Künstliche Intelligenz: Chauvi gegen Chip

Der Mensch dringt in die Welt des Allerkleinsten vor: Bald können wir Atome manipulieren, glaubt Ulrich Walter. Bis zur künstlichen Intelligenz wäre es nur noch ein kleiner Schritt. Doch dann müssten wir den Glauben an unsere Einzigartigkeit begraben - und Robotern Menschenrechte zugestehen.

Forschung am Bio-Nano-Zentrum in Halle: Kann ein Siliziumchip je Bewusstsein erlangen? Zur Großansicht
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Forschung am Bio-Nano-Zentrum in Halle: Kann ein Siliziumchip je Bewusstsein erlangen?

Wir beginnen nach und nach, mit modernen Techniken die extrem kleine Welt auf atomaren Nanometer-Skalen zu verändern. Diese Nanomanipulation wird unser tägliches Leben gravierend verändern.

Die Natur nutzt die atomare Nanowelt als ultimativen Informationsspreicher. Und auch wir können diese Speichermöglichkeit anzapfen, um Intelligenz und Bewußtsein künstlich zu schaffen. Unsere Gene sind nichts anderes als der Massenspeicher unserer Körperzellen. Gelingt es uns, diesen Code des Lebens auf atomarer Ebene zu manipulieren, dann können wir alle Eigenschaften tierischen und menschlichen Lebens bestimmen. Die ersten Schritte sind gemacht: Klonschaf Dolly war der spektakuläre Beginn einer Entwicklung, die mit geklonten Menschen enden könnte. Oder mit der Manipulation von Eigenschaften. Wer würde nicht gerne Kinder haben, die so schlau sind wie Einstein. Oder die einfach nur schön sind?

Die Herausforderung, der sich die Menschheit in diesem Jahrhundert stellen wird, lautet nicht, wie solche Genmanipulationen gezielt durchgeführt werden - das wissen wir bereits. Wichtig ist, wie wir damit umgehen werden.

Die Fortschritte der Gentechnik sind schneller als die der Ethik

Dürfen Kinder - wie bereits geschehen - nur zu dem Zweck gezeugt werden, um mit ihren Körperzellen den Blutkrebs ihres älteren Geschwisters zu heilen? Dürfen gehörlose oder blinde Eltern darauf bestehen, durch genetische Veränderung ebenfalls gehörlose oder blinde Kinder zu zeugen? Dürfen wir menschliche Zellen im Reagenzglas züchten, um andere Menschen damit zu heilen?

Dies sind ethische Fragen, die unsere Gesellschaft in diesem Jahrhundert herausfordern wird und auf die wir Antworten werden geben müssen.

Diese neuen Techniken der Genmanipulation werden nicht nur die Möglichkeiten der Medizin ändern, sondern uns selbst, unsere Sicht der Welt und welche Rolle das menschliche Individuum darin spielt.

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir nicht mehr viel Zeit, denn die ersten Pflöcke der Genmanipulation sind geschlagen. Gentomaten, neue Medikamente, pränatale Diagnostik stecken die Areale unseres Umgangs mit dem Leben schneller ab, als wir uns über die Konsequenzen im Klaren werden. Und ist der Geist der menschlichen Genmanipulation einmal aus der Flasche, lässt er sich nur schwer bändigen oder gar wieder verkorken.

Menschen sind Kohlenstoff-Chauvinisten

Wenn es uns darüber hinaus gelingen sollte, nicht nur biologische, sondern beliebige Informationen auf atomarer Ebene zu manipulieren und so zu verschalten, dass daraus ein komplexes informationenverarbeitendes System entsteht - dann wird das alles verändern. Dann wird es nach Ansicht des renommierten Computerspezialisten Ray Kurzweil im Jahr 2019 künstliche intelligente Systeme mit der Rechenleistung eines menschlichen Gehirns geben. Im Jahr 2029 könnten sie ein eigenes Bewusstsein haben. Und im Jahr 2099 könnten sie sich allenfalls noch in Äußerlichkeiten von uns Menschen unterscheiden.

Kann künstliche mit menschlicher Intelligenz gleichgesetzt werden? Angesichts dieser Vorstellung sträuben sich in jedem von uns die Nackenhaare. Im April 1996 veranstaltete die "New York Times" unter ihren Lesern dazu eine interessante Meinungsumfrage.

Die zentrale Frage lautete etwa so: "Würden Sie einem extrem intelligenten Computer oder gar Leben auf Basis von Siliziumchips mehr oder weniger Bewusstsein zugestehen als belebten Wesen wie Schlangen, Fledermäuse oder Schimpansen?"

Die Antworten waren eindeutig: 68 Prozent hielten Schlangen, 85 Prozent Fledermäuse und gar 97 Prozent Schimpansen für bewusst. Die Mehrheit hingegen wollte weder einem superintelligenten Computer noch einem dem Menschen identisches Gehirnprogramm, kopiert auf einen Chip, Bewusstsein zubilligen.

Wesen auf Kohlenstoffbasis wurde also allgemein ein höherer Bewusstseinsgrad zugebilligt als solchen auf Siliziumbasis, selbst wenn die Wesen nach außen hin die gleiche Intelligenz zeigten.

Angesichts dieser eindeutigen, jedoch irrationalen Zuordnung des Bewusstseins zu organischen Wesen sprach der zuständige "Times"-Redakteur Tony Durham von Kohlenstoff-Chauvinismus.

Bewusstsein auf Chips müssen wir auch Menschenrechte zugestehen

Menschlicher Kohlenstoff-Chauvinismus ließe sich auch so ausdrücken: Ohne zu zögern, bescheinigt jeder von uns einem Schachweltmeister eine hohe Intelligenz. Würde ein Affe ihn besiegen, würde man ihn sicherlich auch als intelligent bezeichnen. Deep Blue, den Computer, der 1997 den Schachgroßmeister Garri Kasparow bezwang, hingegen intelligent zu nennen - will keiner.

