KI-Strategie der Bundesregierung ... und Griechenland wird Fußballweltmeister

Die Kanzlerin will Deutschland in Sachen Künstliche Intelligenz zum "weltweiten Spitzenreiter" machen - mit 500 Millionen Euro pro Jahr. Das ist ein Witz, wenn man weiß, wo Deutschland wirklich steht.

Angela Merkel begrüßt einen Roboter
Getty Images

Angela Merkel begrüßt einen Roboter

Eine Kolumne von


Vor einigen Wochen habe ich jemanden kennengelernt, der bei einem großen deutschen Automobilhersteller für das Thema autonomes Fahren zuständig ist. Ich habe ihn gefragt, ob sein Unternehmen Schwierigkeiten hat, Entwickler für maschinelles Lernen zu rekrutieren.

Die erste Antwort des Automanagers war erstaunlich optimistisch: Nein, so schwierig sei das nicht. Dann schob er nach, dass man in seinem Unternehmen gerade einen neuen Karrierepfad eingeführt habe: Ein qualifizierter Entwickler kann dort als Einstiegsgehalt künftig mehr bekommen, als der Vorgesetzte seines Vorgesetzten verdient.

300.000 bis 500.000 Dollar pro Jahr Einstiegsgehalt

Es ist leicht zu erraten, wie dieses erstaunliche Arrangement entstanden ist: Anders bekommt man einfach niemanden mehr.

Die "New York Times" berichtete schon 2017, dass KI-Fachleute in den USA mit Einstiegsgehältern zwischen 300.000 und 500.000 Dollar rechnen konnten. Zum Vergleich: Die Spitzenverdiener unter den deutschen Professoren bekommen etwas mehr als 100.000 Euro Gehalt pro Jahr.

Hier mal ein paar Zahlen, Sie werden staunen

Wie es bei uns in Sachen maschinelles Lernen wirklich aussieht, kann man an den Tagungsbeiträgen bei großen internationalen Fachkonferenzen ablesen. Unter Informatikern sind per Peer Review ausgewählte Konferenzbeiträge zentral fürs Renommee.

Die wichtigste KI-Konferenz der USA heißt NIPS, das steht für Neural Information Processing Systems. Zur NIPS 2017 wurden 3240 Paper eingereicht, davon wurden 679 akzeptiert. 91 stammten von Google und seiner Tochter Deepmind, weitere 40 von Autoren, die für Microsoft arbeiten. Unter den 57 Institutionen, die mehr als fünf Paper auf der Tagung unterbrachten, sind fünf europäische - und keine deutsche.

Aber vielleicht bei einer europäischen Tagung?

Das heißt nicht, dass deutsche Forscher dort gar nicht vertreten waren - aber es waren eben sehr wenige.

Es ist begrüßenswert, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel "Deutschland und Europa bei der Künstlichen Intelligenz weltweit zum Spitzenreiter" machen will. Im Moment klingt das aber in etwa so, als verspreche Griechenland, die nächste Fußball-WM zu gewinnen.

Gut, die NIPS findet in Kalifornien statt und Reisebudgets sind ja immer zu klein. Vielleicht reichen deutsche Forscher ihre KI-Arbeiten ja lieber bei einer großen europäischen Konferenz ein? Wie der International Conference on Machine Learning (ICML), die 2018 in Stockholm stattfand?

13 Prozent der ICML-Paper kommen von Google

58 Institutionen kamen dort auf mehr als fünf angenommene Beiträge - und darunter sind immerhin zwei Deutsche: Das Max-Planck-Institut für intelligente Systeme und die Universität Tübingen. Zusammen kommen sie auf 21 Beiträge. Das ist beachtlich - genau so viel wie die Gesamtzahl der erfolgreichen Einreichungen von Facebook-Mitarbeitern.

Zählt man alle Google-Paper bei der Tagung zusammen, kommt man auf 82. Das sind 13 Prozent aller erfolgreichen Einrichtungen.

Parallel zu dem, was in den USA los ist, passiert in Sachen KI natürlich auch in China sehr viel gerade - die chinesischen Entwickler sind nur auf westlichen Konferenzen nicht ganz so präsent. Vielleicht, weil sie ihre Ergebnisse lieber für sich behalten.

80 Prozent zu Google und Facebook?

Nicht, dass hier Missverständnisse aufkommen: Es ist gut und begrüßenswert, dass US-Konzerne zumindest einige ihrer Erkenntnisse mit der Wissenschaftscommunity teilen. Für demokratische Gesellschaften wird es aber irgendwann problematisch, wenn die Expertise für eine zentrale, fast alle Lebensbereiche betreffende, rasant weltverändernde Zukunftstechnologie privatisiert wird.

Ein auf Personalrekrutierung spezialisierter US-Unternehmer hat Anfang des Jahres in "Forbes" behauptet, 80 Prozent aller US-Hochschulabsolventen mit einem einschlägigen Doktortitel landeten derzeit bei Google oder Facebook.

Ich habe diese Zahlen kürzlich in einem Vortrag beim Paderborner Nixdorf-Kolloquium präsentiert, in der heimlichen Hoffnung, dass die Informatiker im Publikum mir widersprechen würden. Leider war das nicht der Fall. Es gab nur deprimiertes Schweigen.

Die drei magischen Zutaten der KI-Forschung

Um in maschinellem Lernen schnell Fortschritte zu machen, braucht man drei Dinge:

1 Rechenleistung - die bei Google und Co. bekanntlich in Hülle und Fülle vorhanden ist, bis hin zu eigens für maschinelles Lernen entwickelten Spezialchips. Das exponentielle Wachstum der in KI investierten Rechenleistung wird maßgeblich von Google vorangetrieben.

