Künstliche Kniegelenke: Rolls-Royce statt Tropfsteinhöhle

Von Hans Halter

Tag für Tag werden in Deutschland rund 300 Kniegelenke durch Prothesen aus Metall und Kunststoff ersetzt. Der richtige Boom, sagen die Chirurgen, kommt aber erst noch.

Seit den Goldenen Zwanzigern hüpft Johannes Heesters auf Bühnen herum, steppt und lässt die Puppen tanzen. Der populäre Ufa-Star, mittlerweile 97 Jahre alt, mag vom Tingeln nicht lassen. Nur seine Kniegelenke waren am Ende des bewegten Jahrhunderts uralt und todmüde.

Kniegelenksspiegelung (Einbau eines Meniskustransplantats): Blick in eine alte Tropfsteinhöhle
Christoph Erggelet

Kniegelenksspiegelung (Einbau eines Meniskustransplantats): Blick in eine alte Tropfsteinhöhle

Nun sind sie unter der Erde, entsorgt nach zwei Operationen.

Heesters hat sich Knieprothesen machen lassen, raffinierte Konstruktionen aus Edelstahl, Titan und Polyethylen. Jetzt kann es schmerzfrei weitergehen, dem 100. Geburtstag entgegen.

Der greise Künstler ("Jetzt geh ich ins Maxim"), erfolgreich operiert in der Würzburger Rotkreuzklinik, ist der bekannteste Knieprothesenempfänger dieses Jahres, doch nur einer von rund 100.000. Der Eingriff ist bereits Routine und auf dem besten Weg, die populären Hüftgelenksoperationen zahlenmäßig zu überrunden. Die Krankenkassen, schon jetzt mit rund zwei Milliarden Mark Honorar dabei, werden noch staunen: In den nächsten zehn Jahren wird sich die Zahl der Knieprothesen-OPs verdreifachen.

Das hat viele Gründe: "Das menschliche Kniegelenk ist eigentlich eine Fehlkonstruktion", erkannte schon Heinrich Heß, weiland Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalelf. "Die Knochenenden von Oberschenkel und Schienbein passen nämlich überhaupt nicht zueinander."

Um die großen und hügeligen Gelenkflächen einander nahe zu bringen, hat die Natur das Knie mit Bändern, Kapseln, elastischen Knorpelscheiben ("Meniskus"), Fett- und Flüssigkeitspolstern aufgerüstet ­ alles vergebens. Der aufrechte Gang und das lange Leben des Zweibeiners Mensch, sein Gewicht und die sportlichen Hobbys überfordern viele Kniegelenke.

Am ehesten geben die Menisken ihren Geist auf, dann wird der Gelenkknorpel lädiert ("Arthrose"). Beide Gewebe werden nicht durch eigene Blutgefäße ernährt, sondern durch eine Gelenkflüssigkeit, die "Synovia". Gewöhnlich zieht sich die Degeneration des Kniegelenks über Jahrzehnte hin.

Deshalb sind die meisten Patienten, denen mit einer Prothese geholfen wird, alt. Das ist auch gut so, denn der Eingriff soll möglichst nur einmal im Leben erfolgen. In der begrenzten Lebensdauer der Prothesen lag in den vergangenen Zeiten ein Hauptproblem der Ersatzteilchirurgie.

Von Elfenbein zu Edelstahl

Gut 450 verschiedene Knieprothesen sind in den letzten 30 Jahren entwickelt worden, Konstruktionen aus Edelstahl, Titan, Nylon, Teflon, Polyester und Keramik, anfänglich sogar aus Elfenbein, Glas und Gummi. Bewährt haben sich nur wenige Modelle, die aber gibt es mittlerweile in diversen Größen und Variationen, zum Preis von durchschnittlich 4000 Mark.

Kunst im Knie: Die verschiedenen Arten der Knieprothese
DER SPIEGEL

Kunst im Knie: Die verschiedenen Arten der Knieprothese

Je nach Zustand des kranken Kniegelenks werden mehr oder minder aufwendige Ersatzteile installiert. Ehe es so weit ist, versucht ein guter Arzt den großen Eingriff durch ein paar kleine Handreichungen hinauszuzögern.

Seit das Kniegelenk durch nur knopflochgroße Einschnitte mittels feiner Instrumente inspiziert und in der gleichen Sitzung auch behandelt werden kann, sind die ärztlichen Möglichkeiten beträchtlich größer geworden. Das von innen erleuchtete Kniegelenk sieht bei vielen Patienten aus wie eine alte Tropfsteinhöhle; liegt der Knochen schmerzhaft blank, so nennt man das die "Knorpelglatze". Durch eine Spülung lassen sich abgestorbene Gewebereste komplikationslos entfernen. Alternativ kommt die "Gelenktoilette" in Frage, in deren Verlauf degenerierte Gewebe mikrochirurgisch entfernt werden.

