Lanze und zwei Schwertern. Viele Krieger haben ihren Kopf durch Gesichtsmasken und gehörnte Helme geschützt. Die Meister des Bogenschießens aus dem Sattel feuern zunächst einen Hagel von Pfeilen gegen die Feinde ab.

Doch die ehrenvollste Form des Krieges ist für den japanischen Schwertadel der Zweikampf. Laut verkündet der ins Gefecht reitende Samurai seinen Namen, seinen Rang und seinen Stammbaum, um die Feinde aufzufordern, ihm einen würdigen Gegner zu stellen. Das ist die Art der Japaner, Krieg zu führen.

Die Truppen der Mongolen dagegen stürmen in geschlossener Formation vorwärts: in langen, gegürteten Mänteln und mit Lanzen. Die Versuche der Samurai, die Front der Feinde in Zweikämpfe aufzulösen, beantworten die kriegserfahrenen Soldaten des Khans mit Giftpfeilen - und Granaten. Wie gigantische Feuerwerkskörper explodieren die archaischen Bomben mitten unter den Samurai, versetzen Pferde und Reiter in Panik. Schwarzpulver als Mittel des Krieges kennen die Japaner nicht.

Neben den Donnerschlägen der Detonationen sind schon bald die Schreie der Verwundeten zu hören. Sand und Erde am Ufer färben sich rot. Unter schweren Verlusten müssen die Japaner, überrumpelt von der Taktik und den Waffen der Eindringlinge, zurückweichen ins Hinterland. Die Angreifer besetzen die Stadt Hakata und plündern sie. Spät in der Nacht nimmt der Himmel einen tiefroten Ton an. Hakata brennt.

Weit haben die Mongolen das Tor zu Japan aufgesprengt. Die Bucht von Hakata ist besetzt, das Heer der Samurai zerstreut, und bald werden die Soldaten des Großkhans wohl ostwärts ziehen. Um erst Heian, das spätere Kyoto, zu erobern, wo der Tenno Hof hält, der Kaiser. Und dann die Stadt Kamakura, wo der oberste Befehlshaber der Samurai residiert, der Shogun ("General"). Denn zu jener Zeit hat Japan zwei Zentren der Macht und zwei Herrscher. Nun aber wanken beide: der Tenno und der Shogun. Und das Inselreich ist bedroht wie nie zuvor in seiner Geschichte.

Doch nicht erst die Angst vor Kublai Khan hat den Kaiser dazu bewogen, die Macht mit dem Führer der Samurai zu teilen. Die Ereignisse, die zur Herrschaft der Shogune geführt haben, nahmen schon lange vor der mongolischen Invasion ihren Anfang.

85 Jahre zuvor, im späten Juli 1189, bringen Boten ein schwarz lackiertes, mit Sake gefülltes Holzgefäß nach Kamakura, einer Provinzstadt im Osten der Insel Honshu. In der Flüssigkeit schwimmt ein Kopf. Das abgetrennte und in Reiswein konservierte Haupt ist der Beweis: Minamoto no Yoshitsune ist tot. So endet die bittere Rivalität zwischen dem Volksliebling Yoshitsune und dessen älterem Bruder, dem Machtpolitiker Yoritomo. Yoshitsune, der kurz zuvor für seine Familie die Vorherrschaft unter den großen Kriegersippen der Samurai erkämpfen konnte, hat Selbstmord begangen - gejagt von den Häschern seines Bruders. Nun regiert Yoritomo über einen großen Teil des Reichs. Bald schon wird er der mächtigste Mann Japans sein.

Das 12. Jahrhundert ist geprägt von Fehden des Hofadels, von Bürgerkriegen der Samurai-Familien untereinander und Machtkämpfen zwischen amtierenden und abgedankten Kaisern. Es sind gnadenlose Auseinandersetzungen, denn Gefangene werden kaum gemacht: Geraten Samurai in einer Schlacht in aussichtslose Lage, begehen sie Selbstmord, viele durch seppuku, das "Aufschlitzen des Bauches" (auch harakiri genannt). Denn die Gefangennahme durch den Feind ist eine unsagbare Schande, die ein Krieger unter allen Umständen vermeiden muss.

Angesichts der chaotischen Verhältnisse im Land ringt sich der Kaiser schließlich zu einem Entschluss durch, der den Hof zu Heian dramatisch und dauerhaft schwächen wird. Denn mit der Wiederherstellung von Recht und Ordnung in allen Provinzen beauftragt der Tenno 1183 ausgerechnet den machthungrigen Yoritomo. Zum ersten Mal übernimmt so ein einziger Befehlshaber der Samurai die militärische Zuständigkeit für das gesamte Land. Zudem ist mit dieser Führungsrolle auch das Recht verbunden, eigenständig Ämter und Lehen zu vergeben.

Damit hat der Kaiser ein wichtiges Privileg verspielt: Nun kann Yoritomo in den nördlichen und östlichen Provinzen eigene Vasallen als Verwalter einsetzen und sich deren Loyalität durch die Verteilung von Pfründen und Ländereien sichern. Der Tenno hat Einfluss eingebüßt. Fern von Heian beginnt so in Kamakura die Herrschaft der Samurai über Japan. 1192 wird Minamoto no Yoritomo gar der prestigeträchtige Titel seii tai shogun verliehen: "Großer barbarenvertreibender General".

Rigoros erweitert der erste Shogun nun seine Machtbasis und baut Kamakura zur prunkvollen Residenz aus. Bis zum Verfolgungswahn misstrauisch, beseitigt er alle Rivalen - selbst Yoshitsune, seinen jüngeren Bruder, dessen Kopf am Ende in Sake schwimmt. Und auch nach Yoritomos Tod bestimmt die Militärregierung der Samurai unter dem neuen Shogun die Zukunft des Landes weitaus mehr als der Kaiser in Heian.

19. November 1274, Abend. Die Bucht von Hakata ist verloren. Aber diesmal begeht keiner der vor den Mongolen zurückweichenden Samurai Selbstmord. Denn die Krieger sind entschlossen, weiterzukämpfen. Trotz der Granaten. Trotz der hohen Verluste.



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