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Wahrnehmungsforschung: Waffen lassen Männer größer erscheinen

Zeig mir, was du trägst - und ich sage dir, wer du bist. Nach dieser Devise haben Forscher mehrere hundert Probanden schätzen lassen, wie der Besitzer eines bestimmten Werkzeugs aussehen könnte. Wer Waffen trug, wurde als größer und stärker eingeschätzt.

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Fessler DMT/ Holbrook C./ Snyder JK.

Fotos von Händen mit Gegenständen: Träger der Pistole größer und stärker geschätzt

Berlin - Augenzeugen eines Verbrechens ist längst nicht immer zu trauen, erfahrene Ermittler wissen das. Im Moment der Gefahr scheinen uns unsere Sinnesorgane allzu oft einen Streich zu spielen. Deswegen können wir uns nicht darauf verlassen, dass unsere Wahrnehmungen dann auch korrekt sind. Eine neue Studie von einem Forscherteam um den Anthropologen Daniel Fessler von der University of California in Los Angeles scheint das zu bestätigen - demnach wirken Männer größer und muskulöser, wenn sie eine Waffe in der Hand haben.

Die Forscher berichten im Fachjournal " PLoS One" von Versuchen mit mehreren hundert Probanden. Die hatten sie über Kleinanzeigenportale im Internet rekrutiert - und anschließend dazu aufgefordert, sich Fotos von Händen mit Gegenständen darin anzusehen. Gezeigt wurden zum Beispiel einem Klebepistole zum Abdichten von Fugen, eine Bohrmaschine, eine Handsäge und eine Waffe.

Dann sollten die Probanden von der Hand Rückschlüsse auf die Größe der dazugehörigen Person ziehen. Dazu wurden ihnen sechs Bilder von Männern gezeigt, deren Körpergröße jeweils zunahm. Anschließend bekamen sie ebenfalls sechs Fotos von immer muskulöser werdenden Herren angezeigt. Sie sollten eine Auswahl treffen, welches der Bilder jeweils zu dem Besitzer einer Hand passen könnte.

Klebepistole macht nicht viel her

Dabei zeigte sich, dass die Probanden den Träger der Pistole stets größer und stärker schätzten als die anderen drei Männer - dabei waren die dazugehörigen Models ausgesucht worden, weil ihre Hände ähnlich groß und von ähnlichem Bau waren. Auch hatten die Forscher darauf geachtet, dass keine Kennzeichen wie Narben oder Tattoos den Blick ablenkten.

Außerdem ließen sie die Pistole in verschiedenen Durchläufen des Versuchs von einem jeweils anderen Model halten. Auch die Reihenfolge, in der die Bilder gezeigt wurden, variierte in verschiedenen Testrunden. Das Ergebnis blieb: Im Schnitt schätzten die Probanden den Träger der Pistole um 17 Prozent größer und kräftiger ein als die anderen Männer. Am kleinsten und schmächtigsten wurden die Träger der Klebepistole eingeschätzt.

Die Forscher folgern daher, dass wir Menschen über einen unterbewussten Mechanismus verfügen, der nach Blick auf einen potentiellen Gegner das Bedrohungspotential umrechnet in Kriterien, wie sie auch aus dem Tierreich bekannt sind: physische Größe und Stärke.

Dass der Warnmechanismus tatsächlich das gefährlichste Instrument herauspickt, wollten die Forscher mit einer weiteren Testreihe belegen. Sie sollte ausschließen, dass nur die Pistole als besonders gefährlich wahrgenommen wurde. Hier wurden den Probanden ein Küchenmesser, ein Pinsel und eine Wasserspritzpistole gezeigt - und die Träger des Küchenmessers als am größten und stärksten eingeschätzt.

Die Studie gehört zu einem Projekt, das vom U.S. Air Force Office of Scientific Research gefördert wird. Es geht dabei um die Entscheidungsfindung bei Menschen, denen ein gewaltsamer Konflikt drohen könnte. Die Forscher gehen davon aus, dass ihre Erkenntnisse durchaus Folgen für das Auftreten von Polizisten, Soldaten und Gefängnisaufsehern haben könnten.

chs

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