"Manchmal gewinnt man fünf oder mehr Jahre", erläutert der Knochenchirurg Rahim Ramanzadeh, "wenn man ein O-Bein in ein X-Bein ­ oder umgekehrt ­ verwandelt." Der Berliner Professor gilt als einer der talentiertesten Knochenoperateure. Er zählte zu den ersten in Deutschland, die erfolgreich Hüftgelenke implantierten. In diesem Monat eröffnet Ramanzadeh gemeinsam mit seinem Sohn Masyar, einem Unfallchirurgen, in der Mitte Berlins ein neues "Internationales Zentrum für Gelenk- und Knochenchirurgie". Spezialität: Kniegelenke, OP-Kapazität: 1000 pro Jahr.

"Schmerzfrei, beweglich, glücklich

"Endlich, nach so vielen Jahren mit schwerer Kniegelenksarthrose, bin ich schmerzfrei, beweglich und glücklich", rühmt June Newton, die Ehefrau des weltberühmten Erotik-Fotografen Helmut Newton, die Gelenkoperation. Ihr hat Ramanzadeh die zerstörten Kniegelenke gegen zwei "De Puy/Johnson & Johnson"-Modelle ausgetauscht, laut Ramanzadeh "der Rolls-Royce unter den Kniegelenken".

Komplikationen blieben aus. Gefürchtet sind Infektionen des Operationsfeldes und die Lockerung der metallischen Implantate. "Eigentlich", sagt Ramanzadeh, "besteht das Kniegelenk ja nur aus Haut und Knochen", ein Umstand, der bakterielle Ansiedlungen begünstigt. Der Berliner Volksmund brachte diese Malaise während der Kriegszeiten auf den Dreisilber: "Knie heilt nie." Jetzt verhindert strengste OP-Hygiene und die Gabe keimtötender Antibiotika die Infektion.

Der operativen Behandlung schließt sich die mehrwöchige "Rehabilitation" an. Sie dient der Wiedergewinnung von Beweglichkeit und Muskelkraft und ist häufig eine schmerzhafte Prozedur. Bei 80 bis 90 Prozent der Knieprothesenträger ermöglicht das künstliche Gelenk nach einigen Wochen jedoch eine lang vermisste Mobilität ­ normales Gehen ohne Schmerzen, sogar moderate sportliche Aktivitäten wie Schwimmen, Radfahren und Golfspielen.

Dass künstliche Kniegelenke irgendwann wacklig werden können, liegt einerseits an den naturgegebenen Veränderungen der Knochenstruktur im Laufe des Alterns, andererseits spielt die Erfahrung des Operateurs eine entscheidende Rolle. Je häufiger ein Chirurg Kniegelenke einsetzt, desto besser sind seine Ergebnisse.

Ein Gelenk macht 18.000 Punkte

Götz von Foerster, Ärztlicher Direktor der auf Gelenkchirurgie und -ersatz spezialisierten Hamburger Endo-Klinik ("Wir sind die größte der Welt") erweitert diese Regel auch auf das medizinische Hilfspersonal: "Je erfahrener das ganze Umfeld, also vor allem Krankenschwestern und Physiotherapeuten sind, desto seltener werden die Komplikationen."

Pro Kniegelenk überweisen die Krankenkassen den Krankenhäusern eine "Fallpauschale" in Höhe von 18.000 Punkten; der Punktwert floatet, im Mittel beträgt er 1,10 Mark. "Damit kommen wir aus", sagt von Foerster. Seine andere Sorge äußert er ­ der Kollegialität wegen ­ nur vorsichtig: Es sei zu überlegen, ob Ärztegremien und Krankenkassen den Krankenhäusern eine untere Fallzahlgrenze vorschreiben sollten, etwa dergestalt, dass ein Chirurg, der weniger als 15 Kniegelenke pro Jahr austauscht, besser gar kein Knie mehr wechselt.

Um die Passgenauigkeit der Knie-Operation zu verbessern, wird in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Frankfurt/Main seit letztem Jahr die Hilfe eines Chirurgie-Roboters in Anspruch genommen. Dieser "Robodoc" fräst das Prothesenlager mit einer Genauigkeit von 0,05 Millimetern aus. "Die Methode ermöglicht einen Knochenkontakt, den der Chirurg mit Handarbeit einfach nicht erreicht", bilanziert Martin Börner, Chefarzt der Klinik.

Um den aufrechten Gang des geplagten Zweibeiners Mensch sorgt sich neuerdings sogar Uno-Generalsekretär Kofi Annan. Er hat die erste Dekade des neuen Jahrtausends zum "Jahrzehnt der Knochen und Gelenke" ausgerufen.

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