2 Große Datenmengen - und auch die liegen im Silicon Valley bekanntlich vor. Wussten Sie zum Beispiel, dass sie jedes Mal, wenn sie auf einem Captcha Schornsteine oder Zebrastreifen identifizieren, Daten fürs Machine Learning erzeugen? Und zwar für Google?

Google reCAPTCHA

3 Innovationen, also schlaue Leute. Die natürlich auch wieder bevorzugt dort arbeiten, wo Rechenleistung und Trainingsdaten en masse zur Verfügung stehen. Und wo man fünf- bis zehnmal so viel verdienen kann wie auf einer Postdoc-Stelle an einer deutschen Hochschule.

Man kann der Bundesregierung nicht vorwerfen, dass sie all das nicht erkannt hätte. Sie will "international attraktive und konkurrenzfähige Arbeitsbedingungen" ermöglichen, heißt es im KI-Strategiepapier. Wie das aber mit auf sechs Jahre gestreckten drei Milliarden Euro gehen soll, ist mir schleierhaft. Zum Vergleich: Für Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur standen gut 14 Milliarden zur Verfügung - nur für 2018.

100 neue Professuren im KI-Bereich sind eine gute Idee, weil vielleicht doch der eine oder andere Spitzeninformatiker lieber frei forschen möchte als die Macht des digitalen Oligopols zu mehren. Aber reichen wird das nicht.

Hochschulen müssten ihren Spitzenkräften erleichtern, an ihren Erfindungen zu verdienen. Sie müssten bessere Arbeitsbedingungen bieten - und gerade Nachwuchsforschern Perspektiven gehen, die über die "wer einen Lehrstuhl ergattert, gewinnt, alle anderen verlieren"-Lotterie hinausgehen. Das wird deutlich teurer als drei Milliarden. Aber mit Kleingeld vom Nachzügler zum "weltweiten Spitzenreiter" zu werden, wird kaum klappen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Der Rationalist


insgesamt 107 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
wannbrach 18.11.2018
1.
Es ist leider die Wahrheit dass Deutschland in der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz ein Entwicklungsland ist und er Betrag von einer halben Milliarde bei weitem nicht reicht den Zustand zu verbessern.
durch blick 18.11.2018
2. Nur mal so nebenbei bemerkt,
Siemens 8080, der erste Microprozessor, dann die komplette Entwicklung verschlampt. Ja ich höhre noch meine damaligen Vorgesetzten in diesem Konzern, wer braucht denn sowas, war die Antwort auf Innovationsvorschläge. Schon in den 1970gern haben "führende Konzerne" in Deutschland aus Verlustangst nicht genug Geld in die Hand genommen um mitzuhalten. Das Endergebnis sehen wir heute, fast alle Elektronikunternehmen, DUAL, Grundig, Saba, etc. gibt es nicht mehr. Da wurden einfach handwerkliche Fehler in den Chefetagen gemacht, mit genau so viel Hochnäsigkeit wie heutzutage. Habe die Ehre DB
JoachimZ. 18.11.2018
3.
Was für ein Witz! Mit 500 Mio. pro Jahr will man eine sog. "KI" schaffen? Womöglich besteht die dann auch sogar den Turingtest, oder? Ja ne, ist klar! Erst sollte zunächst die natürliche Intelligenz gefördert werden. Und überhaupt, Merkel weiss überhaupt nicht, was "KI" ist!
hmoik 18.11.2018
4. Innovationen entstehen nicht...
...durch staatliche Förderung, wenn nicht ein klares Ziel vorgegeben wird, "führend in der KI" ist viel zu metaphysisch. Staatliche Programme können durchaus die Grundlage sein, gerne trage ich auch hier mein immer wiederholtes Mantra vor: was war der wesentliche Anstoss für die Entstehung des Silicon Valleys? Das Mond-Programm Kennedy's. Mein Büro war auf dem Fairchild Drive in Mountain View, benannt nach der Firma Fairchild Semiconductor und ihrem Gründer. Und diese Firma hat sich gegenüber dem NASA Aimes Research Center angesiedelt (auf der Ostseite des HW 101), weil sie die Chips geliefert hat. Alles mit Staatsknete. Einige Mitarbeiter haben sich Jahre später mit ihrer eigenen Firma selbstständig gemacht: Intel. Mit dem damals ersten vergebenen Venture Capital, da weder Banken noch Staat sich vorstellen konnten, was die da bei Intel wohl machen... Anderes, europäisches Beispiel gefällig? Airbus. Keine komplett neue Technologie, aber ein klares Ziel. Ein mögliches Ziel müsste also eher lauten: "wir schaffen bis 2025 eine KI Plattform, die jedem Menschen frei zugänglich zur Verfügung steht und in die Lage versetzt, darauf Programme und Services zu entwickeln, die die Menschheit voran bringen. Hierzu entwickeln wir ein Gerät, welches jeder in Europa zur Verfügung gestellt bekommt. Alle öffentlichen Services basieren zukünftig ausschliesslich auf dieser Plattform." ...oder ähnlich.
so-long 18.11.2018
5. Ich würde
im Zweifelsfall auch eher für 300-500k$ in den USA, als für ein Bruchteil in D arbeiten. D hat seine Probleme mit (wirklichen) Eliten, beginnt schon in der Schule.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.