Intelligenz ist eine Sache, aber Bewusstsein? Kann ein Siliziumchip je Bewusstsein erlangen? Die Antwort der Neurobiologen ist eindeutig: Im Prinzip ist unser Gehirn nicht anderes als die komplexe Verschaltung von etwa hundert Milliarden Neuronen untereinander. Bildet man ihre Struktur mitsamt Kopplungsparametern genauso auf einen Siliziumchip ab - und nichts spricht dagegen, dass das irgendwann einmal möglich ist -, dann erlangt der Chip nicht nur die Intelligenz eines Gehirns, sondern auch alle seine Fähigkeiten. Sein Bewusstsein inklusive.

Haben wir diese Evolutionstatsache gegen jeden inneren Kohlenstoff-Chauvinismus akzeptiert, dann müssen wir auch so konsequent sein und bewussten Wesen auf Chips dieselben "Menschen"-Rechte zugestehen wie den natürlichen. Wenn ich nach meinem leiblichen Tod mit meinem Bewusstsein auf einem Chip weiterleben könnte, verlange ich natürlich auch weiterhin die Rechte, die mir bis dahin zustanden. Und jedes Bewusstsein hat denselben Wert, ob nun von einem Körper übertragen oder künstlich geschaffen.

Natürlich wird das nicht jedem passen. Doch das sind die logischen Konsequenzen, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen, wenn uns die Nanomanipulation in vollem Umfang gelingt. Und wir sind schon ziemlich nahe dran.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
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1. und ewig lockt das Weib ...
cha cha 29.10.2009
Zitat von sysopDer Mensch dringt in die Welt des Allerkleinsten vor: Bald können wir Atome manipulieren, glaubt Ulrich Walter. Bis zur künstlichen Intelligenz wäre es nur noch ein kleiner Schritt. Doch dann müssten wir den Glauben an unsere Einzigartigkeit begraben - und Robotern Menschenrechte zugestehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,656752,00.html
Im Prinzip ja. Nur: unser Bewusstsein ist ja nicht ohne Grund so entstanden, wie es ist, sondern weil es unserer biologischen Existenz dienlich ist. Ein in eine Maschine übertragenes menschliches Bewusstsein wäre also völlig sinnfrei. Wozu sollte beispielsweise ein Roboter Sex mit Marylin haben wollen, warum sollte er einen Jagdinstinkt haben und angeln gehen wollen? Ein maschinelles Bewusstsein ist deshalb nur denkbar als fundamental verschieden von unserem menschlichen Bewusstsein, wenn die Maschine nicht eine exakte Nachbildung eines ganzen menschlichen Körpers ist. Letzteres aber lässt sich auf biologischem Weg leichter produzieren als auf technischem Weg. Marylin weiss, wie's geht.
2. menchenbild
doublebass 29.10.2009
Zitat von sysopDer Mensch dringt in die Welt des Allerkleinsten vor: Bald können wir Atome manipulieren, glaubt Ulrich Walter. Bis zur künstlichen Intelligenz wäre es nur noch ein kleiner Schritt. Doch dann müssten wir den Glauben an unsere Einzigartigkeit begraben - und Robotern Menschenrechte zugestehen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,656752,00.html
dahinter steht ein sehr biologistisches technokratisches menschenbild. jedoch ist der mensch mehr als die summe seiner teile. und wie unser gehirn funktioniert haben wir vielleicht allerhöchstens in grundlagen verstanden. wer da meint, man müsste nur genügend chips miteinader vernetzen und die parameter gleichsetzen wie im menschlichen gehirn, und dann würde die k.i. herauskommen, na ja. davon abgesehen: We are not human beings having a spiritual experience, we are spiritual beings having a human experience
3. ...
seine_unermesslichkeit 29.10.2009
Das menschliches Bewusstsein kennt Sehnsucht, Leidenschaft, Wünsche und Träume als Antriebskräfte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man sowas einem Chip beibringen kann.
4. Lol
marvinw 29.10.2009
---Zitat--- Der Mensch dringt in die Welt des Allerkleinsten vor: Bald können wir Atome manipulieren, glaubt Ulrich Walter. Bis zur künstlichen Intelligenz wäre es nur noch ein kleiner Schritt. ---Zitatende--- Wir sind noch Lichtjahre von emissionslosen und effizienten Energiequellen und Heilung vieler Krankheiten entfernt und hier redet jemand von einer künstlichen Intelligenz. Lustig.
5. wozu?
cha cha 29.10.2009
Zitat von seine_unermesslichkeitDas menschliches Bewusstsein kennt Sehnsucht, Leidenschaft, Wünsche und Träume als Antriebskräfte. Ich kann mir nicht vorstellen, wie man sowas einem Chip beibringen kann.
All das ist Ausdruck Ihres Bewusstseins, hervorgerufen durch äußere Reize und darauf folgende Ausschüttung von entsprechenden Botenstoffen und Aktivierung von dazu passenden Gedächtnisarealen. Ihr Bewusstsein ist ein Prozess, der auf einer materiellen Maschine läuft, und dieser Prozess ist selbstverständlich auch künstlich nachbildbar. Die Frage ist nur: wozu?
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Zum Autor
Ulrich Walter
Ulrich Walter ist Professor für Raumfahrttechnik an der Technischen Universität München. Der ehemalige Astronaut war 1993 mit an Bord der Raumfähre "Columbia". Zusammen mit seinem Kollegen Hans Schlegel absolvierte Walter zahlreiche Experimente im All.
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