Ausgegraben

Zucht in der Jungsteinzeit Welche Kuh passt vor den Wagen?

Zucht in der Jungsteinzeit: So groß wie kleine moderne Rassen
Uni Basel/ IPNA

Zucht in der Jungsteinzeit: So groß wie kleine moderne Rassen


Ein Knochenfund zeugt von einem der ersten Versuche, Kühe zu züchten, die Wagen ziehen konnten. Bauern aus der Horgener Kultur versuchten dazu offenbar, wilde Rinder in ihre Zuchtpopulation einzukreuzen. Wie das in der Praxis ablief, bleibt rätselhaft.

Die kleine Hausrind-Kuh muss sich fremd vorgekommen sein zwischen ihren Weidegenossen, mit denen sie im frühen vierten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung nahe der heutigen Stadt Twann graste. Die anderen Rinder ihrer Herde waren irgendwie anders. Archäologen fanden den Mittelhandknochen der seltsamen Kuh in der jungsteinzeitlichen Ufersiedlung am Bielersee. Dort lag er zwischen Küchenabfällen in der obersten Schicht der Horgener Kultur, die auf zwischen 3093 und 3072 vor Christus datiert werden konnten.

Eine Gruppe Forscher um Jörg Schibler von der Universität Basel hat diesen ungewöhnlich zierlichen Mittelhandknochen genauer untersucht - und ist dabei der erstaunlichen Geschichte dieser Kuh auf die Spur gekommen. Die haben die Forscher nunin der Zeitschrift Scientific Reports veröffentlicht.

Unsere heutigen Hausrinder stammen vom Auerochsen ab, einer Wildform, die vor rund 10.000 Jahren im Nahen Osten domestiziert wurde. Diese Wildart ist zwar seit dem 17. Jahrhundert ausgestorben, doch noch heute trägt jede Milchkuh ihre mütterlicherseits vererbte genetische Signatur. Das bedeutet: Als die Konzepte von Sesshaftigkeit, Ackerbau und Viehzucht aus dem Nahen Osten nach Europa kamen, kam mit ihnen auch das Hausrind. Die neuen Bauern versuchten gar nicht erst, einheimische Auerochsen zu zähmen - sie stellten sich lieber die bereits domestizierten Viecher aus dem Nahen Osten auf die Weide.

Weibliches Wildrind, männliches Hausrind

Die kleine Kuh aus Twann brachte es auf 111,8 Zentimeter. Damit war sie etwa so groß wie kleine moderne Rassen, etwa das Rätische Grauvieh. Insgesamt fiel sie damit zwar zwischen den anderen Rindern der Horgener Kultur nicht weiter auf, die waren insgesamt eher klein. Doch etwas an ihr war grundlegend anders: ihr Erbgut.

Sie trug die genetische Signatur der europäischen Auerochsen. "Ob es sich dabei um einen Einzelfall oder eine gezielte Einkreuzung gehandelt hat, können wir aufgrund unserer Resultate nicht eindeutigen sagen", erklärt Jörg Schibler, Leiter der Forschungsgruppen für integrative prähistorische und naturwissenschaftliche Archäologie (IPNA) am Departement Umweltwissenschaften der Universität Basel.

Vieles spricht für eine frühere Kreuzung zwischen einem weiblichem europäischen Wildrind und einem männlichen Hausrind. "Daraus ergeben sich viele Fragen: Wie schwierig war zum Beispiel eine Begattung oder auch eine Geburt in diesem Fall?", erläutert die Archäogenetik-Spezialistin Angela Schlumbaum die Bedeutung des Fundes für die Forschung.

Schaut man sich um, was die Menschen der Horgener Kultur sonst so zu diesem Zeitpunkt trieben, fallen die frühesten Belege von Holzrädern, Wagen und einem Joch auf. Offenbar experimentierten sie damit, das Vieh auch vor den Wagen zu spannen. Die Forscher vermuten, dass die frühen Bauern aus der Horgener Kultur durch gezieltes Einkreuzen von wilden Auerochsen versucht haben könnten, eine neue kleinere aber robustere Form von Hausrindern zu züchten - die sich speziell als Arbeitstiere eigneten.



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5 Leserkommentare
roklu 07.08.2014
f-rust 07.08.2014
bafibo 07.08.2014
OnkelJack 08.08.2014
hermannheester 09.08.2014

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