Gender Gap Frauen sind die besseren Wähler

Es gibt immer noch Leute, die glauben, dass man Frauen nicht wählen lassen sollte. Tatsächlich ist das Gegenteil richtig, das zeigen die US-Midterms einmal mehr: Frauen sind besser für die Demokratie - überall.

Wahlparty der Demokraten in Washington (6. November 2018)
Bloomberg via Getty Images

Wahlparty der Demokraten in Washington (6. November 2018)

Eine Kolumne von


Wenn Peter Thiel eine politische Meinung vertritt, ist man in der Regel gut beraten, genau hinzuhören. Nicht, weil der Mann so oft recht hätte: Thiel ist einerseits einer der reichsten und mächtigsten Investoren im Silicon Valley und gleichzeitig jemand, der ohne mit der Wimper zu zucken antidemokratische Positionen vertritt.

Folgerichtig ist Thiel auch der einzige Silicon-Valley-Prominente, der offen Donald Trump unterstützt. Vielleicht weil der genau die Zerstörung der demokratischen Institutionen verheißt, die Thiel für ein so großes Problem hält.

In einem Essay, dass der deutschstämmige Paypal-Mitgründer 2009 veröffentlichte, kann man es bis heute unzensiert nachlesen: "Ich glaube nicht mehr daran, dass Freiheit und Demokratie kompatibel sind", schrieb Thiel damals. Der Text enthält eine Vielzahl solcher Kopfschüttelsätze, zum Beispiel die Behauptung, dass "die Zwanzigerjahre das letzte Jahrzehnt der amerikanischen Geschichte" gewesen seien, "in denen man mit Blick auf die Politik ernsthaft optimistisch sein konnte". Zur Erinnerung: Damals war zum Beispiel Rassentrennung in den USA noch völlig normal.

Das Frauenwahlrecht - ein Schritt in die falsche Richtung?

Dummerweise, findet Thiel, sind in den USA seit damals zu viele Dinge schiefgegangen. Die "gewaltige Zunahme der Empfänger von Sozialleistungen und die Ausweitung des Wahlrechts auf Frauen", das geschah 1920, hätte "den Begriff 'kapitalistische Demokratie' in einen Widerspruch verwandelt".

Weil ihm diese Haltung, wenig überraschend, eine Menge Gegenwind einbrachte, fügte Thiel kurz darauf eine bemüht wirkende Verteidigung hinzu: Es sei natürlich "absurd, vorzuschlagen, dass den Frauen das Wahlrecht genommen wird", so Thiel. Was er gemeint habe, seien lediglich die für seine eigene politische Präferenz unerfreulichen "Wahlmuster" von Frauen, "der sogenannte Gender Gap".

Warum heißt es "Dreckskerl"?

Diesen Gender Gap gibt es tatsächlich, in den USA etwa seit den Fünfzigern. Er ist aber, anders als der weiße, männliche Milliardär Thiel das sieht, ein Grund zum Optimismus. Man könnte diesen statistischen Unterschied zwischen dem Wahlverhalten von Männern und Frauen kurz so zusammenfassen: Frauen sind weniger herz- und rücksichtslos. Sie stimmen weniger oft für Kandidaten mit offenkundig aggressiven, militaristischen und feindseligen Positionen. Es hat schon seinen Grund, dass es "Dreckskerl" heißt.

Für die USA fand die an der University of Stanford arbeitende Psychologin Felicia Pratto schon Mitte der Neunziger heraus, dass "Frauen eine andere Haltung zu einem der Grundwerte haben, die Amerikaner im Schnitt wichtig finden, und zwar sozialer Ausgleich".

Natürlich, betonte Pratto damals, gebe es Frauen, die eher mehr Wert auf soziale Hierarchien legten und auch Männer, die stärker um soziale Gerechtigkeit bemüht seien. Aber im Durchschnitt existiere eben ein Geschlechterunterschied.

Frauen in den USA haben demzufolge öfter etwas gegen die Diskriminierung von Schwarzen, Schwulen oder lesbischen Frauen, sie haben weniger Vorurteile gegenüber Einwanderern und interessieren sich mehr für das Wohlbefinden benachteiligter Kinder. 2009 ergab eine Umfrage unter fast 150.000 US-Wählern wieder, dass Frauen im Schnitt häufiger den Demokraten als den Republikanern zuneigten.

Das hätte man wissen können, liebe Republikaner

Felicia Pratto hatte schon in den Neunzigern einen wertvollen Ratschlag für US-Parteiführer: Sie sollten mehr Frauen in aktive, gestaltende Rollen holen, so die Psychologin, "vor allem mehr Frauen, die besser verstehen, was die meisten Frauen in den USA politisch interessiert". Es hat ein bisschen gedauert.

