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Untergegangene Kultur auf der Osterinsel: Bauer statt Krieger

Archäologie: Das Rätsel der Osterinsel Fotos
imago/Bluegreen Pictures

Mit einem Bürgerkrieg haben sich die Bewohner der chilenischen Osterinsel nahezu selbst ausgerottet, vermuteten Forscher lange. Eine neue Studie kommt zu einem ganz anderen Ergebnis.

Es war nicht gerade viel los auf der Osterinsel, als 1722 der Niederländer Jakob Roggeveen mit drei Schiffen auf dem Eiland im Pazifik landete. Das karge Stück Land ist eine der abgelegensten Ecken der Welt - fast 4000 Kilometer von der chilenischen Küste und über 4200 Kilometer vom polynesischen Tahiti entfernt. Doch schon zu Roggeveens Zeiten deuteten groß angelegte Plattformen und die heute berühmten Moais, Hunderte tonnenschwere Steinstatuen, auf eine reiche Vergangenheit hin. Die wenigen Ureinwohner, die Roggeveen und seine Männer mit Palmenzweigen beschenkten, hielt der Niederländer jedenfalls nicht für die Bauherren.

Wie die stummen Riesen von Rapa Nui, so der ursprüngliche Name der Insel, an ihren Platz gelangten und wofür sie gut waren, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Zudem fragten sich die Forscher nach ersten archäologischen Untersuchungen, wie es zum kulturellen Niedergang kommen konnte - schließlich ließen Siedlungsspuren mit Wachtürmen und Zisternen auf eine Kulturblüte gegen Mitte des 17. Jahrhunderts schließen. Mit der war es aber bis zur Ankunft der Europäer vorbei. Was war passiert?

Die aus verschiedenen Stämmen bestehende Gesellschaft auf der Insel geriet im Streit um Nahrungsmittel aneinander und hat sich selbst fast ausgerottet, glaubten bald die meisten Archäologen. Eine Abwanderung erschien aufgrund der isolierten Insellage eher unwahrscheinlich. Zudem wiesen einige Spuren - so die Annahme - auf Stammeskriege hin, bei denen neuartige Wunderwaffen zum Einsatz kamen: Speere mit Spitzen aus Obsidian, einem vulkanischen Naturglas. Daraus lassen sich mit entsprechender Technik skalpellartig scharfe Klingen herstellen. So scharf, dass aztekische Priester sie einst nutzen, um ihren Menschenopfern damit bei lebendigem Leib das Herz aus dem Körper zu schneiden. Die Überreste dieser sogenannten mata'a wurden auf der Osterinsel tausendfach gefunden.

"Diese Obsidianstücke sehen nicht nach Waffen aus"

Carl Lipo von der Binghamton University im US-Bundesstaat New York zweifelt nun an der These vom Vernichtungskrieg. Zusammen mit einem Forscherteam hat der US-Archäologe die gefundenen dreieckigen Obsidianteile genauer untersucht. Dazu nahm er sich über 400 Fotoserien der Naturglas-Artefakte vor, mit denen die Funde dokumentiert wurden. Mit der sogenannten morphometrischen Analyse, bei der von archäologischen Artefakten vergleichbare Maßzahlen erzeugt werden, erfasste er Größe und Form der Gegenstände. Die bisher als Speerklingen interpretierten Artefakte verglich er mit ähnlichen Waffen aus Europa und verschiedenen anderen Kulturkreisen.

Speer oder Spaten? Mata'a-Funde von der Osterinsel Zur Großansicht
Lipo/ Binghamton University

Speer oder Spaten? Mata'a-Funde von der Osterinsel

"Diese Obsidianstücke sehen nicht nach Waffen aus", sagt Lipo über seine Untersuchung, die im Fachmagazin "Antiquity" erschienen ist. Waffen seien in ihrer Form stets sehr systematisch und einheitlich, das treffe auf die mata'a aber nicht zu. "Natürlich könnte man mit einer mata'a jemanden verletzen, aber es wäre sicher kein tödlicher Angriff", so Lipo. Die Form von Waffen würde in Kriegszeiten speziellen Charakteristiken unterliegen, die sich als sehr wichtig herausgestellt hätten. "Denn wenn eine Waffe nicht gut funktioniert, riskiert man den Tod", sagt Lipo.

Er geht davon aus, dass die Obsidiane Teile von Werkzeugen waren, die in der Landwirtschaft häufig eingesetzt wurden. Das erkläre auch, warum sie überall auf der Insel in großer Zahl gefunden worden seien. Auch eine Nutzung im rituellen Kontext - etwa zur Tätowierung sei vorstellbar.

Die Kriegstheorie hält Lipo für nicht haltbar. "Die Bevölkerung war erfolgreich und lebte nachhaltig auf der Insel, bis es zum Kontakt mit den Europäern kam", sagt er.

Pocken, Syphilis und Tuberkulose

Erste Anzeichen für berechtigte Zweifel an der Bürgerkriegstheorie hatte es aber schon vorher gegeben. So hatte ein US-Forscherteam im vergangenen Jahr eine Studie veröffentlicht, für die sie die Landnutzung an verschiedenen Orten auf der Insel untersucht hatten. Zwar fanden sie einige Hinweise auf eine Verknappung der Nahrungsmittelproduktion, dies könne aber auf geringe Niederschlagsmengen und schlechte Bodenqualität zurückgeführt werden.

Die von dem US-amerikanischen Anthropologen Jared Diamond populär gemacht These, nach der es zum gesellschaftlichen Zusammenbruch infolge von Überbevölkerung, Abholzung und schließlich kriegerischen Konflikten auf der Insel gekommen sei, scheint damit immer weniger haltbar.

Zudem sehen andere Forscher den Grund für einen weiteren, weit gravierenderen Bevölkerungsrückgang auf der Osterinsel erst in der Ankunft der Europäer selbst: Sie schleppten Krankheiten wie Pocken, Syphilis und Tuberkulose ein. Die könnten weit gefährlicher für die ursprünglich aus Polynesien eingewanderte Bevölkerung gewesen sein, als ein paar Obsidianartefakte.

joe

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 55 Beiträge
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1. stumme Riesen
jamguy 16.02.2016
Ich vermute das diente zur Abschreckung?
2.
Msc 16.02.2016
Am Anfang beschreibt der Artikel, dass schon der Entdecker 1722 kaum noch Menschen vorfand, am Ende wird die These aufgestellt, die Europäer hätten Krankheiten eingeschleppt. Wie passt das zusammen? Undokumentiert spanische Kontakte mit dieser Insel?
3. Post-moderne
mapsjanhere 16.02.2016
Geschichtsforschung, der Ureinwohner kann nicht schuld gewesen sein, da muessen es schon die boesen Europaer gelogen haben.
4. das sind Sägezähne ...
WwdW 16.02.2016
das sind Sägezähne wie bei den heutigen Kettensägen. Irgendwie mußten ja die Bäume für die Statuen gefällt werden die man brauchte um die Feuer in den Steinbrüchen zu machen.
5. Steht auf schwachen Füßen.
festuca 16.02.2016
Die Ergebnisse der Paläobotanik ergeben klar, dass die Polynesier den Wald komplett rodeten und die wenigen endemischen Landvogelarten verschwanden. Die sinkende Bevölkerungsdichte lässt sich auch belegen. Da es für einen Kontakt mit Europäern vor 1722 keinen Beweis gibt, ist der Artikel also reine Spekulation.
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