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Kriegsopfer im Irak: Forscher bezweifeln Zahl von 650.000 Toten

Es geht weniger um die Toten als um die wissenschaftliche Methode: Forscher hatten hochgerechnet, dass 650.000 Menschen zwischen 2003 und 2006 im Irak an Kriegsfolgen gestorben waren. Kollegen stellen ihre Arbeitsweise in Frage und sprechen sogar von Betrug.

Der Streit um die Kriegsopfer im Irak geht weiter: Nachdem der US-Wissenschaftler Robert Burnham von der Johns Hopkins School of Public Health in Baltimore im vergangenen Herbst Hochrechnungen im Fachblatt "Lancet" veröffentlicht hatte, nach denen 650.000 Menschen im Irakkrieg zwischen 2003 und 2006 gestorben sein sollen, stellen immer mehr Forscher die Ergebnisse in Frage. Betrug könne nicht ausgeschlossen werden, die Studienautoren würden unangenehmen Fragen ausweichen und hätten sich nur die passenden Ergebnisse herausgepickt, lauten nur einige der Vorwürfe.

Trauer um die Toten: Niemand weiß genau, wie viele Menschen schon seit der US-Invasion 2003 im Irak gestorben sind
AP

Trauer um die Toten: Niemand weiß genau, wie viele Menschen schon seit der US-Invasion 2003 im Irak gestorben sind

Burnhams Zahlen fußen auf Hochrechnungen und Umfragen. In Zusammenarbeit mit der Bagdader Al-Mustansirija-Universität hatten das Team von Burnham insgesamt 13.000 zufällig ausgewählte Menschen in 50 Regionen befragt, ob Familienmitglieder zwischen 2003 und 2006 gestorben seien. Als Beweis ließen sie sich Totenscheine zeigen - sofern vorhanden. Die erfragten Zahlen rechneten die Wissenschaftler auf das ganze Land hoch und kamen so auf 650.000 Menschen, die im Krieg durch Luftangriffe, Autobomben oder Geschütze getötet worden waren.

Deutlich darunter liegen Schätzungen von Iraq Body Count: Die britische Antikriegsgruppe geht von mindestens 48.000 Zivilopfern in demselben Zeitraum aus. Auch das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen nennt ähnliche Zahlen. Das Gesundheitsministerium in Bagdad schätzt hingegen, dass innerhalb von drei Jahren rund 150.000 Menschen gestorben sind.In einer ersten Studie zu zivilen Opfern im Irak hatte Burnham 2004 die Zahl der Toten auf bis dahin 100.000 geschätzt, die Zahl von 650.000 bezieht sich auf den Zeitraum 2003 bis 2006.

Unbeantwortete E-mails und abgewimmelte Anrufe

Eine solche Erhebung in Krisenregionen ist also äußerst schwierig und die erfragten Daten sind nicht immer repräsentativ. Wissenschaftler wollten von den "Lancet"-Autoren daher mehr über Studiendesign, Durchführung und Auswertung der Umfragen wissen. Sie beklagen jetzt jedoch, von Burnham und seinen Kollegen kaum weitergehende Informationen bekommen zu haben. Gegenüber der britischen Zeitung "Times" sprachen die verärgerten Forscher von unbeantworteten E-Mails, abgewimmelten Anrufen und von Auskünften, die bestehende Zweifel keineswegs ausgeräumt, sondern noch vertieft hatten.

"Die Methode von Burnham kann die Zahl von Todesfällen weit überschätzen", meldete sich etwa der Statistiker Michael Spagat vom Royal Holloway College an der University of London in der "Times" zu Wort. "Die Studie hält wissenschaftlichen Kriterien nicht Stand." So könne allein die Tatsache, dass die irakischen Ärzte, die die Interviews vor Ort durchführten, hauptsächlich an großen Straßen lebende Menschen befragten, die tatsächlichen Todeszahlen verzerren: Schließlich hätten diese Personen ein weitaus größeres Risiko, etwa durch Autobomben zu sterben als Menschen auf dem Land.

Ob die Umfragen tatsächlich in der angegebenen Form stattfanden, bezweifelt auch das Institute for Psychiatry (IoP) in London. "Rund 20 Minuten dauerten die Interviews", hatte Robert Burnham gesagt. Wenn tatsächlich - wie angegeben - 40 Haushalte am Tag befragt wurden, so wäre die Zeit knapp geworden, kritisiert Madelyn Hsaio-Rei Hicks vom IoP: "Unter der Annahme von zehn Stunden Dauerinterview pro Tag bei 55 Grad im Schatten, kommt man nur auf 15 Minuten pro Befragung, was die Aufklärung ebenso beinhaltet wie das Sammeln der Totenscheine und den Weg von einem Haus zum nächsten", schrieb Hicks in einem Brief an den "Lancet".

"Enttäuscht von den Politikern"

Forscher vom schwedischen Karolinska Institut in Stockholm weisen auf ein weiteres unschlüssiges Ergebnis hin: Burnhams Analysen zufolge hatte die Zahl der getöteten Kinder seit Kriegsbeginn um zwei Drittel abgenommen. Die Vorstellung aber, dass der Krieg Kinder vor dem Tod sogar beschützen könne, deute den Wissenschaftlern zufolge auf einen substantiellen Fehler hin.

Die "Times" suggeriert zudem sogar eine politische Einflussnahme der "Lancet"-Autoren: Einer von ihnen, Les Roberts, habe sich für einen Demokratensitz im Repräsentantenhaus der Vereinigten Staaten beworben. Und Richard Horton, Redakteur bei der Fachzeitschrift, sei ebenso Kriegsgegner. Ihn zitiert die Zeitung: "Keine Forschung ist perfekt, aber wir kommen der Wahrheit so nah wie möglich. Deswegen war ich auch so enttäuscht, dass viele Politiker die Ergebnisse zurückwiesen, ohne länger über das Problem nachzudenken."

Tatsächlich hatten Politiker die Resultate entweder instrumentalisiert oder scharf zurückgewiesen. Zu letzteren zählte auch US-Präsident Bush. Er sprach zwar von "entsetzlicher Gewalt", halte die Studie aber "nicht für einen glaubwürdigen Bericht".

hei

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