Beherzigt haben den Ratschlag mittlerweile vor allem die Demokraten, motiviert vermutlich nicht zuletzt durch Donald Trump, der für fast alles steht, was an Männern hässlich ist. Im neu zusammengesetzten Repräsentantenhaus werden zum ersten Mal in der Geschichte 100 oder noch mehr Frauen sitzen. 87 davon sind Demokratinnen. Vielleicht gab es bei den Midterms nicht ganz die "blue wave", von der die Demokraten geträumt hatten - eine "female wave" gab es in jedem Fall. Oder, um es noch klarer zu sagen: Ohne Kandidatinnen und Wählerinnen hätten Trumps Republikaner wohl gewonnen.

In Deutschland gibt es ein ähnliches Muster

So richtig reüssiert haben die so weit nach rechts gerutschten Republikaner eigentlich ohnehin nur bei einer Gruppe: den weißen Männern, mit einem Ergebnis von über 60 Prozent. 59 Prozent der Frauen dagegen stimmten für die Demokraten.

Unter schwarzen Wählerinnen waren es laut CNN Exit Poll sogar 92 Prozent, unter Frauen mit lateinamerikanischen Wurzeln fast drei Viertel. Nur bei den weißen Frauen entschieden sich noch fast genau die Hälfte für Trumps Republikaner, was vor allem an Wählerinnen mit niedrigem Bildungsgrad liegt: Weiße Frauen mit College-Abschluss bevorzugten fast überall die demokratischen Kandidaten.

So hat Peter Thiel das vermutlich nicht gemeint, aber es ist schon was dran an dem politischen Gender Gap: Wenn man sich eine Politik der Rücksichtslosigkeit, des Ressentiments, der Geschmacklosigkeit, des Sexismus und der Umweltzerstörung wünscht, lässt man am besten nur noch weiße Männer wählen. Wählerinnen und Kandidatinnen machen kapitalistische Demokratien besser, nicht zum "Widerspruch", wie Thiel meint.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin ja selbst ein weißer Mann, und ich finde mich ehrlich gesagt ganz nett. Aber manche von meiner Sorte sind das eben eher nicht.

Das gilt übrigens auch hierzulande, wo Frauen seit genau hundert Jahren wählen dürfen: Bei der Bundestagswahl 2017 gaben der Partei, deren Kernthema das Ressentiment ist, 16 Prozent der männlichen Wähler ihre Stimme. Von den Wählerinnen dagegen stimmten nur neun Prozent für die AfD.

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insgesamt 117 Beiträge
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Seite 1
Sternwald 11.11.2018
1. leider sehr wahr...
auch ich bin ein Mann, und je älter ich werde desto mehr bewundere ich Frauen in allen möglichen Positionen. Das gute alte Testosteron, was macht es nur mit den Menschen... Nicht viel gutes, leider.
prisma-4d 11.11.2018
2. ...Gegenthese, Männer sind bessere Wähler!
Davon ausgehend das der Anteil an Frauen 50% ist, scheinen aktuell Männer das politische Denken zu bestimmen. Oder anders gesagt: Die SPD erlebt zur Zeit nicht gerade ihre Blüte (Ok, dafür die Grünen). Wenn also der soziale Ausgleich den Frauen mehr am Herzen liegt... wählen diese offensichtlich gegen ihre "Natur" wenn man dem Artikel glauben schenkt.
7131972445694 11.11.2018
3. Faszinierend
Menschen aus Gruppen, die durchschnittlich mehr soziale Leistungen in Anspruch nehmen, wählen eher links, Menschen die durchschnittlich höhere Einkommen haben, wählen eher rechts. Das kommt jetzt nicht überraschend. Nennt sich politischer Wettbewerb. Dass der Linken solange nicht gefällt, solange das Ergebnis nicht den Erwartungen entspricht, ist hingegen nicht sonderlich überraschend.
trex#1 11.11.2018
4.
Es zeugt von einer undemokratischen Haltung, zwischen guten und schlechten Wählern zu unterscheiden. Jede Stimme in der Demokratie ist gleich viel wert. Dass das Wahlverhalten von Männern und Frauen unterschiedlich ist, sagt nichts über besseres oder schlechteres Wählen aus. AfD wählen ist männlich, grün wählen ist weiblich. Das ist so zu akzeptieren.
staplerfahrer_klaus 11.11.2018
5. eigenartiges Demokratieverständnis
Grundgedanke des Autors: wenn Sie so denken und wählen wie ich das für richtig erachte, dann machen Sie das sehr gut und sind ein vorbildlicher Demokrat. Wenn Sie anders denken und wählen dann ist das falsch! Sie haben Demokratie nicht verstanden. Bitte wählen Sie von nun an richtig nachdem ich Sie belehrt habe.
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